Panorama

Frage nach "Warum" bleibt Gewalttat in Augsburg spaltet soziale Medien

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Trauernde halten am Tatort eine klare Botschaft in den Händen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Mit einem einzigen Schlag wird ein Feuerwehrmann aus Augsburg getötet. Die sieben Tatverdächtigen werden gefasst. Neben Trauer spielt sich im Internet noch eine ganz andere Geschichte ab. Im Mittelpunkt der Diskussion steht die Herkunft der mutmaßlichen Täter.

Angehörige, Freunde und Kollegen stellen Kerzen und Blumen auf dem Königsplatz in Augsburg ab, dem Ort, an dem der 49-jährige Feuerwehrmann getötet wurde. Als Zeichen der Anteilnahme brannten gestern Abend auch an allen Rettungs- und Feuerwachen im Land Kerzen. Die Polizei fasste die sieben Tatverdächtigen schnell. Doch die Frage bleibt: Wie konnte es zu so einer Gewalttat überhaupt kommen?

Was genau in den Minuten vor der Attacke geschah, ist noch offen. Bei der Pressekonferenz am Montag versuchte der Leiter der Kriminalpolizei Augsburg, Gerhard Zintl, der Frage ein Stückchen näher zu kommen. "Der Schlag gegen den Kopf kam unvermittelt von der Seite und mit voller Wucht", erklärte Zintl. Die Auseinandersetzung soll nur wenige Sekunden gedauert haben. Zuvor soll es zu einem verbalen Schlagabtausch gekommen sein, über dessen Inhalt die Ermittler bisher keine Angaben machen können. Der 49-Jährige soll dann von den Jugendlichen umringt worden sein. Als sein Begleiter ihm zur Hilfe eilen wollte, wurde auch er niedergeschlagen und im Gesicht schwer verletzt.

Unter den Trauernden in Augsburg halten einige Schilder hoch, auf denen steht: "Augsburg lässt sich nicht verhetzen". Der Grund: Für viele Menschen scheint die Frage nach dem "Warum?" schnell beantwortet. Nach der Festnahme der mutmaßlichen Täter werden im Internet Spekulationen über deren Nationalitäten ausgetauscht. Dass der Haupttäter nicht nur die deutsche, sondern auch zwei weitere Staatsangehörigkeiten besitze, sei "keine Überraschung", kommentieren viele User auf Twitter. Andere wehren sich gegen eine Schuldzuweisung aufgrund von Ethnizitäten.

Polizei in der Kritik

Neue Details zu den sieben Tatverdächtigen, unter anderem die Staatsangehörigkeit der Männer, werden offiziell erst in der gestrigen Pressekonferenz bekannt gegeben. Alle bis auf einen haben die deutsche Staatsbürgerschaft, der mutmaßliche Haupttäter besitzt zudem noch die libanesische und die türkische. Auch einige der anderen Mittäter hätten die türkische Staatsbürgerschaft oder türkische Wurzeln, sagt Zintl. Alle sind zwischen 17 und 20 Jahre alt und die meisten von ihnen polizeibekannt. Diese Details wurden zuvor von der Polizei zurückgehalten - "aus ermittlungstaktischen Gründen", sagt Zintl.

Dafür hätten sich die Beamten teils sehr wütend formulierten Fragen ausgesetzt gesehen, erklären sie auf der Pressekonferenz. Ihnen sei von Bürgern, aber auch von manchen Medien vorgeworfen worden, die Staatsangehörigkeit extra verschwiegen zu haben, um unangenehmen Nachfragen aus dem Weg zu gehen. Doch das sei nicht der Fall, wie Zintl betont. Im Vordergrund stehe immer der Vorteil für die Ermittlungen.

Statistik keine Entschuldigung

Auch die AfD nimmt die Tat zum Anlass, den Migrationshintergrund der mutmaßlichen Täter zu kommentieren. Parteichef Jörg Meuthen twitterte: "Es kann nicht zu viel verlangt sein, in einem fremden Land dessen Regeln zu entsprechen." Fraktionschefin Alice Weidel spricht von "Migrantengewalt" und forderte eine "Umkehr in der Einwanderungspolitik".

Die "Augsburger Allgemeine" verurteilt diese Äußerungen zu der Gewalttat: "Fremdes Land? Wie absurd: Einer der mutmaßlichen Haupttäter hat unter anderem die deutsche Staatsbürgerschaft, ein zweiter ist offenbar gebürtiger Augsburger. Sonderlich fremd dürfte das Land für beide nicht sein." Dafür muss die Regionalzeitung viel Hetze und sogar Drohungen über sich ergehen lassen. Hasserfüllte Reaktionen, wie "wer wie ihr sein Vaterland verrät (...) gehört aus dem Land gejagt" oder "Wenn das 'Volk' in Augsburg aufsteht, wird die Redaktion brennen".

Die Tat in Augsburg erwecke bei vielen den Eindruck, dass "Minderjährige immer gewalttätiger werden", sagt die Gewerkschaft der Polizei. Doch das entspreche nicht der Realität. Laut Statistik gehe die Gewalt durch Jugendliche und die Gewalt auf der Straße zurück. In der polizeilichen Kriminalstatistik sank die Zahl der minderjährigen Tatverdächtigen von 190.000 im Jahr 2017 auf 177.000 im vergangenen Jahr.  

Fest steht: Auch die Statistik entschuldigt solche Gewalttaten wie die von Augsburg nicht. Die "Augsburger Allgemeine" kommentiert: "Ob Jugendliche kriminell werden oder nicht, entscheidet nicht der genetische, sondern der soziale Hintergrund. Das ist keine Entschuldigung, aber eine Erklärung." Und in einer aufgeklärten Gesellschaft sind Erklärungen der Ansatz für Lösungen.

Quelle: ntv.de