Panorama

Einmalige Geldwäsche-Möglichkeit Mafia wird in ganz Europa einkaufen

imago99237561h.jpg

Die EU-Gelder sind eine interessante Geldquelle für die Mafia, wie Experte Antonio Talia sagt.

(Foto: imago images/UIG)

Die Corona-Krise ist für die Organisierte Kriminalität die Gelegenheit für das ganz große Geschäft. Nicht nur Italien ist dabei im Visier, mahnt Palermos Generalstaatsanwalt Lo Voi. Ganz Europa werde geschädigt. Deswegen müssen alle Länder ihre Kontrollsysteme verschärfen.

Beinahe wäre es zwischen Italien und Deutschland zu einem Eklat gekommen. Der nationalpopulistische Lega-Chef Matteo Salvini und Außenminister Luigi Di Maio, bis vor kurzem auch Chef der Fünf Sterne Bewegung, waren jedenfalls empört. Grund für die Entrüstung der beiden war ein am Donnerstag in der "Welt" erschienener Artikel. Darin wurde Bundeskanzlerin Angela Merkel aufgefordert, bei den von Italiens Regierung geforderten Corona-Bonds nicht einzuknicken. Denn "in Italien wartet die Mafia nur auf einen neuen Geldregen aus Brüssel", warnte der Autor.

Die Pauschalisierung des Journalisten war in der Tat irritierend, auch für viele Italiener, die mit Salvini und Di Maio nichts am Hut haben. Seit über einem Monat lebt Italien im Hausarrest, Millionen Menschen bangen um ihre Existenzgrundlagen, wissen nicht, ob sie morgen noch ihren Arbeitsplatz haben werden, Kleinunternehmer fühlen sich am Rande des Abgrunds. Jetzt auch noch in Sippenhaft genommen zu werden, ist für viele der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Gelegenheit zur Geldwäsche

Dass die Mafia von dieser Notlage profitieren könnte, wissen natürlich auch die Italiener. Gleich, ob bei Naturkatastrophen oder Großprojekten, wenn viel Geld im Spiel ist, versucht die organisierte Kriminalität immer an die möglichen Ertragsquellen heranzukommen. "Und jetzt wittert sie in der Covid-Pandemie eine lukrative Chance", sagt Antonio Talia ntv.de am Telefon. Der Journalist ist Autor eines Buchs über die kalabrische ’Ndrangheta, das im Laufe des Jahres auch in Deutschland erscheinen wird. "Und sicher stellen die EU-Gelder eine interessante Geldquelle dar."

Talia erzählt von der Slowakei. Als das Land der EU beitrat, habe die ’Ndrangheta zum Beispiel slowakischen Unternehmern geholfen, an EU-Gelder zu kommen. "Doch die Abzweigung von EU-Finanzierungen gehört nicht zum Kerngeschäft der Mafia. Viel wichtiger ist es für sie, die Gelegenheit zu nutzen, um ihr Geld in neue Aktivitäten zu investieren und es so gleichzeitig zu waschen." Was die Mafia wirklich interessiert, ist, sich "die Wirtschaft einzuverleiben", brachte es der Generalstaatsanwalt der Antimafia, Federico Cafiero De Raho, unlängst in einem Interview auf den Punkt.

Wohltaten mit Hintergedanken

Dabei bewegt sie sich gleichzeitig auf drei Ebenen, auf der lokalen, der nationalen und der internationalen. Auf lokaler Ebene bedeutet das, sich als Wohltäter zu stilisieren und Geschäftsinhabern zum Beispiel Überbrückungskredite zu gewähren. Angeblich aus reiner Nächstenliebe. Doch irgendwann wird daraus Wucher oder es werden Gefälligkeiten abverlangt.

Auf noch niedrigerer Ebene heißt es, denen unter die Arme zu greifen, die normalerweise von Schwarzarbeit leben und jetzt nicht einmal mehr das Geld haben, um Lebensmittel einzukaufen. Wo der Staat zu langsam handelt, sind Cosa Nostra, ’Ndrangheta oder Camorra zur Stelle. Und das stärkt natürlich die Loyalität der Hilfebedürftigen gegenüber den Mafiosi.

