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Justice machen gerade Pause, aber 2018 geht es weiter.
Justice machen gerade Pause, aber 2018 geht es weiter.(Foto: Toni Francois)
Freitag, 22. Dezember 2017

Justice für Liebe und Aggression: "Es ist wie in einer Opiumbar!"

Ja, das sind die Jungs von "We Are Your Friends". Zwar kann man sie 15 Jahre später vielleicht nicht mehr so richtig als Jungs bezeichnen, doch als Musiker sind Gaspard Augé und Xavier de Rosnay noch ganz die alten. Beinahe das gesamte Jahr über sind sie mit ihrem Album "Woman" um die Welt getourt. Ihre Bühnenshow ist ein Feuerwerk, das seinesgleichen sucht. Ungewöhnlich, gewaltig, voller Leidenschaft - wie Justice. Im Gespräch mit n-tv.de erzählen sie, wie ihr Tourleben läuft, was sie von den Promis auf dem Coachella Festival halten und wieso sie irrtümlich für Rockstars gehalten werden.

n-tv.de: Ich bin ganz durcheinander. Vorhin habe ich mir ein Interview mit Ihnen auf Französisch angeschaut und herausgefunden, dass Sie "Justice" gar nicht englisch aussprechen. Das müssten Sie aber mal klarstellen!

Xavier de Rosnay: Nein, nein. Deswegen haben wir den Namen doch gewählt. Wir wollten einen französischen Namen. Aber das Wort "justice" gibt es in vielen Sprachen. Überall auf der Welt wissen die Leute, was gemeint ist. Der Name ist international!

Das ist ein bisschen so, wie wenn Leute ihren Kindern heute Namen geben, die auf der ganzen Welt funktionieren, um sie schon mal auf den globalen Arbeitsmarkt vorzubereiten …

Gaspard Augé und Xavier de Rosnay sind Justice.
Gaspard Augé und Xavier de Rosnay sind Justice.(Foto: WMG)

De Rosnay: Ganz genau, das ist Taktik! Volkswagen macht es genauso. Polo, Golf - das kann jeder aussprechen.

Nur mit "Volkswagen" verhält es sich schwierig.

De Rosnay: Da ist was dran. Volkswagen ist ein schwieriger Markenname. Aber sie gleichen es aus mit simplen Namen für ihre Automodelle. Wir hatten jedenfalls ähnliche Gedanken bei der Namensfindung.

2017 waren Sie größtenteils auf Tour. Sind Sie langsam geschafft?

De Rosnay: Wir freuen uns auf 2018! Aber gleichzeitig sind wir immer müde. Eigentlich sind wir müde von Geburt an.

Wie kann man sich Ihr Tourleben vorstellen? Kultivieren Sie bestimmte Rituale?

De Rosnay: Es ist wie in einer Opiumbar! (schweigt und lacht dann) Das Touren an sich ist ja schon wie ein Ritual. Alles wiederholt sich. Aber Wiederholung hat ja etwas Behagliches. Wobei natürlich kein Auftritt ist wie der andere. Auch dann nicht, wenn man in einer Stadt zwei verschiedene Konzerte spielt. Man weiß nie, was für ein Publikum einen erwartet.

Gab es einen Moment, der Ihnen während der "Woman"-Tour besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Für ihre "Woman"-Tour haben Justice eine Bühnenshow entworfen, die ihre Tücken hat.
Für ihre "Woman"-Tour haben Justice eine Bühnenshow entworfen, die ihre Tücken hat.(Foto: Toni Francois)

De Rosnay: Ich möchte sagen: alle! Wir haben fast an jedem Ort in Locations gespielt, die wir noch nicht kannten. Dieses Mal findet alles in einem größeren Rahmen statt. In Paris haben wir in der AccorHotels Arena gespielt. Die kennen wir, seit wir Kinder sind. Wir hätten wirklich nie geglaubt, dass wir da einmal auftreten würden. In unserer Wahrnehmung durften da nur Bands wie die Rolling Stones auf die Bühne.

Und wie war's?

De Rosnay: Abgefahren - aber auch … Ich möchte nicht sagen, dass es stressig war. Wir haben uns Sorgen gemacht, dass etwas schiefläuft. Alle unsere Freunde waren dort, unsere Familien. Und dann war es dieser geschichtsträchtige Ort! Als es vorbei war, konnten wir es gar nicht richtig fassen. Mein Bruder hat dann zu mir gesagt: "Es ist, wie wenn du heiratest. Erst ein paar Tage nach der Hochzeit begreifst du, was da Großes passiert ist."

Was für Konzerte hatten Sie vor Ihrem Auftritt schon dort gesehen?

Gaspard Augé: Der Ort ist legendär, aber wenn wir Zuschauer sind, bevorzugen wir eigentlich kleinere Locations.

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De Rosnay: Meist sind da große Popkonzerte. Das ist nicht so unser Ding. Wir waren vor unserem Auftritt dann aber doch einmal da. Und zwar bei Jean-Michel Jarre, ein legendärer französischer Musiker und ein Wegbereiter der elektronischen Musik. Wir wollten uns aber eigentlich nur mal die Arena angucken und abschätzen, ob wir die wirklich bespielen können.

Haben Sie jemals den perfekten Auftritt hingelegt?

De Rosnay: Ich glaube, die Show in der zweiten Coachella-Woche dieses Jahr war ziemlich perfekt.

