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Hamelner Beziehungstat Grausamkeit lässt sich nicht vergleichen

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Meist fühlen sich die Täter narzisstisch gekränkt.

(Foto: imago/JOKER)

Nicht jede Beziehung zwischen zwei Menschen geht freundlich auseinander. In Hameln versucht ein Mann, seine Ex-Partnerin zu töten. Der Fall passt sehr in ein fatales Muster.

Eine Frau wird von ihrem Ex-Partner so stark misshandelt, dass sie das Bewusstsein verliert. Anschließend zündet der Mann sie bei lebendigem Leib an. Die Frau stirbt. Ein Mann sticht aus Eifersucht auf seine Partnerin ein und wirft die gemeinsame zwei Monate alte Tochter vom Balkon. Das Baby stirbt. Ein Mann erwürgt seine langjährige Lebensgefährtin und verbirgt ihre Leiche in einem Kellerschacht, wo sie Monate später gefunden wird. Dann schickt er sich selbst eine Nachricht von ihrem Handy: "Ich weiß, dass ich dich tief drin immer noch liebe, mach's gut." Ein Mann verletzt seine Ex-Partnerin mit dem Messer und schleift sie dann an einem Auto mehrere Hundert Meter hinter sich her, das gemeinsame zweijährige Kind sitzt mit im Auto, die Frau überlebt lebensgefährlich verletzt.

In Berichten über diese Straftaten ist manchmal zu lesen, es handele sich um eine Familientragödie oder auch um einen Ehrenmord. Die Einordnung variiert je nachdem, welchen kulturellen Hintergrund der meist männliche Täter oder auch das meist weibliche Opfer haben. Der letzte Fall ereignete sich am Wochenende in Hameln, in den anderen Fällen laufen derzeit die Prozesse oder es sind jüngst die Urteile gefallen.

Einer gerade veröffentlichten Statistik des Bundeskriminalamts zufolge kamen im Jahr 2015 insgesamt 331 Menschen in Deutschland bei Beziehungstaten ums Leben. Diese Zählung beinhaltet Mord, Totschlag sowie Körperverletzung mit Todesfolge. Etwa 80 Prozent der Opfer sind weiblich. Für diese Zahlen hat die Psychologin Lydia Benecke eine Erklärung. "Männer tendieren dazu, Frauen und Kinder zu töten, die sie nicht verlieren wollen. Frauen neigen dazu, Menschen zu töten, die sie loswerden wollen", beschreibt sie eine Faustregel forensischer Psychologen.

Kränkung und Kontrollverlust

Häufig passieren ihrer Erfahrung nach Beziehungstaten dann, wenn die männliche Person den Eindruck hat, dass sie endgültig die Kontrolle über die Angehörigen verliert. Diese definiert sie schließlich als ihren Besitz. Das ist beispielsweise der Fall, wenn die Frau einen neuen Partner hat oder wenn sie das alleinige Sorgerecht für gemeinsame Kinder beantragt. Psychologisch folgen diese Taten dem gleichen Grundprinzip, sagt Benecke n-tv.de. "Es ist immer die Mischung aus narzisstischer Kränkung, existenzieller Bedrohung, Bestrafung und dem Versuch, die Kontrolle wiederzuerlangen, indem man die auslösende Person tötet."

Für Benecke, die über Sadisten, Psychopathen und Serienmörder forscht, ist dieses Muster auch im aktuellen Hamelner Fall deutlich erkennbar. Dem mutmaßlichen Täter sei vermutlich die endgültige Trennung klargeworden. "Diese Männer funktionieren nach dem Muster: Wenn ich jemanden so sehr liebe, dann habe ich es nicht verdient, verlassen zu werden. Die Frau tut ihm seiner Ansicht nach Unrecht, weil sie sich ihm entzieht und ihm auch noch das Kind wegnimmt. Daraus leitet sich für ihn das Recht zur Bestrafung dieser Person ab", so Benecke.

Die Ausführungen der Taten seien dann individuell sehr unterschiedlich. Im Hamelner Fall könne man nur spekulieren, welche Gedanken der mutmaßliche Täter hatte. Man müsse aber die Lernerfahrungen des Täters kennen, um zu verstehen, was die besondere Tatausübung für einen Hintergrund hat. Vielleicht hat der 38-Jährige als Kind einen Cowboyfilm gesehen, vielleicht hat ihm seine Urgroßmutter von einer ähnlichen Bestrafung berichtet. Man weiß es nicht. Der Mann hat sich der Polizei gestellt und schweigt seitdem über seine Motive.

Häufiger, als man denkt

Je weniger man jedoch über den Menschen wisse, umso weniger könne man sich die Ausführung der Tat zunächst erklären. Benecke betonte, sie könne das Entsetzen darüber verstehen, dass jemand eine schwerverletzte Frau an ein Auto binde und mehrere Meter durch die Straßen schleife. "Ich bin aber dagegen, dass man eine Grausamkeit gegen eine andere aufwiegt."

In ihrer professionellen Sicht sei dies lediglich eine etwas ungewöhnliche Tatausübung. Aber diese Gedanken habe sie bei vielen Fällen, mit denen sie beruflich zu tun habe. Auch der kulturelle Hintergrund in Hameln ist für sie nicht entscheidend. Täter und Opfer stammten aus verschiedenen kurdisch-türkischen Großfamilien. "Es geht immer um Erniedrigung und Macht und Kontrolle."

Die meisten Beziehungstäter sind der BKA-Statistik zufolge übrigens mit 71,6 Prozent deutsche Staatsangehörige, gefolgt von Türken (6,3 Prozent) und Polen (2,4 Prozent).

Quelle: n-tv.de

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