Musik

Aus der zweiten Reihe nach vorne Sia kriecht dir in den Kopf

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Sie redet nicht gerne, dafür singt sie um so besser. Sie liebt es, sich zu verstecken, und doch muss sie ans Licht. Sie will nicht berühmt werden, macht aber Urlaub mit Beyoncé. Sie schreibt für Britney und Rihanna, dabei kann sie selbst viel besser singen.

In der "Late Night with Seth Meyers" lag Sia Furler jüngst bäuchlings auf einem Doppelstockbett, während "Girls"-Macherin Lena Dunham - in weißem Anzug und blondem Perücken-Bob - "Chandelier", Sias erste Single aus dem Album "1000 Forms of Fear" aufführte. In der "Ellen DeGeneres Show" ließ sie den Song (wie auch im Videoclip) von dem 11-jährigen, natürlich blondgebobten, Reality-TV-Kinderstar Maddie Ziegler tanzen, während Sia selbst dem Publikum den Rücken zuwandte. Auf aktuellen PR-Fotos hat sie eine Papiertüte auf dem Kopf. Überhaupt: Album ja, aber Promo nein, das war ihre Bedingung für das neue Album. Und unsere vor Wochen per E-Mail gestellten Fragen (reden wollte sie schon gar nicht) vermochte oder wollte die 38-Jährige bis heute nicht beantworten, obwohl sie es versprochen hatte.

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Nein, nah- oder gar greifbar ist sie nicht. Sia Furler spielt Verstecken und Verkleiden und erreicht mit dieser etwas schrulligen, wenn auch in der Popwelt nicht revolutionären Strategie (David Bowie, Gorillaz, Lady Gaga) vermutlich sehr viel mehr Beachtung, als wenn sie einfach nur ihren Schritt spreizen würde wie so viele Pop-Kolleginnen. In einer Branche, in der Exhibitionismus bei vielen zum Markenkern gehört, fällt es eben auf, wenn jemand seine eigenen Regeln aufstellt. "Ich will nicht berühmt werden", so lautet Sias Mantra schon seit Jahren.

Schon lange im Geschäft

Im Geschäft ist die Australierin freilich schon sehr lange tätig. Als Sängerin der Acid Jazz Band Crisp begann sie mit 17 ihre Karriere. Später dann wurde sie Frontfrau der bekannten Downbeatjazzer Zero 7, aber auch solo hat sie sich immer wieder ausprobiert. "Meine Soloplatten waren nie erfolgreich, aber ich brauchte dieses Ventil immer, um mich auszuleben und abzureagieren", so Sia in einem Interview 2009. Leid und Depression waren ihr dabei treue Begleiter. Ihr zweites eigenes Album, das soulpopjazzige "Healing is Difficult", schrieb Sia zum Beispiel, nachdem ihr damaliger Freund in London von einem Taxi totgefahren wurde.

Für breites Aufsehen sorgte Furlers Musik dann - auch für sie selbst überraschend – 2006, als ihr Lied "Breathe Me" vom Album "Colour the Small One" plötzlich in einer finalen Staffelfolge von "Six feet Under" gespielt wurde. "Danach packte mich ein richtiger Wirbelsturm und ich war glücklich, denn ich konnte zum ersten Mal von meiner eigenen Musik leben."

"Der Erfolg tat mir nicht gut"

Mit dem Erfolg kommen jedoch die Probleme. "Der Erfolg beruhigte mich zwar, aber er tat mir nicht gut", so Sia. Ihre soziophob wirkende Verweigerungshaltung, das muss man anmerken, entspringt also nicht nur einem Spleen, sondern auch ihrer Krankengeschichte. Die offen bisexuelle Furler, die gerade übrigens den Heiratsantrag von Filmemacher Erik Anders Lang annahm, leidet an einer bipolaren Störung, auch Alkohol- und Drogenprobleme (beide sollen überwunden sein) räumt sie ein. Koks, Pillen und Tequila waren jahrelang ihre besten Freunde. "Ich habe mich betäubt, weil ich dachte, so halte ich mein Leben besser aus."

2010 ist Schicht, Sia erleidet einen stress- und drogenbedingten Nervenzusammenbruch, zieht sich zurück, und ersetzt die alten Obsessionen nach einer Pause durch eine neue, ungleich gesündere Leidenschaft: die Songschreibesucht. Sia hat in den vergangenen Jahren als Autorin so richtig Karriere gemacht. "Perfume" von Britney Spears, diverse Songs für Christina Aguilera, "Loved me back to Life" von Celine Dion, "Kiss me once" von Kylie, sogar "Diamonds" von Rihanna – das sind alles Sia-Songs.

Ganz große Gesten

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"Sie kriecht dir in den Kopf und holt deine innersten Gefühle raus", sagt Dion über Sia. Diese Technik klappt auch großartig auf "1000 Forms of Fear", ihrem sechsten Album. Sia geizt hier nicht mit den ganz großen Gesten, mit dem Monumentalen, mit kommerziell ausgerichteten Pop-Knalleffekten. Die mit Riesenstimme vorgetragene, monströse Partyexzesshymne "Chandelier", die auch zu einer Rihanna gepasst hätte, lässt fast schon die Scheiben klirren, auch "Edge of the Needle" oder "Big Girls cry" sind mindestens so dramatisch wie das von Sia geschriebene und gesungene David-Guetta-Dancefloor-Epos "Titanium". Auf "Fair Game" erinnert sie sich an ihre Soft-Jazz-Wurzeln, "Straight for the Knife" ist ein intimer, ziemlich dunkler Moment. Ohnehin sind Sia Furlers Texte auf "1000 Forms of Fear" weit davon entfernt, glücklich oder gar hohl zu sein. Sie singt über Pillen, Alkohol und das Gerettetwerden ("Cellophane"), über Sucht ("Chandelier") und Verzweiflung. Der Auf-die-Zwölf-Pop und die oft in Mollgefühle getauchten Texte bilden einen ungewöhnlichen aber hochinteressanten Kontrast.

Ironischerweise ist Sia durch ihre Arbeit in der zweiten Reihe zu dem Star geworden, der sie nie hatte sein wollen. Sie verbringt manches Wochenende mit Jay-Z und Beyoncé in den Hamptons, fährt ein dickes Auto, ist nach L.A. gezogen und lebt das Leben eines Popstars, vor dem sie immer auf der Flucht war. Mit einem Bein Superstar, mit dem anderen Bein Tüte auf dem Kopf - ob das auf Dauer gut geht, wird sich zeigen müssen.

Eventuell schon bald. Denn Sia hat gerade sehr große Pläne. Blond will zu Bond. "Kann ich bitte den nächsten James-Bond-Song singen", schreibt sie auf Twitter. Stimme und Strahlkraft dazu hat sie, und wie man jahrelang schön unsichtbar und gleichzeitig höchst erfolgreich bleibt, das zeigt ja auch ihre Bond-Vorgängerin Adele sehr eindrucksvoll.

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Quelle: ntv.de