Musik

Rainhard Fendrich legt nach "In Unterhaltung steckt das Wort Haltung"

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"Starkregen" ist das 18. Album des österreichischen Liedermachers Rainhard Fendrich.

(Foto: Marcell Brell)

Gerade ist das 18. Album von Rainhard Fendrich erschienen. Auf "Starkregen" widmet sich der Österreicher den Themen unserer Zeit und prangert viele Dinge an, die in der westlichen Welt schieflaufen. Die Zeiten von leichten Hits wie "Macho Macho" und "Schickeria" sind vergangen, liegen sie doch schon viele Jahrzehnte zurück. Heute ist es Fendrich vor allem wichtig, für etwas zu stehen und Haltung zu zeigen. Dementsprechend deutliche Worte findet der 64-Jährige in seinen Texten, aber auch im Interview mit n-tv.de.

n-tv.de: Die Geschichte des Albumtitels ist recht ungewöhnlich. Vielleicht können Sie die kurz erzählen?

Rainhard Fendrich: Als ich das Album fertig hatte, wollte mir kein geeigneter Titel einfallen. Jeder Song erzählt eine eigene Geschichte und es hat sich nicht richtig angefühlt, einen einzelnen als Albumtitel über alle anderen zu stellen. Dann musste ich einen Flug bei einer ausländischen Fluggesellschaft buchen und bin dabei an ein etwas "übermotiviertes" Übersetzungsprogramm geraten. Das hat meinen Vornamen "Rainhard" in "Starkregen" übersetzt und auf einmal war ich im Besitz eines Flugtickets, das auf den Namen "Starkregen Fendrich" ausgestellt war. Zuerst war ich entsetzt, weil mir klar war, dass ich mit diesem Ticket nicht fliegen kann, aber dann habe ich mir gedacht, dass "Starkregen" eigentlich ein guter Albumtitel ist. Mein Name einerseits und andererseits ein typisches meteorologisches Phänomen unserer Zeit als Sinnbild für die Themen, die ich auf dem Album verarbeite.

Das ist also quasi die zweite Bedeutung hinter dem Titel?

Mir kam der Gedanke, dass Starkregen ja eine typische Folge des Klimawandels ist und dieser Klimawandel lässt sich meiner Meinung nach gerade auch im Zwischenmenschlichen beobachten. Auf meinem Album beschreibe ich die unterschiedlichen Facetten dieses Wandels innerhalb unserer Gesellschaft.

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Warum sehen Sie es heute als Ihre Aufgabe als Künstler, auch politische und gesellschaftliche Entwicklungen abzubilden?

Die Frage ist ja: Wer sollte gesellschaftliche Entwicklungen abbilden, wenn es Künstler, die in der Öffentlichkeit stehen, nicht tun? Für mich steckt im Wort Unterhaltung auch immer das Wort "Haltung" und ich kann nur Lieder schreiben über das, was ich wahrnehme und erlebe. Das war schon immer so. Die Themen kommen gewissermaßen auf mich zu - nur sind es heute zuweilen andere Themen als noch vor 40 Jahren.

Sie haben schon auf dem Album "Schwarzoderweiß" deutlich Stellung zu bestimmten gesellschaftspolitischen Themen bezogen. Wie kam das bei Ihren Fans an?

Für meine langjährigen Fans war das kein Bruch, sondern eine logische Fortsetzung. Titel wie "Tango Korrupti" oder "Brüder" sind lange vor "Schwarzoderweiß" entstanden. Wer mir heute vorwerfen möchte, dass ich Stellung beziehe, dem muss ich entgegenhalten, dass ich das schon immer getan habe.

Gibt es da einen Unterschied zwischen Fans in Deutschland und in Österreich?

Wenn es einen Unterschied gibt, dann vielleicht in der Anzahl der Nachrichten und Kommentare zum Beispiel über Facebook. Aktuell bekomme ich mehr Rückmeldungen aus Österreich - positive und negative.