Auf die Frage, ob die organisierte Kriminalität ihre Einkaufstour schon begonnen hat, gibt es keine offizielle Antwort. Dass manche ihrer Mitglieder aber schon von Tür zu Tür gehen und Lebensmittelpakete verteilen, ist bekannt. In Palermo zum Beispiel hat der Bruder eines Mafia-Bosses, der seine Strafe gerade absitzt, Esspakete im Quartiere Zen, einem der ärmsten Viertel der Stadt verteilt. Als der Journalist Salvo Palazzolo von der Tageszeitung "La Repubblica" darüber berichtete, bekam er umgehend Drohungen. Der Bruder des Mafiabosses selbst postete diesen Kommentar: "Liebe Leute, der Staat will nicht, dass wir den Armen helfen, weil wir Mafiosi sind und anstatt sich zu bedanken, wird in den Zeitungen über uns gelästert."

Wie groß das Becken ist, in dem die organisierte Kriminalität fischen kann, zeigt die Zahl der Schwarzarbeiter in Italien. 2017 belief sie sich laut italienischem Statistikamt Istat auf 3,7 Millionen. 40 Prozent davon sind im Transportgeschäft, im Großhandel, im Gaststättengewerbe und im Tourismus beschäftigt. Alles Gewerbe, die vom Corona-Lockdown besonders betroffen sind. Dass die Mafia es in Zukunft auf diese Branchen absehen könnte, um groß einzukaufen und somit auch erhebliche Summen reinzuwaschen, ist mehr als wahrscheinlich.

Verstärkte Kontrollen

Das Problem betrifft aber nicht nur Italien, mahnte der Generalstaatsanwalt von Palermo Francesco Lo Voi am Mittwoch in einer Videokonferenz mit der Auslandspresse. Lo Voi erzählte dazu eine Anekdote aus der Zeit nach dem Fall der Mauer. In einer Abhöraktion fingen italienische Ermittler damals ein Gespräch zwischen zwei Mafiosi auf. Der eine befand sich in Italien, der andere höchstwahrscheinlich in Deutschland.

Letzterer wurde aufgefordert, sich in die Oststaaten zu begeben und alles was zum Verkauf stand, zu kaufen: Lokale, Geschäfte, Hotels, Unternehmen. "Dieses Beispiel weist auf zwei Tatsachen hin", fuhr Lo Voi fort. "Die Mafia, womit ich alle drei italienischen Organisationen meine, ist bei jeder Krise sofort zur Stelle, und zwar auf internationaler Ebene". Deswegen sei es besonders wichtig, und das nicht nur in Italien, die Gesetze und die Kontrollmaßnahmen in Bezug auf Geldflüsse und Investitionen in nächster Zeit und in ganz Europa zu verschärfen - besonders bei öffentlichen Ausschreibungen.

Der italienische Industrieverband Confindustria schlägt für die Zeit nach dem Coronavirus Sonderkommissare vor, die so manche bürokratische Hürde überspringen dürften. Der Verband weist darauf hin, dass sich dieses Modell im Fall des Wiederaufbaus der im August 2018 eingestürzten Brücke in Genua bewährt habe. Viele befürchten aber, dass vereinfachte Auftragsvergaben der Mafia zugutekommen könnten.

"Ich kann die Vorbehalte verstehen", meint Talia. "Ich denke aber, dass Italien über die nötigen juristischen Instrumente verfügt, um kriminellen Unterwanderungen vorzubeugen. Auch bei der Mailänder Weltausstellung 2015 hatte die Mafia versucht, ihre Firmen einzuschleusen. Es ist aber gelungen, sie rechtzeitig zu entdecken."

Ob die Mafia jetzt schon nach Schnäppchen Ausschau hält, weiß man nicht. Doch spätestens, wenn der Lockdown endet, werden die Ermittler voll im Einsatz sein müssen.

Quelle: ntv.de