Panorama

Janssens über Astrazeneca-Stopp "Verunsicherung ist größer geworden"

Ampullen mit dem Corona-Impfstoff des Herstellers Astrazeneca stehen in einer Arztpraxis auf dem Tisch. Foto: Nicolas Armer/dpa/Symbolbild

Der Impfstoff von Astrazeneca.

(Foto: Nicolas Armer/dpa/Symbolbild)

Der Beschluss, das Astrazeneca-Vakzin wegen extrem seltener Thrombosen künftig nur noch an Freiwillige und Menschen über 60 zu verabreichen, wirft die deutsche Impfkampagne zurück. Uwe Janssens akzeptiert diese Entscheidung dennoch, wie er im ntv-Interview sagt. Und der Intensivmediziner gibt Entwarnung.

ntv: Welche Folgen befürchten Sie für unsere Impfkampagne, jetzt nach dem Stopp von Astrazeneca für die unter 60-Jährigen?

Uwe Janssens: Das ist natürlich ein Rückschlag, das muss man ganz klar sagen! Die Verunsicherung in der Bevölkerung ist dadurch nicht geringer geworden, sondern mit Sicherheit größer. Und wir werden jetzt sicherlich auch einiges an guten Argumentationen und Diskussionen führen müssen. Auch mit den Älteren, die natürlich auch irgendwie verunsichert sind und sich die Frage stellen, ob das bei ihnen nicht passieren kann. Die publizierten Daten, die vorliegen, und auch die Einschätzung der STIKO (Ständige Impfkommission, Anm. d. Red.) oder des Paul-Ehrlich-Instituts weisen aber eindeutig darauf hin, dass offensichtlich tatsächlich bei Personen über 60 Jahren keine einzige dieser doch sehr bedrohlich und auch schwer verlaufenden Thrombosierungen - also Gerinnungen - in den Hirnvenen beobachtet wurden.

Ja, aber auch bei den Jüngeren ist das immer noch eine sehr, sehr seltene Beobachtung. Für wie angemessen halten Sie denn die Entscheidung der STIKO?

Die Entscheidung müssen wir einfach akzeptieren. Sie wirft unsere Impfstrategie allerdings komplett nach hinten. Das dient noch einmal zur Beruhigung von vielen, vor allen Dingen Frauen, jungen Frauen, die sich große Sorgen machen. Es bleibt natürlich ein sehr seltenes Ereignis und es wurde immer wieder darauf hingewiesen, auf die Symptome wirklich zu achten. Man muss jetzt nicht jeden Tag zum Beispiel Blutplättchen bestimmen, sondern tatsächlich sich genau beobachten. Und wenn man Tag vier nach der Impfung - und mittlerweile wird ja nicht mehr geimpft - bei sich tatsächlich Symptome beobachtet, die auf eine Thrombose hinweisen, oder auch anhaltende schwere Kopfschmerzen, dann ist es sicherlich geboten, zum Arzt zu gehen und dann die weiteren Untersuchungen einzuleiten. Dann sollte man auch keine Zeit verstreichen lassen.

Sie haben es gerade angesprochen: Viele Menschen sind sehr verunsichert. Besonders die, die schon eine erste Impfung mit Astrazeneca erhalten haben. Sie als Intensivmediziner kennen das Phänomen Hirnvenenthrombosen. Wie kann man diese Menschen jetzt vielleicht beruhigen?

Es sind tatsächlich Todesfälle aufgetreten. Die meisten der Betroffenen haben das bisher aber überlebt. Es ist extrem selten. Im Laufe eines Intensivmedizinerlebens, oder selbst in Zentren der Maximalversorgung, sieht man sowas eigentlich nicht sehr häufig. Es sind neurologische Symptome: Kopfschmerzen, anhaltende Übelkeit, vielleicht Sehstörungen. Das sind alles sehr auffällige Symptome, die sich aber erst etwas später nach der Impfung entwickeln. Die allgemein üblichen Impfreaktionen an Tag eins oder Tag null, also Tag der Impfung, sind da nicht inkludiert. So früh tritt dieses Krankheitsbild noch nicht auf, da muss man sich keine Sorgen machen. Wenn man jetzt zehn Tage, zwölf Tage oder noch länger nach der Impfung Symptome entwickeln sollte, die anhalten, sollte man natürlich einen Hausarzt aufsuchen.

Sie als Intensivmediziner fordern einen harten Lockdown, so wie eigentlich fast alle Gesundheitsexperten in diesem Land. Die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten treffen sich, Stand jetzt, erst am 12. April. Warum müsste Ihrer Meinung nach das Treffen dringend vorgezogen werden?

Wir als Intensivmediziner haben unsere klare Position dazu geäußert, da ändern wir auch nichts dran. Aber wir sind tatsächlich, und das betonen wir, nicht im politischen Geschäft die Verantwortlichen. Das heißt, wenn Politikerinnen und Politiker Entscheidungen treffen, holen sie sich Sachverstand. Diesen Sachverstand haben sie in Berlin. Sie werden dauernd, auch von wirklich hochrangigen Experten, im Hintergrund beraten. Wir, als Fachgesellschaft, haben ganz klar unsere Meinung dazu geäußert. Wir stecken dafür täglich viel Kritik ein, bleiben aber dabei, dass wir der Meinung sind, dass die Erfahrungen, die andere Länder mit sehr harten Lockdowns gemacht haben, zum Beispiel Portugal, es geschafft haben, mit einem sehr umfangreichen Lockdown tatsächlich das Land in einen Frühling reinzuführen. Das muss man mal einfach so sagen.

Nicht nur die Infektionszahlen steigen, sondern auch die Zahlen der Intensivpatienten, die an Covid-19 erkrankt sind. Was sind Ihre Befürchtungen: Was wird passieren, wenn wir nicht so schnell wie möglich runterfahren?

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Wir haben natürlich den Vorteil, dass ein gewisser Prozentsatz der sehr empfindlichen Bevölkerungsgruppen - der sehr alten - schon geimpft ist. Aber die sehr große Bevölkerungsgruppe der zwischen 15- und 80-Jährigen, die zum Teil ja auch relevante Begleiterkrankungen haben, die sind nicht geimpft und immer noch im Risiko. Das heißt, im Moment, wenn wir steigende Infektionszahlen haben, werden wir auch steigende Zahlen von Covid-19-Patienten haben. Da muss man kein Rechenkünstler sein. Und wir haben immer darauf hingewiesen, dass das zwar von der Bettenanzahl tolerabel ist, aber bitte, bitte vergessen Sie an dieser Stelle nicht die Mitarbeiter auf den Intensivstationen. Alle diejenigen, die jetzt zu Hause traurig sind, dass sie tatsächlich keine Arbeit haben oder nicht zur Arbeit gehen können, sollen nicht vergessen, dass da Menschen am Arbeiten sind und sich um schwerst Erkrankte kümmern, die an dieser bösen Erkrankung leiden.

Mit Uwe Janssens sprach Nina Lammers

Quelle: ntv.de

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