Musik

"Perfektion ist öde!" Ich bin nicht Jan Delay

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Und darum lieben wir die Disko!

(Foto: dpa)

Im urwaldigen Hinterhof vom Berliner Lido sitzt er, lässig in Trainingsjacke und Jeans und Käppi, die Sonne lacht, Herr Delay lacht, es ist eine wahre Wonne. Man hat ihm vorgeworfen, dass sein Album gar nicht so rockig ist wie angekündigt, aber wen stört das, wenn der Rock ein bisschen funky wird? Nur kleinkarierte Schubladendenker, und so einer ist er nicht, wie sich vor allem im Gespräch herausstellt. Jan Delay ist der tolerantesten einer, und das auch - oder gerade erst recht - wenn ihm weniger Toleranz entgegengebracht wird. Der "Delay Lama" wurde er auch schon mal genannt, und die Ruhe, die er ausstrahlt, steht ganz besonders im krassen Gegensatz dazu, wie er abends "Patty Patty" (Party, Party) macht. Inmitten dieses Yin und Yangs sprechen wir über Liberale (uuaah), Kinder (freiwillig), Klamotten und natürlich die Mucke, die den Mann ausmacht.

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Der Mann ist ein Tier! Ein Pop-Schwein! Respekt!

n-tv.de: Wo ist Sankt Pauli denn in Berlin?

Jan Delay: Wo du willst. Immer da wo es sein soll. Das ist ja nur 'ne Metapher für einen Ort, den es überall geben sollte! Das kann man nicht vergleichen oder verpflanzen, aber jede Stadt, jede Gemeinde sollte ein Sankt Pauli haben. (lächelt) Einen Ort, an dem man allen Grund zum Tanzen hat!

Fangen wir aber mal lieber mit deinem neuen Album an: Das kann man gut durchhören.

(lächelt) Danke, danke.

Ich habe zu jedem Lied eine Frage.

Oh, das könnte lang werden. Ich krieg' ein bisschen Angst. Ich ufer dann immer so aus, aber ich reiß' mich zusammen. (lacht)

"Liebe" - wofür hast du am meisten Liebe, wofür am wenigsten?

Am meisten Liebe habe ich für Liebe (grinst). Am wenigsten Liebe habe ich für Leute, die keine Liebe haben.

Begegnen dir oft Leute, die keine Liebe haben?

Gott sei Dank nicht so oft! Aber man trifft sie immer wieder. Und dann wird mir so kalt. Da sind ganz oft Leute dabei, die keinen Humor haben, ganz schlecht, oder Leute, die keinen Geschmack haben, keine Toleranz, und das sind so wichtige Attribute, die mit Liebe einhergehen. Und wenn die nicht da sind, dann wird's langweilig, kalt und eklig.

Weil du gerade "Geschmack" erwähnt hast - du giltst ja als einer der geschmackvollsten Typen in der Musik: Was macht denn schlechten Geschmack aus?

Nee, ich meine doch nur, so könnte es sich äußern. Aber was schlechter Geschmack ist? Ganz schwer, muss ich lange überlegen. Und eigentlich will ich keine Definition abgeben, aber das einzige, woran ich das festmachen könnte, ist, dass Geschmack und Stil sehr viel mit Qualität zu tun haben. Und so 'ne Qualität kann man über viele Wege erreichen, eben über besonderen Humor oder einen besonderen Ehrgeiz oder ein besonders Wissen, aber am Ende des Tages steht da die Qualität. Für mich persönlich könnte man so Geschmack definieren, das auch zu schätzen zu wissen. Dann schätzt man eben auch Sachen, die man selber vielleicht gar nicht schön findet, aber denen man zubilligt, dass es bei jemand anders ganz wunderbar passt.

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Leder, Leo, ein Lächeln, Jan Delay.

Es geht ja nicht nur um Klamotten ...

... ja klar, es geht auch um Musik, um Möbel, um Politik, um Essen, um alles. Ich werde oft gefragt, was guter Stil ist, und die einzige Definition, die ich unterschreiben könnte, ist: "Man kann es nicht kaufen." (lächelt) Ich musste mir jetzt ja wieder überlegen, was ich anziehe bei dem neuen Album, bleib' ich beim Anzug oder nehm' ich "Suicidal Tendencies Outfits"? (lacht) Und da kann ich mir meine Band so schwer drin vorstellen, deswegen bleib' ich bei den Anzügen. Aber wir brauchten ein bisschen Leder, Nieten statt Knöpfe, Hochwasserhosen, Chelsea Boots, ach, da kann man ja unendlich mit spielen! Und ein bisschen Leo natürlich!

Guckst du, was dein Publikum an hat?

Nein! Nein, auf keinen Fall! Das fänd' ich ja schrecklich, wenn die Leute denken, dass ich darauf achten würde. Also ICH mach' mich schick, aber ich steh' ja auch auf der Bühne, ich will den Leuten doch was geben, und nicht nur die Musik. Da spielt die Optik auch eine Rolle. Meine Fans und Konzertbesucher sollen nur ihre gute Laune, ihren Schweiß und ihre Euphorie mitbringen. Und auch sonst im Leben, auf der Straße ...

