Musik

25 Jahre "Nevermind" von Nirvana "Mit dieser Platte stimmt etwas nicht"

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Nirvana aus der Vogelperspektive: Schlagzeuger Dave Grohl, Bassist Krist Novoselic und Sänger Kurt Cobain (v.l.)

(Foto: imago/LFI)

Am 24. September 1991 erscheint das Album "Nevermind" von Nirvana. Die Single "Smells like Teen Spirit" dreht die Musikwelt dauerhaft auf links, Kurt Cobain steigt zur Ikone auf. n-tv.de erinnert daran, wie es war, als der Grunge salonfähig wurde.

Jeder kennt es. Wir alle erinnern uns immer noch daran, wo wir waren, was wir gemacht haben, als die großen, weltbewegenden Dinge passierten. Zum ersten Mal die Sex Pistols gehört? Bei Muttern im Auto auf der Rückbank, NDR 2, Wolf-Dieter Stubel live vom Plattenteller. Die Nachricht vom Tode John Lennons? Bei meiner ersten Freundin im guten Wohnzimmer auf der Fernsehcouch. "I wanna be adored" von den Stone Roses gehört? Bei "Blitz Records" in Kiel am Reinhör-Plattenspieler. Zum ersten Mal "Smells like Teen Spirit" wahrgenommen? Im Hamburger Plattenladen "Michelle Records", irgendwann im Spätsommer 1991.

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Kurt Cobain 1991 während des Pukkelpop Festivals in Belgien.

(Foto: imago/LFI)

Ich erinnere mich nicht mehr daran, ob ich genau wegen dieser Platte in den Laden gekommen war, aber ich sehe mich noch beim Blättern in den Neuerscheinungen, als plötzlich dieses Intro ertönt. Die isolierte Schrammelgitarre, das krachende Drum-Break, rein in den Beat, runter zur Strophe. Ich mache die fünf Schritte zum Mann an der Kasse, der schon dieses wissende Lächeln hat. Ich sage: "Was ist das denn?". Als er zur Antwort ansetzt, höre ich sie schon vorher wie ein umgekehrtes Echo: Das ist die neue Nirvana. Ich mit dicken Backen, der Kassenmann mit dem überheblichen Gestus jener Hüter von Hoheitswissen. Hinter ihm läuft der Plattenspieler auf der Fensterbank. Ich höre völlig konsterniert zu, lausche dem Herzschlag der neuen Musik. Wo die denn steht? Bei den Neuerscheinungen offenkundig nicht. Gibt es noch nicht, das sei die Promo, klärt mich der Michelle-Mann auf. Die VÖ verzögere sich. Na super. Erst heißmachen - und dann das. Ich trolle mich wieder nach Hause.

Album in Dauerschleife

In der "Spex" hatte irgendjemand - war es Mark Terkessidis? - die Platte schon besprochen, eine Hymne darauf gesungen, die Schatten vorausgeworfen, den Hunger befeuert. Und dann das: Die VÖ verzögert sich. Die nächsten Wochen ziehen sich, dann endlich steht das Album im heimischen Regal, besser gesagt liegt auf dem Plattenteller und geht vorerst nicht wieder runter. Grunge hatte mich schon zwei Jahre zuvor beim Schopf gepackt. Ich liebte Mudhoneys Garagentrash, das Flirren der Screaming Trees, die kratzigen Hymnen von Love Battery, den Holzhacker-Wahn vom dicken Tad Doyle. Das hier war etwas völlig anderes. Nach dem Röhren und Rummeln vom Vorläufer "Bleach" hatte sich Nirvanas Hinwendung zur Hymne schon auf der "Sliver"-E.P., noch mit Mudhoneys Dan Peters am Schlagzeug, angekündigt. "Nevermind" nun war Cinemascope-Sound aus dem obersten Bord. Danke, Butch Vig!

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Dave Grohl, Kurt Cobain und Krist Novoselic am 20. August 1991 beim Interview zum Europa- Release des Albums.

(Foto: imago/Future Image)

