Musik

Yes, he can! Sing! Sutherland, zwischen Americana und Country

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Zwei Herzen schlagen in seiner Brust!

Nach 30 Jahren im Filmbusiness ist Kiefer Sutherland schon lange nicht mehr "der Sohn von Donald", sondern ein weltweit "bekanntes Gesicht". Seine erste Leidenschaft jedoch ist schon immer die Musik: "Ich habe mich gefragt, was ich an der Schauspielerei und der Musik liebe und was sie gemeinsam haben. Und das ist das Storytelling - bei Musik allerdings auf sehr unterschiedliche Art." Außerdem auf seine ganz eigene, höchstpersönliche Art. Auf seinem zweiten Album "Reckless & Me", das nun nach seinem von der Kritik hochgelobten 2016er Debüt "Down In The Hole" erscheint, singt uns Kiefer zehn unverwechselbare Songs, wieder produziert von seinem musikalischem Mitstreiter Jude Cole. Das Album enthält wunderbar arrangierte Balladen und authentische Country-Rocksongs, die allesamt von Kiefers einzigartiger Stimme geprägt werden. n-tv.de hat er erzählt, warum es leicht ist für ihn, in seinen Songs etwas von sich preiszugeben, was er als Schauspieler nie preisgeben würde, und wann wir ihn trotz aller Liebe zur Musik wieder auf der Leinwand sehen können.

n.tv-de: Lieber Kiefer, es ist noch gar nicht lange her, nicht mal ein Jahr, da haben wir miteinander gesprochen. Was hast du denn mit den Deutschen am Hut, dass du dich hier so häufig und gern aufhältst?

Kiefer Sutherland: Ich liebe es einfach, hier zu spielen. Was mir am besten gefällt, ist die Tatsache, dass das deutsche Publikum so offen ist. Ihr liebt anscheinend meine Musik, Americana-Music, obwohl die hier garantiert nicht ständig im Radio läuft (lacht). Ich finde das erfrischend, dass ihr so neugierig seid. Meiner Erfahrung nach ist das in den USA ganz anders, da ist man entweder Country-Fan oder Elektro- oder Pop-Liebhaber und wenn man eins mal für sich entdeckt hat, dann probiert man nicht unbedingt neue Sachen aus.

Ist es nicht auch eine Frage des Alters, dass man sich für andere Musikrichtungen öffnet? Früher war man ja tatsächlich entweder Popper oder Punker, Beatles- oder Rolling-Stones-Fan, aber nie beides, das ging nicht.

Ich glaube, das ist eine europäische Sache. Das Genre einer Musik definiert nicht gleich den ganzen Menschen. In den USA ist es nicht möglich, wenn man Hip-Hop-Fan ist, auch gleichzeitig Rockmusik gut zu finden. Wenn du R'nB liebst, dann stehst du einfach nicht auf Elektro. Deine Einstellung zur Musik definiert, wer du bist, wie du dich kleidest, wer deine Freunde sind, wie deine Freizeit aussieht. Hier, in Deutschland, in Europa, probiert man viel eher mal etwas aus.

Wenn ich zu einem Country-Event gehen würde, würde ich mich vielleicht anders anziehen als wenn ich auf einen Rave gehe oder eine Disco-Party, aber ich muss das nicht den ganzen Tag und die ganze Woche durchziehen …

Genau! Musst du nicht (lacht). Ich finde das sehr offen, sehr angenehm. Außerdem, und das ist vielleicht auch ein Teil der Story, ist meine Record-Company BMG deutsch.

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Auf Tour ist der Hollywoodschauspieler durchaus nahbar.

(Foto: imago images / Future Image)

Dann kommen wir mal zu deinem neuen Album. Der Song, der mich am meisten berührt hat, ist "Saskatchewan" - er ist über deine Mutter und er ist herzzerreißend.

