Unterhaltung
Long Time Gone ... schlappe 40 Jahre.
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Mittwoch, 02. Juli 2014

Grandseigneure des Folkrocks: Crosby, Stills, Nash & Young forever

Von Anja Kleinelanghorst

1974 klangen Crosby, Stills, Nash & Young wunderbar, wie ihre neue CD-Box mit Konzertmitschnitten beweist. Neun Jahre später wirken die Herren im Ruhrgebiet dagegen leider etwas lustlos - schlechtes Timing für eine Begegnung.

1983 treten Crosby, Stills & Nash im Essener Georg-Melches-Stadion auf und ich bin dabei. Es ist mein erstes Open-Air-Konzert und ich kann nicht meckern, denn neben der amerikanischen Supergruppe spielen noch Van Morrison, Peter Tosh und Mike Oldfield auf. Aber ich bin wegen Crosby, Stills, Nash da, denn zu dem Zeitpunkt läuft bei mir ihr Live-Album "4 Way Street" rauf und runter. Aber ich habe mir einen schlechten Zeitpunkt für die Begegnung mit einer meiner Lieblingsbands ausgesucht - David Crosby befindet sich im Würgegriff seiner Drogensucht, ist deshalb ein Totalausfall und Neil Young will schon lange nichts mehr mit seinen Kumpels zu tun haben. Nur Stephen Stills und Graham Nash präsentieren sich halbwegs in Form, was das Ganze am Ende noch rettet oder ich will es damals mit meinem Teenagerherzen so sehen. Es genügt mir, meine Helden mal leibhaftig auf der Bühne zu sehen, auch wenn ich im Nachhinein zugeben muss, dass da auch eine Schaufensterpuppe in Gestalt von David Crosby hätte stehen können. Er rührt sich einfach nicht vom Fleck und die Gitarre hängt anscheinend nur zu Deko-Zwecken um seinen Hals.

Doch zurück zu besseren Tagen - zum Anfang. David Crosby und Stephen Stills kommen 1968 zusammen, da ihnen beide ihre Band abhanden gekommen ist. Crosby fliegt bei den Byrds raus und Stills' Buffalo Springfield löste sich auf, da zu viele Egos aufeinandergeprallt sind. Bei einer Party treffen sie gemeinsam auf Graham Nash, singen miteinander und stellen fest, dass ihre Stimmen ganz zauberhaft zusammen klingen. Nash spielt zu dem Zeitpunkt noch mit den Hollies, hat aber die Nase voll und ist bereit für eine neue Band, eine Super-Band, wie es damals heißt. 1969 erscheint mit  "Crosby, Stills & Nash" das Debütalbum, das zu den Hippie-Zeiten passt. Keine schrillen Gitarren, sondern sanfter Folkrock mit großartigem Harmoniegesang, aufgepeppt mit Jazz-Tönen. Stephen Stills behauptet, dass die Platte sein Baby sei und er dürfte recht haben, denn er spielt fast alle Instrumente im Alleingang ein. Das epische "Suite: Judy Blue Eyes" erobert die Charts und darf später bei keinem Live-Auftritt der Band fehlen.

Love and Peace and War and Shit

Die Herren in Action - nicht immer ein Genuss.
Die Herren in Action - nicht immer ein Genuss.

Um ihren Sound von der Platte erfolgreich auf der Bühne umzusetzen, fehlen dem Trio Musiker - sie müssen aufstocken und Neil Young wird ihnen vorgeschlagen. Der spielte schon vorher mit Stills bei Buffalo Springfield zusammen, war recht streitbar, was Crosby abschreckte, aber er lässt sich überreden, da der Junge  klasse komponieren kann und so wird aus dem Trio ein Quartett. Ihren ersten gemeinsamen Auftritt haben sie in Chicago und den zweiten schon beim Woodstock Festival. Das ist eine Feuerprobe und die Jungs bestehen sie mit Bravour - sie singen Joni Mitchells "Woodstock" und liefern damit den passenden Soundtrack für das berühmteste Festival der Welt. Die Tour ist ein großer Erfolg und weckt die Vorfreude auf das nächste Album - "Deja Vu". Hier toben sich alle vier aus - Graham Nash komponiert mit "Teach Your Children" und "Our House" gefällige Songs, die mit Leichtigkeit die Charts erobern und Neil Young beweist mit "Helpless" und "Country Girl", dass er ein Songschreiber von Weltrang ist. Alle Musiker liefern je zwei Songs ab, so viel Demokratie muss sein - hinzu kommt noch das so erfolgreiche "Woodstock" und das von Stills und Young komponierte "Everybody I Love You". "Déjà Vu" trifft ins Herz der Jugendbewegungen mit seinen zum einen sozialkritischen und dann wieder introvertierten Liedern. Wenn Crosby "Almost Cut My Hair" singt, bringt er damit das damalige Lebensgefühl auf den Punkt - die lange Mähne macht den Rebellen aus.

