Musik

Red Hot Chili Peppers "I'm With You!"

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Herr Kiedis bringt Mädchenherzen jeden Alters immer noch zum Schnellerschlagen.

(Foto: dpa)

Endlich wieder etwas von den wahren California Dream Boys: Anthony Kiedis, Flea, Chad Smith und Josh Klinghoffer stellen ihr heiß ersehntes zehntes Studio-Album vor - eine Zeitreise für die Ohren, die durchaus mit Superlativen bedacht werden darf.

Neulich hat mir eine Freundin von einem Experiment erzählt: Alte Menschen wurden in einem Seniorenheim in ihre Jugend zurückversetzt - quasi. Denn man richtete dort alles so ein, wie es in ihrer Jugend - in den 50er Jahren - für sie überwiegend wohl ausgesehen hat. Auch Klamotten von damals wurden ihnen angezogen, es wurden die Hits des Jahrzehnts gespielt und es gab Erbsen aus der Dose, die so grün waren, wie nur Erbsen in den 50ern grün sein konnten, als die Menschen sich von den tristen Farben eines Weltkriegs erholen mussten. Die Wirkung auf die alten Leutchen war verblüffend: Sie hatten gute Laune, rheumatische und andere Altersbeschwerden waren wie weggeblasen, selbst gucken konnten sie wieder besser. Sollte uns das zu denken geben? Sollten wir das nächste Rentnerehepaar im beige-grauen SommerwieWinterEinheitsLook an der Ampel einfach entführen, in bunte Röhren und wippende Tellerröcke stecken und mal sehen was passiert, wenn wir Elvis auflegen?

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Flea bringt die Bässe zum Knattern.

(Foto: AP IMAGES FOR FUSE)

Vielleicht nicht ganz so drastisch - könnte man das Experiment doch auch erstmal an sich selbst ausführen, und tatsächlich: Es funktioniert. Journalistin zu sein hat ja manchmal auch was Gutes - meist bekommt man zwar global auf die Mütze ("Die Medien haben dies und das wieder falsch gemacht, die Kinder zu Gewaltverbrechern erzogen und die Unwahrheit im allgemeinen verbreitet"), aber ab und an hat es den Vorteil, dass man zum Beispiel in Alben von geschätzten Künstlern hineinhören darf, die es eigentlich noch gar nicht zu hören gibt.

Rockerpunkte vs. Rabatt-Marken

So geschehen auch vor einiger Zeit mit dem neuen Werk der Red Hot Chili Peppers. Nach fünf Jahren präsentieren sie nun ihr zehntes Studioalbum. Gespannte Stille herrscht in einem mit dickflorigem Teppich ausgelegten Raume des First-Class-Hotels Hyatt in Berlin. Jeder einzeln Eingeladene bekommt einen Kopfhörer aufgesetzt und bei los geht's los. Die Frau von der Plattenfirma tippt auf "On" und schon sind die gerade noch heiß ersehnten und frisch aufgestellten Kekse in der Tischmitte in Vergessenheit geraten. Die versammelte Journaille wippt. Mit dem Kopf, mit dem Stift, einige mehr, andere weniger. Ein Lächeln macht sich auf den Gesichtern der Profis breit.

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In guten und in schlechten Zeiten: Die RHCP als Familie.

(Foto: AP IMAGES FOR FUSE)

Ja, das ist es, das ist genau das, worauf wir alle so lange gewartet haben. Jetzt fragen Sie sich natürlich, wie kann man etwas vermissen, das man niemals besessen hat, etwas, das man gar nicht kannte? Das geht. Es ist die Ahnung, die stille Vorfreude auf etwas Gutes. Wenn eine Band wie die Chili Peppers, die, obwohl sie mit Preisen überhäuft wurde und durch ständiges Auftauchen in allen Radiostationen rund um den Globus quasi omnipräsent ist, wenn so eine Band dann auch immer noch einen Independent- und Alternative-Status hat und die Mitglieder Rockerpunkte sammeln wie andere Rabatt-Herzchen bei Kaiser's, dann muss das Album einfach gut werden.

Dance Dance Dance

So, und jetzt haben wir den Salat: Nach einmal hören von "I'm  With You" heißt es auf Wiedersehen. Noch schnell unterschreiben, dass man auf keinen Fall zu früh über seine neue Liebe plauschen wird, und ab geht es in das normale Leben. Dabei ist man doch verliebt. Man möchte nun, wo man einmal den Duft von "The Adventures of Rain Dance Maggie" eingesogen hat, wo man weiß, dass "Annie Wants a Baby" und man letztendlich doch zum Glück in der "Factory of Faith "und nicht in der "Police Station" gelandet ist und nur noch "Dance Dance Dance" will, weiter hören!

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Sohn Everly Bear hat Kiedis immer wieder Kraft gegeben.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Zum Glück war Sommer, nicht in Deutschland, aber im Urlaub (wo man RHCP gerne im Autoradio gehört hätte), und jetzt ist die Zeit doch schneller rumgegangen, als man dachte. Sie ist da, die ganze Platte, ab 26. August im Handel. Produzent Rick Rubin hat  "I'm With You" in den East West Studios in Los Angeles und im Shangri-La-Studio in Malibu/Kalifornien aufgenommen, am Mischpult saßen Andrew Scheps und Greg Fidelman, und herausgekommen ist, dass die Band - auch mit ihrem neuem Gitarristen Klinghoffer - einfach wieder nur eines ist: schön anzuhören. Die kleine Krise nach John Frusciantes Weggang - wie weggeblasen. Der 31-jährige Neue bringt frischen Wind in die Combo, deren Gründer Kiedis und Flea immerhin auch schon bald 50 werden.

Ach ja, und was das Ganze jetzt mit dem Rentner-Experiment zu tun hat? Jeder, der das hört, wird sich um Jahre jünger fühlen, den Pony aus der Stirn pusten, wird auf einem Surfboard auf die Welle warten oder an der Bushaltestelle auf den Freund, wird mitwippen, mitlächeln und sofort Konzertkarten für die Herbst-Wintertour besorgen, wenn die C-A-L-I-F-O-R-N-I-C-A-T-I-O-N ganz besonders dringend gebraucht wird.

Quelle: ntv.de