Ok, ich erzähl' dir die Geschichte, die dahinter steckt. Ich dachte, nachdem meine Mutter ihren dritten Schlaganfall hatte, dass sie sterben würde. Meine Schwester rief mich in Los Angeles an und sagte mir, dass sie glaube, unsere Mutter würde das nicht überleben. Also bin ich ins Flugzeug gestiegen und auf dem Flug habe ich darüber nachgedacht, was unsere Mutter alles für uns Kinder getan hat, wie unser Leben war, wir ihr Leben war, denn sie hat uns großgezogen, nicht mein Vater. Und die Gedanken sind nur so in meinen Kopf geschossen. Ich dachte dann, dass ich sie nach Hause bringen werde, um sie zu beerdigen, all solche Sachen. Als ich endlich im Krankenhaus ankam, hörte ich schon auf dem Gang die Stimme meiner Mutter. Ich sagte zu meiner Schwester: "Sie klingt eigentlich ganz gesund, oder?" (lacht) und meine Schwester sagte: "Ja, sie wird es schaffen, aber ihr Gehirn ist geschädigt worden." Was soll ich sagen - sie hat sich ganz gut erholt, aber ich hatte nun mal diesen Song, den ich sehr mochte. Also hab' ich ihn ihr vorgespielt. Ich hab' gesagt: "Schau, Mom, den habe ich geschrieben, als ich dachte, dass du sterben würdest, willst du ihn hören?“ Und sie sagte Ja. Noch während ich ihr den Song vorspielte, dachte ich, dass ich einen riesigen Fehler gemacht hatte. "Ich will dich nicht aufregen", sagte ich, "ich höre sofort auf damit, wenn du willst, und ich werde ihn auch nicht auf meinen Konzerten spielen“. Aber alles, was sie gestört hatte, war die Tatsache, dass sie nicht in Saskatchewan begraben werden wollte (lacht).

Und was hast du dann gesagt zu ihr? Konntest du sie beruhigen?

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Kiefer Sutherland ist Musiker mit Leib und Seele.

Ja, ich sagte: "Mom, das ist nur metaphorisch, du musst nicht in Saskatchewan begraben werden (lacht). Wir können dich auch bei Großvater und Großmutter begraben ..." "Dann mag ich den Song", sagte sie nur. Das war so ein bizarrer Moment. Ich meine, was würde ich denn sagen, wenn meine Tochter mir jetzt schon erzählen würde, was sie auf meiner Beerdigung sagen wird (lacht). Aber ich war so begeistert von ihrer Reaktion, dass ich den Song auf dem Album lassen musste.

Das Wichtigste ist doch, dass deine Mutter am Leben ist.

Ja, aber das Interessanteste für mich war, während ich da zehn Stunden im Flugzeug saß, dass ich dachte, ich würde meine Mutter nie mehr wiedersehen, dass sie es nicht schaffen würde, bis ich lande. Und es ist ja nicht so, dass es ihr seitdem blendend gehen würde, aber ich habe das Gefühl, dass ich nun darauf vorbereitet bin, sollte sie es das nächste Mal nicht schaffen. Für mich war das eine unglaubliche Erfahrung, ich meine, ich verdanke meiner Mutter so viel, mein ganzes Leben. Ich habe das letzte Jahr mit ihr jetzt viel intensiver verbracht, und wenn es wirklich passiert, dann wird es mich nicht mehr so kalt erwischen. Hoffe ich!

Und sie weiß, was du wirklich über sie denkst, das ist doch toll. Der andere besonders berührende Song ist der Song für deine Tochter. Ist das ein Geschenk?

Wenn ich texte, dann laufe ich gerne im Haus rum, stundenlang. Ich habe während eines solchen Prozesses also ein Foto gesehen, was im Haus steht, meine Tochter muss darauf so zwei, drei Jahre alt sein. Zu dem Zeitpunkt stand ihr 30. Geburtstag gerade vor der Tür, und mir ist klar geworden, wie schnell die Zeit vergeht. (singt) My Baby, my Darling … ich wollte ihr einfach sagen, wie sehr ich sie liebe, wie toll sie ist, wie sehr ich sie als Person schätze. Und außerdem ist dieser Song noch da, wenn ich es längst nicht mehr bin (lacht). Ich habe ihn ihr vorgespielt. Ich wollte sie fragen, ob sie ihn ganz für sich alleine haben will oder ob es okay wäre, wenn ich den Song aufs Album packe, denn sie lebt sehr zurückgezogen.

Und wie hat sie reagiert?

Sie hat angefangen zu weinen. Und ehrlich gesagt - das war genau die Reaktion, die ich mir erhofft hatte (lacht). Sie hat mir dann die Erlaubnis gegeben, den Song aufs Album zu nehmen. 

Deine Tochter hat ihren Erfolg als Schauspielerin ohne deine Hilfe erreicht, oder?

