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Die Stimme der einsamen Menschen Sam Smith will sich verlieben

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Fühlte sich schon immer gut beim Singen: Sam Smith.

(Foto: imago/Future Image International)

Der britische Songwriter Sam Smith hat sowohl den Kritikerpreis bei den diesjährigen Brit Awards gewonnen als auch das BBC-Musikritiker-Voting "Sound of 2014" als vielversprechendster Newcomer. Mit "In The Lonely Hour" erscheint nun sein romantisch-souliges Debüt, mit dem er sich zur Einsamkeit bekennt.

n-tv.de: Sam, du warst 21 Jahre alt, als du dein Debüt geschrieben hast. Ist es vergleichbar mit Adeles Liebesschmerz-Album "21"?

Sam Smith: Schon, allerdings mit dem Unterschied, dass Adeles Werk ein Trennungsalbum über zwei Menschen ist und es in meiner Beziehung nur einen Menschen gab: nämlich mich!

Du sagst, dass deine Platte für Leute ist, die nicht wissen wie es ist, verliebt zu sein.

Genau! Ich selbst hatte noch nie eine Beziehung. Ich war verliebt in Personen, die mich nicht zurückgeliebt haben! Das ist schrecklich. Und deshalb habe ich das Album geschrieben. Ich denke, es gibt viel mehr einsame Menschen da draußen, als wir annehmen. Die meisten sagen es nur nicht. Wenn ich es also im Namen der Leute sage, die es selbst nicht tun wollen, ist das doch großartig. Ich will wirklich die Stimme der einsamen Menschen sein!

Fällt dir das denn leicht?

Ganz sicher nicht. Es braucht durchaus Mut, mich dazu öffentlich zu bekennen. Auch das Album "In The Lonely Hour" zu nennen, halte ich für ein mutiges Statement. Ich erinnere mich gut an den Tag, als ich meine Mutter anrief und ihr sagte: "Mom, ich bin einsam." Sich das vor der eigenen Mutter einzugestehen, war echt nicht einfach.

Was macht deine Liebeslieder so besonders?

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Kein Grund, den Kopf hängen zu lassen!

Dass sie von den Leuten handeln, die mich nicht zurücklieben! Vier Songs sind von einer bestimmten Person inspiriert, die mir mein Herz gebrochen hat. Die Person weiß auch davon. Im Zentrum der Platte steht die Einsamkeit. Aber es geht auch um One-Night-Stands. Um Eifersucht. Und um die Hoffnung, eines Tages die Liebe kennenzulernen.

Sind die Menschen denn empfänglicher für deine Signale, jetzt, wo du berühmt bist?

Haha, nein, definitiv nicht. Aber sie haben sehr liebenswert reagiert. Für mich selbst war es ja auch eher ein Abschluss, diese Lieder zu schreiben. Mein Kopf ist heute an einem ganz anderen Platz. Ich blicke hoffnungsvoll in die Zukunft. Damals war ich hoffnungslos. Ich dachte, ich würde für immer allein bleiben.

Vielleicht willst du die Popstar-Karriere ja nur, um die große Liebe zu finden?

Wenn ich so erpicht darauf wäre, Liebe zu finden, sollte ich es lieber lassen mit der Karriere. Denn es gibt kaum eine einsamere Erfahrung, als auf Tour zu sein. Letztendlich sehe ich mein Leben als eine Art Puzzle: Mit meiner Karriere läuft es super, mit meiner Familie und den Freunden. Aber ein kleines Stück fehlt in dem Puzzle: Und das bin ich, der sich verliebt und von demjenigen zurückgeliebt wird. Aber auch ohne dieses Stück Puzzle sieht das Bild noch großartig aus. Ich warte also einfach, bis das Stück, das perfekt passt, vorbeikommt. Ich werde jedenfalls nicht die Form des Puzzles ändern und etwas anderes einfügen, als ich mir vorstelle.

Bist du denn jetzt sehr skeptisch, wenn du jemanden kennenlernst?

Oh ja, da ist was dran! Aber ich gewöhne mich langsam an die neue Situation, dass mich mehr Leute kennen und Menschen anders auf mich reagieren.

Und wenn es doch nicht klappt?

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Modisch ist er gern up to date.

Tja, manche Leute investieren ihr ganzes Leben in die Idee, sich zu verlieben. Denn sie halten es für das einzig Erstrebenswerte. Aber das ist es nicht. Es gibt so viel mehr, was einen Menschen glücklich machen kann. Da ist auch mehr im Leben als die Musikindustrie. Deshalb ist Musik auch nur ein winziger Teil von dem, was ich tun will. Ich habe viele Leidenschaften und Lieben.

Welche denn zum Beispiel?

Ich liebe Mode! Louis Vuitton, Marc Jacobs und Prada – das ist meine Welt.

Was ist mit deinen Ohrringen? Bedeuten die etwas?

Sie bedeuten mir persönlich etwas, aber was genau, das werde ich keinem verraten.

Du hast in einem Interview gesagt, du willst es dir so hart wie möglich geben, damit du genügend Stoff für neue Songs hast. Wie meinst du das?

Nun, ich möchte natürlich nicht total meinen Kopf verlieren. Ich meinte damit nur, dass ich jeden Tag leben möchte, als sei es mein letzter. Lebe intensiv! Behalte die Augen offen! Vergiss nicht, hinzuschauen!