... bist du großzügig ...

... naja, nur weil mir das selber wichtig ist, muss das den anderen doch nicht wichtig sein. Die anderen müssen das nicht so sehen wie ich.

Du scheinst ja sowieso der liberale Typ zu sein.

Ich geb' mir Mühe. (grinst)

Du wirkst anderen gegenüber recht großzügig. Zum Beispiel, was andere Musikstile angeht. Und das, obwohl dir an manchen Stellen - Stichwort Wacken - nicht so viel Toleranz entgegengebracht wird.

(zögert) Ja, da kann was dran sein, obwohl es besser klingt, wenn es aus dem Mund von jemand anders kommt (lacht). Wenn man das selber sagt ... (lacht laut), klingt das doch irgendwie peinlich. Deshalb genieß' ich jetzt und schweige. ... Ich mag aber das Wort "liberal" nicht so. Ich wär' lieber offen und tolerant! Deswegen bin ich auch der Botschafter für Toleranz beim SV Werder Bremen. Liberal klingt so nach FDP ...

Tolerant zu sein ist nicht immer einfach, oder?

Ja, nee, es geht. Und um nochmal auf den Anfang des Gesprächs zurück zu kommen: Wir sind noch bei Song Nummer eins (lacht). Nur mal so.

Weißt du was nach dem Rock-Album nun kommt?

Nö, keine Ahnung. Ich versuch', kurz zu antworten (lacht).

Kinderlieder?

Nein, auf keinen Fall.

Das nächste Lied heißt zumindest mal "Dicke Kinder". Wie fies bist du eigentlich?

Gar nicht!! Da geht es doch um dumme Eltern, die ihren Kindern nichts Richtiges zu essen geben.

Meinst du, die werden sich angesprochen fühlen, die dummen Eltern?

Kein Ahnung, ich erzähl' einfach 'ne Geschichte. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Leute, von denen der Song handelt, den Song auch hören, ist wohl recht gering. Aber man kann ja mal drüber sprechen, so wie wir hier. (lächelt) Und vielleicht machen sich dann mal ein paar Leute Gedanken darüber, dass so was nicht so leicht passiert.

Hast du viele dicke Kinder gesehen in letzter Zeit?

Ja, immer wieder, und es tut mir immer wieder leid! Weil ich weiß, dass sie nichts dafür können.

"Sie kann nicht tanzen" heißt das nächste Lied - was machst du, wenn die Frau nicht tanzen kann?

Ach, das ist auch nur 'ne Geschichte. Ich will damit ausdrücken, dass Perfektion langweilig ist, dass das niemanden interessiert. Dass es eigentlich geil ist, nicht perfekt zu sein. Man kann auf so vielen verschiedenen Ebenen glänzen. Das soll nur ein Beispiel sein, das kennt man doch: Da ist ne Frau, bei der alles am Start ist, und dann geht die Mucke an, und es passiert gar nichts.

Oder es sieht doof aus ...

Ja, aber letztendlich ist das doch sogar ganz süß, wenn die nicht tanzen kann. Perfektion ist öde!

Was mach' ich, wenn mein Mann nicht tanzen will?

Nicht wollen ist ja was anderes als nicht können.

Er denkt, er kann es nicht, und deswegen tut er's nicht.

Das ist was anderes. Da bin ich ratlos, da hilft nur gute Musik. (grinst)

Das nächste Lied: "Straße". Wirst du auf der Straße erkannt? Ja, und wirst du gerne erkannt?

Nein, gar nicht, aber ist auch kein Drama. Wenn die Leute kommen und sagen, ey, bist du nicht Jan Delay, dann sag' ich nö, und dann sind die baff.

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"Im Großen und im Ganzen ham wir allen Grund zum Tanzen" ist für einige Musikliebhaber die Textzeile des Jahres.

Der nächste Song: "Fick". Wie viel "Fick" verträgt man denn so, und dann auch noch golden?

Ach, auch das ist 'ne Übertreibung, ich hatte nur keine Lust, drei Mal hintereinander "Fick" zu sagen.

Die Scorpions-Ballade: Was passiert bei dir, wenn du Scorpions hörst, wippst du dann mit dem Fuß?

(lacht) Ja, keine Ahnung. Weißt du, ich bin einfach ein Pop-Schwein, und "Rock You Like a Hurricane" und "Still Loving You" sind doch geil. Die fand ich als Kind geil, als Jugendlicher dann war Hannover-Rock das Schlimmste und jetzt im Alter muss man sich doch eingestehen, dass diese Art von Musik auch geil ist. Ich liebe Balladen wie "November Rain" von Guns N' Roses, und REO Speedwagon. Aber ich kann das jetzt mit 'nem Grinsen, mit einer Distanz, zugeben. Man schämt sich immer noch ein bisschen, aber ich möchte einfach, dass sich alte Feindbilder auflösen, verstehst du? Und deswegen mach' ich ne Scorpions-Ballade, auch nur 'ne Metapher.