Ja, ich finde sogar, dass sie es etwas übertreibt damit, so unglaublich allein klarkommen zu wollen (lacht). Ich habe mal einen Film mit meinem Vater gedreht, und ich brauchte eine Filmtochter. Sie wäre perfekt gewesen. Ich meine, Großvater, Vater, Tochter, ideal! Und ich wollte sie überreden, ich hätte sie sogar bestochen, ich habe versucht sie moralisch zu erpressen, aber sie hat nicht nachgegeben. Ich bin total stolz auf sie, dass sie es allein geschafft hat.

Im Oktober gehst du auf Tour …

Ja, keine riesige Tour, nur ich und meine Gitarre und eine kleine Band, aber ich freue mich sehr drauf! Zwischendurch bin ich auf Festivals, ich bin eigentlich das ganze Jahr unterwegs.

Du hast wieder mit Jude Cole zusammengearbeitet, wie lange kennt ihr euch eigentlich?

Oh, schon ewig. Seit ich 18 bin. Wir haben alles zusammen erlebt, die Musik, die Schauspielerei, die Kinder. Vor allem ist er aber ein begnadeter Musiker, ein toller Texter. Er hat mich übrigens dazu überredet, dass ich ein Album aufnehme. Ich habe ihm nur mal meine Songs vorgespielt, ich wollte nur seine Meinung hören. Ich hatte wirklich Angst davor, dass die Leute sagen könnten: "Oh nein, bitte nicht, bitte nicht schon wieder ein singender Schauspieler!" Also hat er mich in eine Bar geschleift und nach ein paar Drinks war ich damit einverstanden, aus den Songs ein Album zu machen. Und noch später war ich dann von der Idee geradezu begeistert. Aber er ist mein bester Freund, er kennt mich wie ein Bruder. Und deswegen hat er recht gehabt, mich zu überreden, ich bin ihm sehr dankbar. Vor allem dafür, dass ich die Erfahrung machen durfte, live aufzutreten. Das ist das Beste daran!

Du gibst viel von dir preis, in deinen Songs, in deinen Interviews - befürchtest du nicht, dass dir das mal falsch ausgelegt werden könnte oder dass man das ausnutzen könnte?

Ich versuche, nicht so viel darüber nachzudenken. Ich bin ja nicht Jack Bauer, ich bin nicht der Typ, der plötzlich Präsident wurde, ich bin nicht der Typ aus "Lost Boy", das sind alles nur Rollen. Als Sänger bin ich ich. Und es stimmt, 30 Jahre lang habe ich mich echt zurückgehalten, und plötzlich stehe ich auf der Bühne und rede über mich und mein Leben, als hätte ich nie etwas anderes gemacht. Das war schon komisch am Anfang … Aber es ist befreiend, über sich zu reden: Wir waren alle schon verliebt, uns wurde allen das Herz gebrochen, wir haben wichtige Menschen verloren, also das sind alles ganz natürliche Vorgänge. Und ich habe plötzlich gemerkt, wie wohl ich mich fühle, wenn ich diese Erlebnisse mit anderen teilen kann. Und wie gesagt, zu merken, dass es Leute gibt, die das, was ich sage oder worüber ich singe, berührt, das ist toll.

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Wir können dich jetzt wieder in "Designated Survivor" auf Netflix sehen …

Ja, das freut mich sehr, ich liebe diese Serie. Und ich liebe es auch, ständig etwas zu tun zu haben, ich brauche das. 

Was machst du, wenn du frei hast?

Zu Hause bin ich mit Familie und Freunden beschäftigt … und ich schreibe dann höchstwahrscheinlich neue Songs. Wenn ich unterwegs bin, dann verbringe ich Zeit mit der Band. Wir verstehen uns alle ganz großartig.

Wie gehst du mit negativen Reaktionen um? Alle Menschen, die sich in der Öffentlichkeit äußern, kriegen ja Kritik ab, positive und negative.

Wenn sich jemand negativ äußert, gemein zu dir ist, weil er denkt, er würde dich verletzen können, bloß weil du offen warst, zum Beispiel in einem Text, dann musst du drüberstehen. Mit 20 hätte ich das nicht gekonnt, jetzt schon. Außerdem denke ich dann, dass sie immerhin über das, was ich gesagt oder geschrieben habe, nachdenken. Ich bleibe authentisch. Und ehrlich gesagt: ich mache sowieso weiter, ich kann nicht anders (lacht).  

Mit Kiefer Sutherland sprach Sabine Oelmann

Quelle: n-tv.de

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