Die Hippies mögen zwar Love & Peace predigen, aber es ist keine friedliche Zeit - vier Studenten werden im Mai 1970 bei einer Demonstration gegen den Vietnam-Krieg an der Universität Kent in Ohio von der Nationalgarde erschossen - Neil Young reagiert sofort und schreibt den Protestsong "Ohio", den die Band wenige Wochen nach den tödlichen Schüssen herausbringt. Crosby, Stills, Nash & Young sind eine politische Band. Aber eben auch eine Gruppe, die aus vier Individualisten besteht - das kann nicht gutgehen. Bei der Tour 1970 prallen die Egos aufeinander, aber auf der Bühne ist davon wenig zu spüren, wie das legendäre "4 Way" beweist, das 1971 mit Live-Aufnahmen der Tour herauskommt. Danach ist aber erstmal Schicht und alle widmen sich ihren jeweiligen Solo-Projekten, von denen Young das erfolgreichste abliefert - "Harvest" und die dazugehörige Single "Heart of Gold" machen ihn zu einem internationalen Star. Wer braucht da noch eine Band? Die Herren treffen sich halbherzig 1973, um ein Album aufzunehmen, aber man versteht sich einfach nicht und lässt es dann sein.

Touren für Millionen

Aber das liebe Geld bringt sie dann doch zusammen. Ihr Manager Roberts überzeugt sie, dass es doch von finanziellem Vorteil sei, auf Stadiontour zu gehen und das Quartett willigt ein. Die Tour bringt Millionen ein, aber hinter den Kulissen brodelt es. Neil Young hat schon bald keine Lust mehr, findet es absurd, dass die Plattenfirma mit "So Far" ein Album herausbringt, das Titel der zwei Vorgänger zusammenbringt und dazu nur noch eine Single dazu packt. Recht hat er, aber die Platte wird trotzdem gekauft. Die Fans lieben Crosby, Stills, Nash & Young, aber das Problem ist, dass "Crosby, Stills, Nash & Young" sich nicht untereinander mögen. So kann man als Band nicht bestehen und man verabschiedet sich. Crosby und Nash bleiben Freunde und machen weiter mit dem gemeinsamen Komponieren. Das Duo bringt zwei Alben heraus.

Da fehlt doch einer?
Da fehlt doch einer?

Auch Stills und Young versuchen es gemeinsam, gehen sogar auf Tour, aber es endet damit, dass Stills die Tour allein weitermachen muss, da Young nicht mehr will und lieber mit seiner eigenen Band Crazy Horse auf der Bühne steht. Nach dieser Erfahrung sucht der so Düpierte wieder den Kontakt zu Crosby und Nash, was zur Platte "CSN" führt. Hier präsentieren sich die drei wieder in alter Topform - melodischer Folkrock, wunderbare Harmonien und alles präzise instrumentiert und produziert. Die Band tourt, widmet sich dann wieder Solo-Projekten. Erst fünf Jahre später gibt es ein neues Album von Crosby, Stills, Nash - bei "Daylight Again" vertrauen die drei Musiker nicht mehr nur ihrer eigenen Inspiration, sondern holen sich andere Songschreiber. Es ist nicht der ganz große Wurf, die Harmonien sind da, aber es fehlen frühere Perlen wie "Carry On" oder "Teach Your Children Well". Das Trio geht trotzdem auf Tour, schaut dann 1983 auch im besagten Georg Melches-Stadion vorbei, wo es eher lustlos agiert, was mein damaliges Teenager-Herz aber wie beschrieben nicht wahrhaben will.

