Panorama

Zweite Covid-Welle in Italien Der Albtraum ist zurück

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Menschenleere Straßen: In Mailand gilt zwischen 23 und 5 Uhr eine Ausgangssperre.

(Foto: imago images/Independent Photo Agency Int.)

Lange hatten die Italiener gehofft, bei der zweiten Corona-Welle glimpflicher davonzukommen. Doch das Coronavirus hat das Land wieder fest im Griff. Ein Mailänder Assistenzarzt spricht mit ntv.de über schmerzhafte Erinnerungen, ein Gefühl der Niederlage und den Lärm der Atemhelme.

Es ist 6 Uhr abends, das Treffen mit Fabio Pirracchio, Assistenzarzt für Atemwegserkrankungen, findet vor der Notaufnahme des Mailänder Policlinico statt. Das Krankenhaus liegt im Zentrum der norditalienischen Stadt, gleich hinter der Universität und keine zehn Minuten vom Dom entfernt. Ständig kommen Rettungswagen an. Einer hat etwas größere Scheiben, durch die man Sanitäter mit Corona-Ausrüstung sieht. Die Szene dauert nur den Bruchteil einer Sekunde, trotzdem ist sie wie eine Faust im Magen. Mailand ist zu einem Covid-19-Brennpunkt geworden, allein hier wurden am Donnerstag 917 neue Infektionen festgestellt. Doch die erschütternde Dramatik der Situation spürt man erst, wenn man solche Szenen selber sieht.

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"Es ist schlimmer als im Frühjahr", sagt Fabio Pirracchio, der am Policlinico in Mailand arbeitet.

(Foto: Andrea Affaticati)

Bis vor Kurzem verfolgten die Italiener die Nachrichten über die rasant steigenden Fallzahlen in Spanien, Frankreich und Belgien und dachten, bei dieser zweiten Viruswelle würden sie glimpflicher davonkommen. Doch der Schein trog, Italien war diesmal nur später dran. Am Donnerstag gab es landesweit 16.079 neue Covid-19-Fälle, 136 Menschen starben an den Folgen der Viruserkrankung. Und wie im Frühjahr schlägt das Virus wieder besonders heftig in der Lombardei zu: 4125 Neuinfizierte und 29 Opfer waren es am Donnerstag. Hinzu kommt, dass sich das Virus diesmal sehr schnell auch in Süditalien, vor allem in der Region Kampanien verbreitet. Mit 1541 Fällen liegt sie gleich hinter der Lombardei.

Noch bevor man an einem der Tische vor einem Café gleich bei der Uni Platz nimmt, sprudeln die Worte aus Pirracchio heraus. "Es ist schlimmer als im Frühjahr", sagt er ntv.de. "Damals hatten wir, wenn ich nicht falsch liege, einen Spitzenwert von 6000 Neuinfektionen am Tag erreicht, jetzt sind wir schon bei über 15.000 innerhalb von 24 Stunden." Pirracchio ist 30 Jahre alt, kommt aus der sizilianischen Stadt Catania und macht in Mailand seine Weiterbildung. Schon während der ersten Covid-19-Welle war er in der Intensivstation des Policlinico eingeteilt. Das bedeutete manchmal bis zu zwölf Arbeitsstunden hintereinander. Aber es war nicht die Müdigkeit, die ihm zu schaffen machte. "Woran ich mich noch immer erinnere, sind vor allem die ersten Toten, die Wut und die Macht- und Ratlosigkeit, die uns überkam, weil wir es nicht geschafft hatten, die Patienten zu retten."

Gefühlt eine Niederlage

Diese Geister sind zurück. Und anders als in der ersten Phase kommt jetzt auch die Niedergeschlagenheit hinzu. Freilich hätten sie mittlerweile viel dazugelernt, fährt Pirracchio fort, sie wüssten jetzt besser mit den Patienten umzugehen und welche Medikamente zu verabreichen seien. Nichtsdestotrotz fühle sich das alles wie eine große Niederlage an. "Vor sechs Monaten, als alles begann, hatten wir die Hoffnung, wollten sie haben, dass es sich um eine vorübergehende Notsituation handelte und dass wir aus diesem Albtraum als Sieger erwachen würden. Wir haben uns auf die Barrikaden gestellt und gekämpft. Jetzt ist der Albtraum zurück und der Winter steht vor der Tür. Keine Frage, wir werden wieder genauso entschlossen kämpfen, wir lassen uns nicht unterkriegen. Nur haben wir das alles schon durchgemacht und deswegen ist es psychologisch mühsamer."