Die folgenden Tage und Wochen gehören Nirvana: Zu "Smells like Teen Spirit" Luftschlagzeug spielen, Klugschnackereien über Killing Jokes Basslinien, bei "Something in the Way" das Wasser in den Augen, immer und überall das SubPop-Logo hinkritzeln, bei Glitterhouse das "Flower Sniffin' Kitty Pettin' …"-T-Shirt bestellen und zunehmend merken, dass man jenes Leistungsspektrum mit der eigenen Grunge-Kapelle wohl eher nicht erreichen dürfte. Irgendwann sitze ich mit Kumpel Rainer am Tresen des "Subway", der Kieler Underground-Club ist für lange Jahre unser zweiter Wohnsitz. Es ist ein Dienstag und damit K.O.T.-Nacht - die Buchstaben stehen für Korn, Ouzo, Tequila. Alles 'ne Mark. Genau die richtigen Nächte für Verschwörungstheorien, Reue-kompatible Flirts und Musikphilosophie. "Mit dieser Platte stimmt irgendwas nicht", raune ich Rainer zu. "Sie ist so perfekt, so bis ins kleinste Detail ausgearbeitet, so perfekt. Sagte ich das schon mal?" Rauchen, Ratsherren, Rumlungern. Und von Betty nochmal "Smells like Teen Spirit" wünschen. Irgendetwas stimmt mit der Platte nicht. Wie war das mit der Summe der einzelnen Teile noch gleich? Wir ahnten nicht, wie uns die Geschichte diese Tequila-Theorien in den folgenden Jahren tatsächlich um die Ohren hauen würde.

Nirvana in Hamburg

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So etwas wirft man nicht weg: Ingo Scheels Original-Eintrittskarte von 1991 - für 20 Mark!

(Foto: Ingo Scheel)

Wiederum einige Wochen später spielen Nirvana in der Hamburger Markthalle, im Vorprogramm die göttlichen Urge Overkill, für die wir gerade erst angefangen hatten, einen privaten Altar zu errichten. Deren "Nevermind", das Album "Saturation", würde es uns zwei Jahre später für alt und für neu besorgen, aber davon ahnten wir noch nichts. Jetzt waren Nirvana am Start. In meiner Lieblingshalle. Im Jahr zuvor noch hatte Dave Grohl an selber Stelle mit seiner damaligen Band Scream gespielt. Mein Kumpel Ulf und seine Hardcore-Band Go Ahead bestritten das Vorprogramm. Die Hauptband kam zu spät, die Kieler Punks halfen beim Drumkit-Schleppen, anschließend bedankte Grohl sich bei Ulf und Co. mit einem Tablett Bier. Im November 1991 nun war der Mann Schlagzeuger in der größten Band des Planeten in spe. Live holten Cobain, Novoselic und eben Grohl das Hochglanz-Produkt wieder zurück auf den verklebten Boden der Tatsachen. Es rumpelt und donnert, es quietscht und pfeift. Nicht ahnend, wie historisch all things Nirvana in den folgenden Dekaden verhandelt werden würden, wird es ein Konzert wie viele andere auch. Laut, promillehaltig, schnell vorüber. Hängen bleibt der Moment, als die Band "Smells like …" ansetzt, die Scheinwerfer-Arme lecken ins Dunkel der Halle, 1200 Fans und ein Gedanke: Was für ein Brett.

Im Jahr darauf spielen Nirvana auf dem Roskilde-Festival. Die Stagetime verzögert sich, irgendwann Richtung Mitternacht entert die Band die Bühne, zermalmt ihre Songs, Grohl verschlampt die Drum-Synkopen beim größten Hit, Novoselic gibt den wankenden Leuchtturm, Cobains angemüdete Lustlosigkeit wirft den Schatten der verbleibenden zwei Jahre voraus. Danach spielen die Screaming Trees auf derselben Bühne, es ist bald 2 Uhr nachts. Deren Sänger Mark Lanegan hat das Warten völlig kirre gemacht. Zu viel Zeit, zu viel Jack Daniels’. Lanegan legt sich mit den Roadies an, schiebt Monitorboxen in den Bühnengraben, seine Gitarristen zerlegen ihre Instrumente, schleudern die Einzelteile ins Publikum. Mein Nebenmann bekommt einen Teil des Griffbretts an die Stirn, ich versuche Erste Hilfe und nehme das Stück Gitarre als Andenken mit nach Hause. Tschüss, Grunge, schön war’s gewesen. Ich komme auch wieder zu dir zurück.

Epilog:

Die großen Ereignisse und wo man war, als man davon erfuhr? Im April 1994 sitzen wir bei Mario in der Dachwohnung. Dosenbier, Döner und Musik. Es klingelt an der Tür, Rainer kommt rein, streicht sich die Haare aus dem Gesicht. "Habt ihr schon gehört, mit Kurt Cobain?" Wir gucken ihn fragend an. Rainer macht eine Geste mit der Hand, der ausgestreckte Finger, der Abzug, in den Mund. "Hat sich erschossen." Entsetzte Stille. Irgendwo hupt ein Auto. Ich greif zur Plastiktüte mit dem Bier. Mario legt "Nevermind" auf.

"Load up on guns, bring your friends, it's fun to lose and to pretend.

With the lights out it's less dangerous.

Here we are now, entertain us."

Quelle: n-tv.de

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