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"Das ist wirklich kein richtiger Metal" Wenn Apocalyptica auf den MDR treffen

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Die geballte Cello-Power: Apocalyptica alias Mikko Sirén, Perttu Kivilaakso, Eicca Toppinen und Paavo Lötjönen (v.l.n.r.).

(Foto: BMG Rights)

"Rondo Veneziano des Rock", lästern einige über sie. Und doch bewegen Apocalyptica mit ihren Heavy-Cello-Klängen die Massen. Nun haben sie sich mit dem MDR Sinfonieorchester unter Anleitung des Choreografen und Tänzers Gregor Seyffert die Musik und Geschichte Richard Wagners vorgeknöpft. Mit n-tv.de sprechen die Finnen über dieses Projekt, aber auch über Metal-Attitüde und ihren Landsmann Samu Haber.

n-tv.de: Euer neues Album "Wagner Reloaded" basiert auf einer Show, die ihr im Mai 2013 anlässlich des 200. Geburtstags von Richard Wagner mit dem MDR Sinfonieorchester in Leipzig gemacht habt. Wie kam es zu diesem Projekt?

Eicca Toppinen: Das Ganze ging los, als Gregor Seyffert uns vor drei Jahren kontaktiert hat. Er war zuvor von den Verantwortlichen der Bayreuther Festspiele gefragt worden, ob er nicht zu Ehren Richard Wagners eine spezielle Aufführung für die lokale Bevölkerung konzipieren könnte - die Operntickets sind ja immer schon Jahre im Voraus ausverkauft, sie sind teuer und die Bewohner der Stadt kommen gar nicht an sie ran. Gregor entwickelte daher diese Tanz-Metal-Idee und fragte mich, ob ich die Kompositionen liefern könnte. Diese dann mit Apocalyptica auch zu spielen, war natürlich die optimale Lösung.

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Da wächst zusammen, was auf den ersten Blick nicht unbedingt zusammengehört - Apocalyptica bei ihrer Wagner-Show in Leipzig.

(Foto: BMG Rights)

Kanntet ihr Gregor Seyffert bereits vorher?

Eicca: Nein. Aber er hat manche unserer Aufnahmen schon bei früheren Arbeiten von sich verwendet, zum Beispiel als er "Marquis de Sade" umgesetzt hat. Jetzt wollte er uns wirklich dabeihaben. Nachdem wir uns vor drei Jahren darüber unterhalten hatten, kippte man in Bayreuth das Vorhaben - warum auch immer. Dann aber erklärte der MDR, er wolle die Aufführung für die Eröffnung seines Festivals zu Ehren Wagners haben. Leipzig ist ja Wagners Geburtsort.

Paavo Lötjönen: Das Stück erzählt praktisch die Geschichte von Wagners Leben - von seiner Geburt bis zu seinem Tod und ein bisschen darüber hinaus.

Eicca: Die Idee und das Script für das Stück gab es also schon vor drei Jahren. Aber erst, als vor einem Jahr die Bestätigung kam, dass es mit dem MDR realisiert wird, habe ich mit dem Komponieren angefangen.

Könnte man das Ganze als eine Mischung aus Musical, Ballett und Theater beschreiben?

Eicca: Im Großen und Ganzen geht es vor allem ums Tanzen. Es startet mit eher ballettartigem, modernem Tanz. Aber am Ende ist es mehr Aktion als Ballett. "Musiktheater" hört sich immer so öde an und ich bin davon auch kein großer Fan. Deswegen möchte ich es nicht so nennen. (lacht) Aber in gewisser Weise trifft es das schon.

Die Songs, die ihr gespielt habt, waren deine Kompositionen. Es waren also keine Lieder von Wagner selbst, sondern welche, die von ihm inspiriert wurden …

Eicca: Es wurde auf unterschiedliche Art mit Wagners Musik umgegangen. Ungefähr ein Viertel der Musik in der Show war Originalmusik von Wagner, die ich neu arrangiert habe, um sie an die Länge der jeweiligen Szenen anzupassen. Einiges war dabei mehr, das andere weniger eng am Original. Die übrigen 75 Prozent hingegen waren komplett neue Musik, die nur für dieses Stück geschrieben wurde. Als ich die Musik komponiert habe, habe ich weniger an Wagner gedacht, als etwa daran: "Okay, auf der Bühne ist Wagner als Baby, also brauchen wir für die Szene eine Art Wiegenlied." Bei anderen Songs wie etwa "Birth Pain", der für eine sehr lange Szene dient, wollte ich bewusst keine Originalreferenzen von Wagner verwenden, aber etwas mit einer ähnlichen Stimmung komponieren.