Sie gehören ja nicht mehr unbedingt zu den Digital Natives, aber das Thema treibt Sie um. Es gibt einen Song namens "Social Media Zombie". Wo sehen Sie die größten Gefahren der sozialen Medien und wie gehen Sie selbst damit um?

Ich bin der Ansicht, dass wir uns von den sozialen Medien nicht zu sehr "an die Leine" nehmen lassen sollten. Wer mehr online statt offline unterwegs ist, läuft Gefahr, seine echten sozialen Kontakte zu vernachlässigen und in eine Parallelwelt abzugleiten. Ich selbst nutze soziale Medien im Alltag nicht, sondern habe ein Team, das sich um meine Social-Media-Profile kümmert und mich in regelmäßigen Abständen über Nachrichten und Kommentare informiert.

Auch Burnout ist ein Thema auf "Starkregen". Haben Sie ihn selbst schon einmal erlebt oder waren kurz davor? Was tun Sie, um zu viel Stress von sich fernzuhalten?

Zum Glück hatte ich bislang noch keinen Burnout und kann von mir behaupten, dass ich wohl auch nicht gefährdet bin. Aber im Freundes- und Bekanntenkreis ist das Thema seit Jahren präsent. Nicht ohne Grund hat die WHO Burnout dieses Jahr auch offiziell als Krankheit anerkannt. Wenn ich mal gestresst bin, wirkt ein kurzer Spaziergang mit meinen Hunden oft Wunder - egal, bei welchem Wetter.

Wie lange möchten Sie noch auf der Bühne stehen? Können Sie sich überhaupt vorstellen, irgendwann in den Ruhestand zu gehen?

So lange ich mich fit fühle und mir die Themen nicht ausgehen, will ich auf jeden Fall weiter Musik machen und auf der Bühne stehen. Die Kollegen von der Ersten Allgemeinen Verunsicherung (EAV) haben sich dies Jahr in den "Unruhestand" verabschiedet. Würde ich jetzt aufhören, wäre ich wohl auch eher unruhig - und zwar ständig.

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Bei "Abendrot" geht es um Abschied, den Tod beziehungsweise das langsame Vergessen bei Alzheimer und Demenz. Glauben Sie, dass das schlimmer ist als der körperliche Verfall bei geistigem Normalzustand?

Ich denke, diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten und ist vom einzelnen Schicksal abhängig. Aber ich habe gelesen, dass die meisten Menschen mehr Angst vor Alzheimer im Alter haben als vor anderen Altersbeschwerden. Mir geht es da ähnlich. Wir sind schließlich alle soziale Wesen und definieren uns über unseren persönlichen Werdegang und die Menschen, die uns wichtig sind. Körperliche Beschwerden lassen sich oft lindern. Im besten Fall ist man damit weiter in der Lage, am sozialen Leben teilzuhaben. Aber nach einer Alzheimer-Diagnose ist klar, dass es auf dem Weg ins Vergessen kein Zurück gibt.

Machen Sie sich selbst auch Gedanken über den eigenen Tod? Oder über Krankheiten, die einen auf dem Weg dorthin ereilen können?

Wenn ich behaupten würde, dass ich das nie täte, wäre es gelogen. Aber Angst ist der falsche Zugang zum Lauf der Natur. Von schweren Krankheiten blieb ich bis jetzt gottlob verschont.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft? Für Ihre eigene, aber auch national beziehungsweise global gesehen.

Ich wünsche mir, dass ich noch das tun kann, was mir am meisten am Herzen liegt: Lieder schreiben und auf der Bühne stehen. Darüber hinaus wünsche ich mir im Umgang mit den drängenden Themen unserer Zeit einen offenen, sachlichen Diskurs ohne populistischen Beigeschmack.

Mit Rainhard Fendrich sprach Nicole Ankelmann

Das Album "Starkregen" ist am 20. September erschienen.

Quelle: n-tv.de

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