Augé: Ah ja. (nickt zustimmend)

De Rosnay: Bei dieser Tour war es besonders schwer, eine perfekte Show hinzubekommen. Der ganze Aufbau ist sehr komplex - sowohl musikalisch als auch visuell. Wir haben extra ein eigenes System dafür entwickelt, aber das läuft quasi noch in der Beta-Version. Andauernd gibt es Probleme. Nichts ist programmiert oder so. Bei jedem Auftritt versuchen wir, es so zu machen, wie wir denken, dass es richtig ist. Aber fast nie passt alles perfekt zusammen - jedenfalls nicht so, wie wir uns das vorher ausgemalt haben. Nur beim Coachella, da lief es!

Wie war es da überhaupt? So gut, wie es einen das Internet glauben lässt oder doch nur Hype?

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Augé: Es war großartig! Der Ort ist einfach ...

De Rosnay: Kalifornien zu Beginn des Frühlings, man ist umgeben von Bergen und Palmen! Außerdem ist das Line-up immer hervorragend. Ich vermute, der Hype ist entstanden, weil das Festivalgelände verhältnismäßig nah an Hollywood liegt. Deswegen gehen so viele Prominente hin. Dass da Leonardo DiCaprio und Emily Ratajkowski rumlaufen, macht das Coachella vielleicht zum coolsten Festival überhaupt in den Augen der Welt. Was das Festival tatsächlich cool macht, sind die Acts.

Immer mehr Leute machen erfolgreich elektronische Musik. Empfinden Sie Druck, auch handwerklich immer noch einen draufzusetzen?

De Rosnay: Ach, elektronische Musik ist doch Mainstream seit "Pump Up the Jam" von Technotronic. Technische Entwicklungen spielen natürlich immer dann mit rein, wenn es darum geht, die eigene Musik an die Grenze des Machbaren zu pushen. Wir scheren uns aber nicht groß um Technik. Auch unsere Lieblingskünstler arbeiten nicht besonders technisch. Wir wollen Melodien schreiben, die berühren, und sie dann möglichst stylish umsetzen. Technische Mittel sind da höchstens Hilfswerkzeuge.

Worauf kommt es bei den Lyrics an?

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De Rosnay: Für uns hat ein Song die perfekten Lyrics, wenn sie nur grob sechs Wörter umfassen und die ausreichen, um etwas auszudrücken, dass jeder verstehen kann. Es geht darum, die Essenz eines Themas herauszuarbeiten. Bei "LOVE S.O.S." funktioniert es super und da sind es sogar noch weniger Wörter! Die ganze Zeit über wird das Wort "love" wiederholt - in Dauerschleife. Trotzdem geht es einem nicht auf den Geist, so was macht uns glücklich.

Nerven Sie Ihre Songs manchmal?

Augé: Oh ja, wenn man sie im Studio andauernd rauf und runter spielt, kann das vorkommen. Grundsätzlich ist es ja aber so, dass wir verschiedene Sachen produzieren. Und nur aus dem, was wir wirklich gut finden, wird ein Song.

Sie werden öfters mit Rockstars verglichen. Fühlen Sie sich wie welche?

Augé: (verdreht die Augen)

De Rosnay: Wir haben uns nie wie Rockstars gegeben. Die Welt der elektronischen Musik ist einfach so nerdy, wenn da mal einer kein Shirt eines Techno-Labels trägt, ist er gleich ein Rockstar. Fürs Musikgeschäft sehen wir doch wohl ziemlich normal aus. Und so verhalten wir uns auch. Wir laufen einfach nicht in Dekmantel-Merch herum.

Ihre Musik ist entweder voller Liebe oder voller Aggression. Manchmal beides. Wie geht das zusammen?

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Augé: Hand in Hand.

De Rosnay: Alles Eindimensionale ist öde. Die meisten Leute schätzen Dinge mit verschiedenen Facetten. Das gilt für Musik genauso wie für Gemälde, für Bücher und überhaupt für Menschen. Zwei Extreme in Koexistenz - das ist spannend! Dieser Grundgedanke lässt unsere Musik vielleicht nicht besonders freundlich erscheinen. Dafür macht er sie aufregend.

Wenn wir schon Genre-übergreifend sprechen: Stellen Sie sich vor, Justice wäre ein Gemälde. Wie sähe das aus?

Augé: Auf jeden Fall eins, bei dem man nicht erst das Schildchen lesen muss, um davon ergriffen zu werden.

De Rosnay: Diese Schilder im Museum sind doch ohnehin schrecklich. Jedes Mal, wenn ich die lese, ruiniert es mir die Kunst.

Augé: Vielleicht würde Konzeptkunst zu uns passen?

De Rosnay: Ich gebe mal grobe Referenzen an, damit sich die Leute auch etwas darunter vorstellen kann. Justice als Bild, das wäre wie eine Landschaft von David Hockney mit Figuren von Francis Bacon drin. Oder besser noch: Hockney-Figuren vor Bacon-Hintergrund. Passt das?

Augé: Ein paar Pollock-Klekse …

De Rosnay: Es wäre auf jeden Fall abstrakt, aber nicht so abstrakt, dass die Leute nichts mehr damit anfangen können. Wir wollen ja niemanden verwirren!

Mit Justice sprach Anna Meinecke.

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Quelle: n-tv.de