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Seit 1996 bringt die Formation nun schon Rock und Klassik zusammen.

(Foto: BMG Rights)

Hattet ihr zuvor schon eine Beziehung zu Wagner, zum Beispiel, als ihr an der Musikakademie studiert habt?

Paavo: Ja, klar. Ich habe Wagner natürlich gespielt, als ich für das Orchester an der finnischen Nationaloper gearbeitet habe. Und Perttu, unser dritter Cellospieler, war immer ein sehr großer Fan von Opernmusik. Wagner ist einer seiner Lieblinge. Du kannst Perttu über Opern echt fragen, was du willst - er weiß alles. (lacht)

Eicca: Ich kannte die Musik selbstverständlich auch, war aber nie der größte Wagner-Fan - weil ich eben eigentlich auch nicht der größte Fan von Opern bin. (lacht) Aber natürlich haben wir uns bei unserer Ausbildung mit all den Klassikern auseinandergesetzt.

Wagner ist eine sehr umstrittene Person - das musikalische Genie auf der einen Seite, auf der anderen aber auch sein Antisemitismus. Habt ihr euch damit beschäftigt?

Eicca: Ja, schon. Gregor wollte unbedingt die beiden Seiten von Wagner zeigen. Das ist in dem Stück deshalb auch sehr präsent. Und als ich die Musik geschrieben habe, wollte ich natürlich auch wissen, was in Wagners Leben, um das es ja geht, passiert ist. Wagner ist nicht nur als Komponist sehr interessant, sondern auch als historische Person.

Paavo: Und ich würde sagen, das Stück geht sehr kritisch mit den dunklen Aspekten bei Wagner um. Es wirft auf jeden Fall sehr viele Fragen dazu auf. In der Choreografie gibt es zwei Wagner - den guten und den schlechten. Es sind zwei Alter Egos, die manchmal auch miteinander kämpfen.

Dass ihr die Aufführung ausgerechnet mit dem Sinfonieorchester des MDR realisiert habt, mutet ein wenig skurril an. Ich weiß nicht, ob ihr über den MDR Bescheid wisst …

Eicca: (lacht) Doch, doch. Ich weiß alles über den MDR.

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Das Album "Wagner Reloaded" ist vor Kurzem erschienen.

(Foto: BMG Rights)

Er gilt hierzulande eher als ein etwas konservativerer Sender mit einem starken Hang zu deutscher Volksmusik …

Eicca: Bevor das mit dem MDR feststand, wollten wir es tatsächlich auch mit einem kleineren und jungen Orchester umsetzen. Aber als der MDR sich dann dafür interessierte, war uns klar, dass wir das auch machen würden. Sie haben mit Kristjan Järvi einen wirklich großartigen Chefdirigenten, der sich darum bemüht, neue Wege zu gehen und für das Orchester neue Publikumsschichten zu erschließen. Und es gibt auch unter den Verantwortlichen einige liberale Leute, denen es einfach um eine gute Zukunft für das Orchester geht.

Wie wurde denn die Idee vom Orchester selbst aufgenommen?

Gut. Und ich weiß von meiner eigenen Orchester-Erfahrung, dass das nicht selbstverständlich ist. Unter Bedingungen zu spielen, bei denen man sich gegenseitig nicht hört, räumlich voneinander getrennt ist und den Dirigenten nur auf einem Monitor sieht, ist nicht so toll.

Mit dieser Show seid ihr wieder mal nach Deutschland zurückgekehrt. Ihr habt schon in der Vergangenheit oft mit deutschen Künstlern kooperiert - von Guano-Apes-Sängerin Sandra Nasic über Till Lindemann von Rammstein bis hin zu Nina Hagen. Woher kommt diese spezielle Verbindung?