Und Schlager?

Den gab es, den gibt es, und den wird es immer geben.

"Nicht eingeladen" heißt das nächste Lied - ist dir das schon mal passiert?

Ja, klar, als ich so sieben war. (lacht) Oder zwölf, dreizehn. Aber ich fand die Idee geil, von einer riesigen Party zu erzählen, und dieses eine Schwein ist nicht eingeladen.

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Das Cover von "Hammer & Michel"

Wen würdest du auf keinen Fall einladen?

Sag' ich nicht.

Und wen unbedingt?

Dr. Dre. Mit dem würd' ich gern mal labern. (zögert) Und doch, hier, Walter Scheuerl, den würde ich nicht gerne einladen.

Warum?

Das ist ein Anwalt, den kennt eigentlich keiner, aber das ist so ein Typ aus Hamburg, und der schafft es immer wieder, die ganzen Schweinekonzerne um Hamburg herum rauszuboxen, Wiesenhof und so, und dafür werden dann die Tierschützer oder Umweltaktivisten verknackt, wenn sie von dem ganzen Scheiß Fotos gemacht haben. Den möchte ich nicht einladen. (lächelt)

"Action" - brauchst du die immer?

Nee, man braucht immer das Yin und das Yang. Sonst kannst du die Action gar nicht genießen, kriegst vielleicht gar nicht mehr mit, dass es gerade Action gibt. Ich brauch' es, runterzukommen.

Und was machst du, um runterzukommen?

Interviews geben. (lacht)

Haha, das ist süß. Der nächste Song: "Hertz 4". Kennst du Einsamkeit?

Ja, aber ich liebe das.

Einsam sein? Du meinst, mal alleine zu sein ...

Ja, genau das! Aber letztendlich will ich mit dem Song auch begrifflich machen, was Hartz 4 bedeutet.  So runterreglementiert zu sein, was für eine unwürdige Situation das ist, das verstehen viele nicht. Da wird einem ja vieles entzogen. Wenn man das übersetzt, das Reglement von Hartz 4, und das anhand von Liebe erklärt, dann versteht man es vielleicht eher. Wenn man keine Liebe bekommt, dann geht man ein. Jeder kennt das, Liebe zu haben, aber auch, keine zu bekommen. Das verstehen auch reiche Leute, (lacht) vielleicht vor allem reiche Leute. Aber nee, ehrlich, das ist echt schwer zu erklären, vielleicht lassen wir das einfach. Während ich darüber rede, denke ich schon, oh Mann, das kann doch keiner verstehen.

"Hertz 4" ist ein trauriger Song über jemanden, der keine Liebe kriegt.

Ja, das reicht.

Alles gut, wir machen einfach weiter. "Kopfkino" heißt der nächste Song, und als Kind dachte ich, dass nur ich so was habe. Hattest du das auch schon in deiner Kindheit?

Boaah, das ist 'ne gute Frage, ich kann mich gar nicht so erinnern. Aber das Kopfkino geht doch eher im Teenie-Alter an, und ab da wird es immer größer.

Gehst du denn ins Kino?

Schaff ich gar nicht, jetzt, wenn wir auf Tour sind sowieso nicht, und dann bin auch noch gerade Vater geworden. Kino is' wohl erstmal nicht mehr. Ich muss auf den Laptop zurückgreifen.

Jetzt hast du eben selbst erwähnt, dass du Vater wirst. Aber du redest nicht gerne über Privates.

Stimmt (lächelt).

Ich hätte jetzt gar nicht gefragt.

Ja, wenn ich selber anfange, klar, dann ist es doch was anderes. Ich will damit ja nicht hausieren gehen. Aber ich dachte gerade einfach nur laut: Tour, Kind, nee, Kino wird wohl erstmal nicht klappen.

Mit Jan Delay sprach Sabine Oelmann

"Hammer & Michel" von Jan Delay ist ab dem 11.4. erhältlich

JAN DELAY & DISKO No.1
24.09.2014 Dresden - Eventwerk  
25.09.2014 Leipzig - Haus Auensee  
26.09.2014 Würzburg - s.Oliver Arena  
27.09.2014 Kassel - Stadthalle  
29.09.2014 CH-Zürich - Maag Event Hall
01.10.2014 München - Zenith  
02.10.2014 A-Wien - Gasometer  
04.10.2014 Neu-Ulm - Ratiopharm Arena  
05.10.2014 Mannheim - Maimarktclub  
06.10.2014 Frankfurt - Jahrhunderthalle  
07.10.2014 Bremen - ÖVB Arena  
09.10.2014 Berlin - Max-Schmeling-Halle  
10.10.2014 Flensburg - Flensarena  
11.10.2014 Lingen - EmslandArena  
12.10.2014 Hannover - Swiss Life Hall  
14.10.2014 Stuttgart - Schleyerhalle
15.10.2014 Dortmund - Westfalenhalle  
16.10.2014 Düsseldorf - Mitsubishi Electric Halle  
17.10.2014 Hamburg - O2 World

Quelle: n-tv.de