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Covid-19 außer Kontrolle Viele Babys unter Brasiliens Corona-Toten

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Laut einer Studie haben Kinder aus der indigenen Bevölkerung Brasiliens ein höheres Risiko, an Covid-19 zu sterben.

(Foto: picture alliance / NurPhoto)

In fast keinem Land der Welt gibt es so viele Corona-Tote wie in Brasilien. Auffällig ist zudem die hohe Zahl an Todesfällen in der Altersgruppe von null bis neun Jahren. Ein Großteil dieser Opfer ist sogar erst im Säuglingsalter. Aber was sind die Gründe dafür?

Brasilien ist von der Coronavirus-Pandemie so schwer betroffen wie kaum ein anderes Land. Bei den Ansteckungszahlen liegt Brasilien mit 13,9 Millionen Fällen weltweit auf dem dritten Platz. Bei den Todesfällen mit rund 373.000 an zweiter Stelle. Besonders tragisch: Das Land weist auch eine hohe Zahl an Todesfällen unter Kindern von null bis neun Jahren auf.

Zum Vergleich: In Deutschland wurden seit Beginn der Pandemie laut dem Robert-Koch-Institut (RKI) 12 Todesfälle in der Altersgruppe zwischen null und neun Jahren übermittelt, heißt es im jüngsten Situationsbericht zu dem Thema. Insgesamt wurden deutschlandweit bisher rund 80.000 Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 erfasst. In Brasilien hingegen sind bisher mindestens 852 Kinder aus derselben Altersgruppe verstorben, darunter 518 Säuglinge unter einem Jahr, berichtet die BBC nach Auswertung von Daten des brasilianischen Gesundheitsministeriums.

Doch die tatsächlichen Zahlen sind womöglich noch deutlich höher als die berichteten: Die Epidemiologin Fatima Marinho von der Universität São Paulo hat laut dem BBC-Bericht eigene Berechnungen angestellt, nach denen sie auf etwa 2000 Covid-19-Todesopfer unter den Null- bis Neunjährigen kommt - darunter etwa 1300 Säuglinge. Zwar hat Brasilien mit etwa 210 Millionen Einwohnern rund 2,5 Mal so viele wie Deutschland. Die Zahl der Todesfälle in der untersten Altersgruppe ist allerdings - je nach Berechnung - 70 bis 170 Mal höher.

Brasiliens Gesundheitssystem am Limit

Brasilien hat mehr Todesopfer pro Einwohner zu beklagen als Deutschland: Laut der Datenanalyse-Plattform Our World in Data sind es etwa 176 Tote je 100.000 Einwohner - in Deutschland liegt der Wert bei 96. In Brasilien starben im Verhältnis also fast zweimal so viele Menschen an Covid-19 wie hierzulande. Auch dies hinzugenommen kann die Diskrepanz an Todesopfern bei den Null- bis Neunjährigen nicht erklären.

Was sind also die Gründe? Zum einen weisen Experten auf die schiere Masse an Coronavirus-Infektionen in Brasilien hin, welche das Gesundheitssystem des Landes überrollt hat. "Je mehr Fälle wir haben und je mehr Krankenhausaufenthalte, desto höher ist natürlich die Zahl der Todesfälle in allen Altersgruppen, auch bei Kindern", sagte Renato Kfouri von der Brasilianischen Gesellschaft für Pädiatrie der BBC.

Epidemiologin Marinho beklagt zudem einen Mangel an Tests, wodurch die Covid-19-Diagnose für Kinder oft zu spät käme. "Wir haben ein echtes Problem, Fälle zu erkennen. Wir haben nicht genug Tests für die allgemeine Bevölkerung, noch weniger für Kinder. Weil es eine Verzögerung bei der Diagnose gibt, gibt es eine Verzögerung bei der Versorgung des Kindes", sagt Marinho. Grund ist laut dem Bericht zudem, dass Symptome bei Kindern leichter übersehen oder falsch gedeutet werden.

Kinder aus armen Verhältnissen mit höherem Risiko

Weitere Faktoren sind zudem Armut und mangelnder Zugang zu medizinischer Versorgung. Eine Studie von Forschern um Braian Sousa von der Universität São Paulo zu hospitalisierten Covid-19-Patienten unter 20 Jahren ergab, dass unter Kindern aus sozioökonomisch schlechter gestellten Gemeinden die Sterblichkeit höher war. Auch für Kinder indigener, ethnisch gemischter oder ostasiatischer Abstammung war das Risiko demnach höher als für weiße Kinder.

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Gleichzeitig kommt dieselbe Studie zu dem Schluss, dass Vorerkrankungen auch für Kinder ein höheres Risiko darstellen. Laut der von BBC zitierten Kinder-Infektiologin Lohanna Tavares wiesen die meisten Kinder, welche in Brasilien von Covid-19 betroffen seien, Vorerkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Beschwerden oder Übergewicht auf. In ärmeren Familien sei wiederum Unterernährung ein Problem, betont Marinho - diese sei "schrecklich für die Immunantwort".

Dennoch betonen Experten, dass das Sterberisiko im Vergleich zur Restbevölkerung für Kinder zwischen null und neun Jahren auch in Brasilien immer noch sehr gering ist. An den rund 373.000 Todesfällen liegt der Anteil der Altersgruppe immer noch bei unter einem Prozent. Dennoch: "Wenn die Pandemie unter Kontrolle wäre, könnte dieses Szenario minimiert werden", sagt Kfouri mit Blick auf die zahlreichen an Covid-19 gestorbenen Kinder.

Quelle: ntv.de, kst

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