Paavo: Deutschland und die Schweiz waren in den neunziger Jahren die ersten Länder, in denen wir außerhalb von Finnland aufgetreten sind. 

Eicca: Wir hatten hier eine sehr umtriebige Plattenfirma und gute Tourmanager. Für unser drittes Album haben wir außerdem bei einem deutschen Label unterschrieben. Wir hatten dann einen deutschen Manager und lange Zeit unsere Basis hier. Wir sind deshalb sehr oft in Hamburg und Berlin gewesen und haben viele deutsche Musiker getroffen. Ich habe unsere Konzerte in Deutschland nie wirklich gezählt - aber es müssten zwischen 150 und 200 sein. Es gibt nicht eine Stadt hier, in der wir nicht gewesen wären. Ich glaube, noch nicht einmal ein Dorf. (lacht)

Okay, das hat also eher praktische Gründe …

Eicca: Ja, aber auch wenn man sich die Geschichte finnischer Musik anschaut, dann wurde die am stärksten von Deutschland beeinflusst - also, nicht die Rockmusik, aber die Klassik.

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Paavo Lötjönen ist Gründungsmitglied von Apocalyptica.

(Foto: imago stock&people)

In Deutschland ist derzeit wiederum ein Finne schwer angesagt: Samu Haber. Kennt ihr ihn?

Eicca: Ja, klar. Das ist ein cooler Typ.

Paavo: Was machen denn seine Deutschkenntnisse?

Die sind wirklich gut. War das ein Thema in Finnland, als feststand, dass er bei "The Voice Of Germany" in der Jury sitzen würde?

Eicca: Natürlich als das bekannt gegeben wurde. Aber jetzt nicht mehr so.

Für euch wäre es schwer, so eine Aufgabe zu übernehmen, weil ihr nicht singt. Ihr habt ja mal mit Marta Jandova von Die Happy am Bundesvision Song Contest teilgenommen …

Eicca: Ja, am allerersten.

Aber ihr könntet zum Beispiel nie am Eurovision Song Contest teilnehmen, weil es da nur um den Gesang geht …

Eicca: Stimmt, aber wir haben da schon gespielt! Nachdem Lordi den Eurovision Song Contest nach Finnland geholt hatten, sind wir in Helsinki im Showprogramm aufgetreten.

Dass ihr nicht als Teilnehmer mitmachen könnt, frustriert euch also nicht allzu sehr …

Eicca: (lacht) Nein, das war nie unser Ziel. Der Bundesvision Song Contest war etwas anderes. Das war etwas Neues, von Stefan Raab organisiert. Wir wussten, dass er ein lustiger Typ ist. Und auch der Bundesvision Song Contest war nicht so ernsthaft. Er hatte eher bestimmte Elemente einer Parodie auf den Eurovision Song Contest. (lacht)

Habt ihr auch nie das Bedürfnis, die Cellos mal zur Seite zu packen, euch eine Gitarre zu schnappen und einfach drauflos zu klampfen?

Eicca: Ich spiele inzwischen Schlagzeug. (lacht) Nein, es macht Spaß, Cello zu spielen. Und wir haben inzwischen ja auch so viel mit Sängern kooperiert. Wir haben mittlerweile um die 20 Songs mit Gesang. Und in der Zukunft werden noch mehr dazu kommen. Vielleicht finden wir ja irgendwann auch dauerhaft einen Sänger – für einige Songs auf den Alben und für die Tourneen.

Paavo: Bist du ein guter Sänger?

Nein, vergiss es!

(Allgemeines Gelächter)

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Auch das Mastermind der Gruppe, Eicca Toppinen, ist von Anfang an bei Apocalyptica mit von der Partie.

(Foto: imago stock&people)

Ihr scheint unter Metal-Fans ziemlich zu polarisieren. Einige lieben euch für das, was ihr macht. Andere lästern, dass das kein "richtiger Metal" sei …

Paavo: Ich glaube, sie haben recht. Das ist wirklich kein "richtiger Metal". (lacht) Ach, weißt du, die Leute gibt es immer.