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Dieser Straßenmusiker bittet seine Zuhörer darum, den nötigen Corona-Abstand zu ihm einzuhalten.

(Foto: Andrea Affaticati)

Dass sich Italien nicht unterkriegen lässt, hofft auch die Regierung, die gerade ihr Bestes versucht, um einen neuen landesweiten Lockdown zu verhindern. Das wäre auch für die Wirtschaft - die sich im dritten Quartal bemerkenswert gut zu erholen schien, die italienische Notenbank sagte ein Plus von 12 Prozent des Bip voraus - ein Desaster von noch nicht abzuschätzendem Ausmaß. Deswegen hat Premier Giuseppe Conte beschlossen, Schritt für Schritt vorzugehen, je nachdem wie sich die Lage entwickelt. Seit diesem Montag müssen Gaststätten und Restaurants um 24 Uhr schließen und es darf nur an den Tischen bedient werden. Wer keine Tische hat, muss um 18 Uhr schließen. In der Lombardei gilt außerdem seit Donnerstag eine Ausgangssperre von 23 Uhr bis 5 Uhr und die Schüler der Oberstufe müssen zurück zum Fernunterricht. Mit dieser Maßnahme soll der öffentliche Nahverkehr entlastet werden, der gerade stark in der Kritik steht. An manchen Haltestellen hängen Transparente, auf denen steht, das Virus verbreite sich nicht wegen des Nachtlebens, sondern wegen der überfüllten Busse und Bahnen.

Trostlosigkeit, Mut und Teamgeist

Während sich die Bürger den neuen Einschränkungen anpassen, werden in den Krankenhäusern wieder Trennwände hochgezogen und Covid-Stationen eingerichtet. In Mailand kommt jetzt auch das Feldlazarett, das im März auf dem ehemaligen Messegelände gebaut wurde, wieder zum Einsatz. An Beatmungsgeräten fehlt es jetzt zwar nicht mehr. Woran es aber in ganz Italien mangele, sei Personal, wie die Ärztekammern und die Organisationen des Pflegepersonals immer wieder beklagen.

"In meiner Krankenstation haben wir vorsichtshalber nichts abgebaut", fährt Pirracchio in seiner Erzählung fort. Er spricht mit ruhiger Stimme, doch sein Blick trübt sich immer wieder. Mehrmals greift er zum Desinfektionsmittel, den Mundschutz nimmt er nur ab, wenn er an seinem Cocktail nippt. Auf die Frage, ob er Angst habe, antwortet er mit Nein - beziehungsweise nur ein wenig, was seine Person betrifft. Sein Sorge gilt vielmehr den Eltern in Sizilien und ihm nahestehenden Menschen. "Diese Ängste dürfen aber nicht mit ins Krankenhaus, denn Ärzte und Pflegepersonal sind in den Intensiv- und Subintensivstationen die einzigen Kontaktpersonen für die Patienten", sagt Pirracchio. "Und ihnen müssen wir Mut machen." Eine gute Teamarbeit sei deshalb ausschlaggebend, aus medizinischer wie auch aus psychologischer Sicht. Momente der Trostlosigkeit gebe es immer wieder und da sei es wichtig, jemanden in der Nähe zu haben, der begreift, was in einem vorgeht und der ein ermutigendes Wort oder eine ermutigende Geste für einen hat. Auch jetzt, wo der Kampf gegen das Virus wieder begonnen hat und die Apparate der Atemhelme wieder in Funktion sind. "Es hört sich so an wie zig angesteckte Haartrockner", versucht Pirricchio das Geräusch zu beschreiben. "Ich hatte diesen Lärm fast vergessen. Und es hat mich kalt erwischt, als ich ihn wieder hörte, denn er bedeutet für mich nur eines: Coronavirus."

Die Dunkelheit ist angebrochen. Die sonst sehr belebte Straße vor der Uni ist fast menschenleer, auch an den Tischen sitzen nur noch wenige Jugendliche. Wieder ist Mailand dabei, sein Tempo zu drosseln.

Quelle: ntv.de