Ein Versprechen wird eingelöst

Crosby wird 1985 wegen Drogen- und Waffenmissbrauchs verhaftet und wandert für ein paar Monate in den Knast. Er nimmt Neil Young das Versprechen ab, wenn er trocken wird, kommt Young für ein gemeinsames Album zurück. Und der Kanadier hält sein Versprechen - hätte er aber besser nicht gemacht. "American Dream" wirkt  zusammengeschustert und verfügt über kein musikalisches Herz. Dieses Mal ist es Stephen Stills, den die Drogensucht davon abhält, kreativ zu sein, David Crosby kämpft mit den gesundheitlichen Folgen seiner Drogensucht und Young will eigentlich lieber seine eigenen Sachen machen. Aber versprochen ist versprochen und so erscheint 1988 das Album, das von der Kritik in der Luft zerrissen wird. Die Zeiten, als die Band als die "amerikanischen Beatles" gefeiert werden, sind endgültig vorbei. In den 90er-Jahren erscheinen mit "Live it Up" und "After the Storm" zwei Alben ohne Neil Young, und diese werden von der Öffentlichkeit dann auch nicht sonderlich wahrgenommen.

Aber der Kontakt zum Kanadier bricht nie ab und 1999 bittet Stills seinen alten Kumpel, bei dem neuen Album mitzuhelfen - dazu ist dieser  auch bereit. CSN haben zu dem Zeitpunkt keine Plattenfirma, aber Young hat eine - so erscheint 1999 "Looking Forward". Den Herren macht das gemeinsame Musizieren wieder Spaß, was man dem Album auch anmerkt. Es läuft sogar so gut, dass alle vier 2000 und 2002 gemeinsam auf Tour gehen. Ins Studio gehen sie nicht mehr, aber sie treten wieder zusammen auf, um sich politisch Gehör zu verschaffen. Die übrigen drei unterstützen Young 2006 bei dessen "Freedom of Speech"-Tour, welches sein Protestalbum "Living With War" begleitet. Das markiert das bislang letzte Mal, dass alle vier zusammen auf der Bühne stehen, aber CSN touren bis zur heutigen Zeit weiter. David Crosby, nach einer Lebertransplantation wieder etwas gesünder und definitiv munterer, bringt im Januar 2014 sogar sein erstes Solo-Album nach zwanzig Jahren heraus. Und wer weiß, vielleicht lässt sich Grummel-Young wieder für eine gemeinsame Welttour begeistern. Im Georg-Melches-Stadion können sie allerdings nicht mehr auftreten - das wurde 2012 abgerissen.

Zugabe:

CSNY 1974 - 4 CDs und eine DVD im Boxset

Live-Aufnahmen von der Stadiontour der vier Musiker durch die USA im Jahr 1974, darunter fünf unveröffentlichte Songs von Neil Young. Das Ganze führt zurück in eine Zeit, wo der US-amerikanische Präsident Nixon kurz vor der Abdankung steht, was die Band sehr freut. Toller Sound und ein schönes Zeitdokument.

Déja Vu - die DVD: Eine Dokumentation über die "Freedom of Speech"-Tour, die einen sehr politischen Neil Young zeigen und einen weniger animierten Steven Stills.

Crosby, Stills, Nash, CSN 2012: Konzertfilm, bei dem die drei Herren unter anderem ihre Klassiker präsentieren. Stills, dem die Stimme in den Jahren zuvor ein wenig abhanden gekommen war, präsentiert sich in guter Form, auch David Croby wirkt wesentlich lebendiger als dreißig Jahre früher in Essen. Und auf Graham Nash ist immer Verlass - er trifft den Ton.

Die Autobiografien:

Graham Nash: Nash erzählt von seiner Zeit bei den Hollies und großen Erfolgen mit CSN&Y, plaudert über seinen stetig steigenden Drogenkonsum und verzeiht David Crosby und Steven Stills eher als Neil Young, den er als ziemlichen Egomanen darstellt.

David Crosby: Since Then: How I Survived Everything and Lived to Tell about It

Auch Crosby haut auf seine Kollegen drauf - in seinem Fall ist es dann Steven Stills, der die meisten verbalen Schläge bekommt. Ein Wunder, dass sie weiterhin gemeinsam auf der Bühne stehen.

Quelle: n-tv.de