Eicca: Wir haben in all den Jahren festgestellt, dass die Menschen die Dinge gern kategorisieren - je einfacher das fällt, umso besser. Aber Apocalyptica ist eben nicht einfach zu kategorisieren. Unser Ziel war stets nur, gute Musik zu machen. Ja, mit einer Metal-Attitüde - aber wir haben nach wie vor auch viele klassische Elemente auf unseren Alben, speziell natürlich auf dem neuen Album. Und es gibt hier und da auch Einflüsse von Pop, Electro oder was auch immer. Wenn jemand meint, Metal sei nur ein ganz bestimmter Stil und ginge nur mit Gitarren und Gesang, dann passen wir natürlich nicht in dieses Raster. Hey, die Meinung darf gerne jeder haben. Aber wir sehen das anders.

Ihr habt einst mit dem Covern von Metallica-Songs begonnen. 2011 standet ihr nun anlässlich des 30-jährigen Jubiläums von Metallica in San Francisco gemeinsam mit James Hetfield und Co auf der Bühne. War das das Highlight eurer Karriere?

Paavo: Wir sind auch schon häufiger für Metallica als Vorband aufgetreten …

Eicca: Wir können uns wirklich glücklich schätzen, weil wir unzählige tolle Erfahrungen auf der Bühne gesammelt haben. Und wir haben an sehr aufregenden und außergewöhnlichen Orten gespielt. Mir fällt es deshalb sehr schwer, davon etwas als besonderes Highlight hervorzuheben. Aber bei dem Auftritt mit Metallica gab es noch eine andere Ebene. Sie haben zu dem Jubiläum Bands eingeladen, die sie ihrer Ansicht nach beeinflusst haben. Dass Metallica uns, die wir einst als Fans ihre Songs gecovert haben, heute wiederum als Einfluss für sich sehen, ist natürlich der Wahnsinn. Insofern ist das sicher schon eines der größten Highlights. Eine größere Ehre wurde uns nie zuteil.

Sind sie immer noch Idole für euch?

Eicca: Wir haben auf jeden Fall sehr große Achtung vor ihnen - davor, wie sie die Dinge angehen, wie sie um Einzigartigkeit bemüht sind und darum, sich ständig neu zu erfinden. Auch davon, wie sie sich ihren Fans gegenüber verhalten, könnten viele Bands lernen. Und sie sind großartige Typen. Aber natürlich haben wir in den vergangenen Jahren sehr viele große Stars getroffen und mit vielen Menschen gearbeitet, deren Fans wir einmal waren. Sobald man zusammenarbeitet, zieht so etwas wie Normalität ein - was aber nicht heißt, dass man die Achtung verlieren würde.

Zu denen, mit denen ihr zusammengearbeitet habt, gehören zum Beispiel Slayer-Schlagzeuger Dave Lombardo oder Slipknot-Sänger Corey Taylor. Habt ihr noch jemand für eine Zusammenarbeit auf dem Wunschzettel?

Eicca: Auch da fällt es schwer, die eine, wirklich ultimative Person zu nennen. Es gibt so viele interessante Künstler auf der Welt, mit denen eine Zusammenarbeit toll wäre ... David Bowie wäre cool. (lacht) Großartig wäre es auch, einen komplett neuen Song zusammen mit James Hetfield zu machen. Wir haben schon oft über Björk gesprochen - das wäre aufregend. Oder Tom Waits - da könnte keiner das Ergebnis vorhersagen. (lacht) Und sogar mit einigen Rappern wäre eine Zusammenarbeit interessant. Ich hätte echt Lust auf Eminem. Oder auf Skrillex. Die sind beide Metal!

Mit Eicca Toppinen und Paavo Lötjönen sprach Volker Probst

Das Album "Wagner Reloaded" von Apocalyptica bestellen

Apocalyptica geben im März 2014 zwei Deutschlandkonzerte mit Orchester-Begleitung: Hamburg (17.3.), Berlin (18.3.). "Wagner Reloaded" wird am 7. und 8. Juni 2014 abermals in Leipzig aufgeführt.

Quelle: ntv.de

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