Panorama

Franziskus will Koka-Blätter kauen Papst jettet nach Südamerika

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Und los gehts für Papst Franziskus: nach Südamerika.

(Foto: dpa)

Für Papst Franziskus beginnt eine strapaziöse Zeit: Innerhalb von acht Tagen will der "Anwalt der Armen" drei Länder in Südamerika besuchen. Doch neben begeisterten Fans und einem straffen Zeitplan warten auch eine Reihe an Konflikten auf ihn.

Papst Franziskus überrascht gerne. Aber bei seiner ersten großen Lateinamerika-Reise könnte auch er überrascht werden. Von Staatspräsidenten, die sich in seinem Glanz sonnen wollen, von Straßenblockaden der Indios, von Organisationschaos. Und von Hunderttausenden, ihm zujubelnden Landsleuten aus seiner Heimat Argentinien.

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Auch Kokablätter will Papst Franziskus kauen.

(Foto: dpa)

Am Sonntag startete er in Rom zu seiner bisher strapaziösesten Reise durch drei Länder. Allein in Bolivien sollen bis zu 15.000 Polizisten im Einsatz sein - dort will Franziskus angeblich auch ein paar Koka-Blätter kauen, wie Kulturminister Marko Machicao verlauten ließ. Die Blätter sind der Rohstoff für Kokain. Das Kauen der Blätter hat in Bolivien aber eine lange Tradition und ist legal. Auch bei der Vermeidung der Höhenkrankheit helfen sie, gerade wenn man die auf 3600 Metern gelegene Metropole La Paz besucht.

Weitere Stationen der Acht-Tage-Reise sind Ecuador und Paraguay. Konfliktthemen gibt es zuhauf. Während Franziskus gerade sein Profil mit der eindringlichen Warnung vor Umweltzerstörung und Ressourcenausbeutung in der Enzyklika "Laudato si" geschärft hat, steuern Bolivien und Ecuador mit der geplanten Förderung von Öl und Gas auch in sensiblen Regionen eher in die andere Richtung.

Riesige Erwartungen an "Anwalt der Armen"

Da die katholische Kirche auch in ihrer Bastion Lateinamerika Einfluss verliert, soll Franziskus als erster Pontifex aus Südamerika neuen Schwung bringen - die Erwartungen sind riesig. Aber ihm drohen auch Instrumentalisierungsversuche, weil er als "Anwalt der Armen" so beliebt ist. "Evo Morales versucht, den Besuch propagandistisch auszuschlachten: Er wollte auch im Papamobil mitfahren", meint der Bolivienexperte beim Hilfswerk Adveniat, Reiner Wilhelm, mit Blick auf Boliviens Präsidenten.

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Auf großen Plakaten wird der Papst willkommen geheißen, hier in El Alto in Bolivien.

(Foto: dpa)

Dabei sieht das indigene Staatsoberhaupt des Andenstaates die katholische Kirche sonst gerne als Relikt des spanischen Kolonialismus und strich unter anderem Steuerprivilegien. Der 78-jährige Pontifex wird Morales nur kurz die Aufwartung machen: Nach der Landung im 4000 Meter hohen El Alto geht es hinunter zum Regierungssitz La Paz auf 3600 Metern Höhe. Nach knapp vier Stunden wieder hoch zum Flughafen nach El Alto, der immer weiter ausfransenden Millionenstadt, in der die Ärmeren wohnen.

Johannes Paul II. hielt hier 1988, bei der bislang letzten Visite eines Papstes, trotz der Höhe eine Messe ab. Aber Franziskus fehlt ein Teil des rechten Lungenflügels, das Risiko wäre viel zu groß. Also geht es rasch weiter ins Tiefland, nach Santa Cruz. Sein Heimatland Argentinien besucht er dieses Mal noch nicht. Erst 2016 ist dies geplant. Er wolle den "Bedürftigsten, den Alten, den Kranken, den Gefangenen, den Armen und denen, die Opfer dieser Wegwerfkultur sind", Hoffnung machen, sagte er in einer Videobotschaft vor dem Abflug.

Kirche steht unter Druck

In Bolivien besucht er die Gefängnisstadt Palmasola - hier leben nach offiziellen Angaben 4874 Häftlinge, oft sich selbst überlassen. Morales sah sich wegen der Visite genötigt, Begnadigungen in Aussicht zu stellen.

Die Kirche ist in der Region unter Druck - etwa wegen staatlicher Eingriffe wie in Bolivien, wo vielerorts an Schulen Religions- durch Ethikunterricht ersetzt worden ist. Oder wegen der Zunahme sektenartiger Pfingstkirchen. Auch Ecuadors Staatspräsident Rafael Correa ist schon mit der Kirche aneinandergeraten. Zudem wird ihm wegen der ab 2016 geplanten Erdölförderung im Yasuní-Nationalpark vorgeworfen, indigene Kulturen zu verdrängen. In Paraguays Hauptstadt Asunción sind die Hotels fast alle ausgebucht - mit Hunderten Bussen werden Argentinier in das Nachbarland gefahren.

Zu hoffen ist, dass es nicht so chaotisch abläuft wie 1988 bei der letzten Papstvisite. Weil es in Strömen goss, küsste der Papst nicht den Boden des Flughafens, sondern die Fliesen der Ankunftshalle. Die Begrüßungsrede musste Johannes Paul II. unter einem Bild von Alfredo Stroessner halten, dem von 1954 bis 1989 diktatorisch herrschenden Präsidenten. Johannes Paul mahnte Demokratie an, kein Jahr später wurde Stroessner gestürzt und floh nach Brasilien.

Ureinwohner kündigen Proteste an

Auch diesmal kann es in Paraguay organisatorisch kompliziert und politisch brisant werden. Zu den drei größten Veranstaltungen werden vier Millionen Menschen erwartet. Der IT-Beauftragte Paraguays warnt, dass die Internet-Verbindungen kollabieren könnten.

Auch der Papstbesuch selbst könnte gestört werden: Ureinwohner der Gemeinschaft Xákmok Kásek haben Blockaden angekündigt. Sie fordern die Rückgabe von 10.700 Hektar Land, die ihnen der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte schon vor vier Jahren zugesprochen hatte. Der Protest sei nicht gegen den Papst gerichtet, sondern gegen die Regierung, sagt einer der Anführer, Gerardo Larrosa. "Bei einem Papstbesuch wird Frieden und Ruhe angestrebt, für uns kann es das aber nicht geben, solange wir nicht unser Land zurückbekommen."

Quelle: ntv.de, Georg Ismar und Juan Garff, dpa

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