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Lügde ist kein Einzelfall "Gesellschaft erträgt Missbrauchs-Realität nicht"

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Der Name der ostwestfälischen Stadt Lügde ist nun mit dem Missbrauchsfall verbunden.

(Foto: picture alliance/dpa)

Im Missbrauchsfall von Lügde fallen heute die Urteile gegen die beiden Haupttäter. Der Fall ist trotz seiner Ungeheuerlichkeit nur einer von vielen, die täglich in Deutschland passieren. Die Sozialwissenschaftlerin Kathinka Beckmann hofft trotzdem auf eine Signalwirkung.

n-tv.de: Der Fall Lügde hat die Menschen erschreckt, das Entsetzen war groß. Hat Sie der Fall überrascht?

Kathinka Beckmann: Nein. Wir machen uns nicht klar, wie groß das Ausmaß dieser Taten jedes Jahr in Deutschland ist. Das Bundeskriminalamt erhebt seit 2002 die Zahlen kindlicher Opfer. Im Bereich sexueller Gewalt liegen sie konstant zwischen 13.000 und 15.000 pro Jahr. Das verändert sich kaum. Das heißt, wir haben seit Jahren zwischen 40 und 45 Kinder, die täglich sexuelle Gewalt erfahren. Das ist kein Einzelfall.

In Lügde sind über Jahre etliche Kinder missbraucht worden, die Taten wurden auf Video aufgenommen. Warum wurde das nicht viel früher bemerkt?

Meine Erklärung ist, dass die deutsche Gesellschaft das nicht erträgt, sich das vor Augen zu führen. Wir haben im Bereich sexueller Gewalt häufig organisierte Kriminalität gegen Kinder. Das hat sich durch das Web 2.0 vor allem im Bereich der Kinderpornographie noch einmal stärker entwickelt. Missbrauch gegen Kinder läuft zudem häufig über lange Zeiträume, das ist typisch für diese Taten.

In diesem Fall kommt hinzu, dass eines der Kinder, das dann auch als Lockvogel für andere Opfer eingesetzt wurde, vom Jugendamt betreut wurde. Warum haben die verschiedenen Behörden diese Taten nicht verhindert?

Kinder zu schützen, ist ja der gesetzliche Auftrag dieser Mitarbeiter. Aber diesem Auftrag können viele Mitarbeiter der Jugendämter oder in der Jugendhilfe gar nicht adäquat nachkommen, weil sie dafür nicht hinreichend ausgebildet werden. Kinderschutz, beispielweise das Erkennen von Gewaltschädigungen, ist in den meisten Hochschulen kein Pflichtbestandteil im Studium.

Aber warum ist es nicht Teil der Ausbildung von Sozialarbeitern?

Mit der Frage rennen Sie bei mir natürlich offene Türen ein. Aber das Curriculum wird nicht jedes Jahr neu überarbeitet, auch nicht an den Hochschulen und Universitäten. Wir brauchen in der sozialen Arbeit eine grundsätzlich veränderte Haltung dazu. Dafür ist die Erkenntnis Grundlage, dass Gewalt gegen Kinder in Deutschland noch immer alltäglich ist.

Gibt es denn Zeichen, bei denen man aufmerksam werden sollte?

Gerade sexuelle Gewalt ist nicht leicht zu erkennen. Bei misshandelten Kindern habe ich deutliche Spuren, Brüche, blaue Flecken, ausgeschlagene Zähne, Wunden. Auch um Versorgungsdefizite wie Unterernährung zu erkennen, brauche ich nicht unbedingt Fachwissen. Bei sexueller Gewalt muss ich in der Lage sein, Verhaltensauffälligkeiten, die Kinder dann nach außen tragen, als Symptom für einen solchen Übergriff zu erkennen. Dafür muss man sehr geschult sein, um das zu erkennen. Das sind viele nicht, und man kann ihnen das gar nicht vorwerfen.

Gibt es dennoch Verhaltensweisen der kindlichen Opfer, die besonders auffällig sind?

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Kathinka Beckmann ist Professorin im Studiengang "Pädagogik in der frühen Kindheit" an der Hochschule Koblenz.

(Foto: picture alliance / dpa)

Was allen Gewaltopfern gleich ist: Sie zeigen, dass sie Gewalt erfahren haben. Vielleicht mit zeitlicher Verzögerung, aber sie zeigen es. Aber so wie jede Gewaltgeschichte individuell ist, sind es auch das Temperament oder das Alter der Kinder. Wir haben viele kleine Kinder, die schon sprechen konnten und dann wieder verstummen. Anders als ein lärmend ausagierendes Kind, macht so ein stilles Opfer natürlich viel weniger Arbeit. Dann trotzdem aufmerksam zu werden, ist also gar nicht so leicht. Bei Vergewaltigungen gibt es auch physische Anzeichen, die beispielsweise ein Arzt sehen kann. Man darf aber nicht vergessen, dass in den meisten Fällen sexueller Gewalt die Schädiger und Schädigerinnen im familiären Umfeld sind. Dann gibt es häufig Angehörige, die helfen, das zu verdecken. Wir haben natürlich auch Mütter, die Kinder zur Prostitution freigeben, an Kinderpornografie verdienen oder auch selbst aktiv schädigen. Der Missbrauch kann beispielsweise auch in einer Geschwisterkonstellation geschehen. Ein großes Problem ist die bewusste Geheimnisbildung, womit die Kinder unter Druck gesetzt werden. Da werden Strafen angedroht oder furchtbare Ängste ausgelöst: Beispielsweise wird gesagt, wenn du etwas erzählst, stirbt die Mutter oder der Bruder muss ins Heim. Das ist die traurige Chance, die in diesen publik gewordenen Fällen steckt: Dass man sich klar macht, das ist ein Alltagsphänomen, gegen das wir noch mehr unternehmen müssen.

Gibt es denn Erkenntnisse darüber, wie sich diese Kinder und Jugendlichen später entwickeln? Welche Rolle spielt dabei die strafrechtliche Aufarbeitung des Missbrauchs?

Dazu muss man sich klarmachen, dass es in vielen Fällen von sexueller Gewalt gegen Kinder überhaupt nicht zu Strafverfahren kommt. Oft wird es den Kindern nicht zugemutet, diese Fälle vor Gericht zu bringen. Wenn unsensible oder schlicht nicht dafür ausgebildete Richter Vierjährige im Beisein des Täters befragen, dann kann das eine Retraumatisierung auslösen. Wir haben also viele Opfer, wo das nicht ausdrücklich in die Diagnose hineingeschrieben wird, dass die auftretenden Probleme Folge sexueller Gewalt sind. Für die spätere Entwicklung ist aber entscheidend, dass mit den Kindern pädagogisch-therapeutisch gearbeitet wird. Anderenfalls besteht die Gefahr, dass sie entweder selbst zu Schädigern werden oder dass sie die Opfer-Rolle nicht mehr verlassen können und sich Partner suchen, die sie wieder schlecht behandeln. Da können gezielte Jugendhilfemaßnahmen die Rettung sein. Dann haben die Kinder auch eine Chance, trotzdem ein gutes Leben zu führen.

Mit Kathinka Beckmann sprach Solveig Bach

Quelle: n-tv.de

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