Wer sind eigentlich deine musikalischen Helden?

Ich habe einen sehr breit gefächerten Musikgeschmack: von Beyoncé bis Joni Mitchell, von Etta James bis Maria Mena, von der ich geradezu besessen bin. Aber auf meinem iPod ist alles willkommen. Ich bin da offen.

Obwohl du jüngst begehrte Preise abgeräumt hast, wurden Stimmen laut, du würdest dich nicht genug abheben von anderen populären Soulboys wie John Newman zum Beispiel. Was sagst du diesen Leuten?

Das ist doch Quatsch! Dem Musikbusiness fehlten über Jahre junge Typen mit großen Stimmen. Da waren immer nur Frauen. Deshalb hielten alle Ausschau nach dem nächsten George Michael. Und nun sollen ein paar Sänger schon zu viel sein? Das sehe ich anders. Davon mal abgesehen ist John Newman nicht Sam Smith und Sam Smith ist nicht John Newman. Wir machen komplett unterschiedliche Musik. Man sollte aufhören, uns auf unsere ähnlichen Haarfarben zu reduzieren.

Bauen solche Auszeichnungen dennoch Druck auf?

Ach nein. Ich versuche, den Druck aus meinem Kopf rauszukriegen. Ich will einfach eine gute Zeit haben und die Welt sehen. Und das tue ich gerade zur Genüge.

Mit "Money On My Mind" hast du jüngst deinen ersten Solo-Hit abgeliefert. Hat dich der Erfolg überrascht?

Das hat er! Es ist unglaublich. Ich habe so viele Jahre an meiner Karriere rumgedoktert. Mir haben frühere Manager immer wieder gesagt, dass ich irgendwann meinen großen Durchbruch haben werde. Und nun, wo es passiert ist, ist es ziemlich surreal für mich. Dass das ausgerechnet mit einem Song passiert, der ein kritisches Auge auf die Musikindustrie wirft, hätte ich nicht erwartet.

Angeblich hat deine Mutter ja ihren Job in der Bank verloren, weil sie sich zu sehr um deine Karriere gekümmert hat.

Das hat die englische Presse so dargestellt, aber das ist Quatsch. Ich war damals 17 Jahre jung. Meine Mutter arbeitete und mein Vater war Hausmann. Wenn meine Mutter all ihre Zeit in meine Karriere investiert hat, was zum Teufel hätte mein Vater dann noch tun sollen? Mein Vater war es, der mich nach der Schule zu den Studios fuhr. Er hat sich um mich gekümmert, denn meine Mutter war zu sehr damit beschäftigt, das Geld für die Familie ranzuschaffen.

Waren deine Eltern sehr drängelnd, was deine Karriere betraf?

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Absolut hörenswert!

Im Gegenteil. Meine Eltern haben meinen Geschwistern und mir schon in sehr jungem Alter gesagt, dass wir tun können, was wir wollen. Ich fühlte mich gut beim Singen. Deshalb tat ich es. Das ist meine Leidenschaft, das ist mein Ansporn. Ich war also die treibende Kraft dafür. Und wenn ich mich heute umdrehen und meiner Mom und meinem Dad sagen würde, dass ich's mir anders überlegt habe mit der Gesangskarriere, dann würden sie mir auch dabei zur Seite stehen.

Ist das der Vorteil, wenn man aus einem gut betuchten Elternhaus kommt?

Meine Mom steht nicht auf materielle Dinge und sie hat auch nicht meine Musikkarriere finanziert. Sie nahm meine Schwestern und mich lieber mit in Urlaub in fremde Länder oder lud uns zum Essen ein. Meine Mutter war so clever im Umgang mit Geld, dass wir nicht dadurch verdorben wurden. Als ich klein war, standen wir finanziell noch gut da. Und trotzdem lebten wir nicht anders als heute.

Und deine Musikkarriere hast du später selbst in die Hand genommen?

Absolut! Als ich 18 war, bin ich nach London gezogen. Ich habe zwei Jahre in einer Bar in St. Paul’s  gearbeitet, ich habe dort Toiletten geputzt! Ich habe meine Miete für mein Zimmer in Canary Wharf im Osten von London selbst bezahlt. Ich war wirklich arm zu der Zeit.

Gab es einen Tiefpunkt?

Oh ja. Das war Weihnachten. Ich musste von London nach Cambridge, um das Fest mit meiner Familie verbringen zu können. Aber meine Eltern hatten selbst wenig Geld. Also habe ich alle Euros, die ich in meinem Zimmer gefunden habe, eingesammelt. Ich bin zwei Stunden zu Fuß zur Liverpool Street gelaufen, habe die Euros in Pfund umgetauscht, um mir das Ticket für den Zug nach Hause leisten zu können. Was ich sagen will: Eine Hälfte meines Lebens war finanziell stabil und das Geld nicht zu knapp. Aber meine Familie weiß auch, wie es sich anfühlt, arm zu sein und nicht so viel zu haben. Aber so ist das nun mal: Geld kommt in Wellen, ähnlich ist es mit dem Verlauf einer Karriere. Wer weiß? Vielleicht sind wir bald wieder reich.

Mit Sam Smith sprach Katja Schwemmers

"In The Lonely Hour" von Sam Smith (Capitol/Universal) erscheint am 23. Mai. Bei amazon bestellen

Quelle: n-tv.de

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