Panorama

15 Jahre nach dem Schulmassaker Was seit dem Amoklauf von Erfurt anders ist

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Am Gutenberg-Gymnasium lernen heute 650 Schüler, 15 der 55 Lehrer haben die Tragödie damals miterlebt.

(Foto: imago stock&people)

Nur 20 Minuten dauert der Amoklauf von Robert Steinhäuser - doch die Bluttat vor 15 Jahren wirkt bis heute nach. Was hat sich seitdem verändert: an den Schulen, im Waffenrecht - und in der Diskussion um sogenannte Killerspiele?

Der 26. April 2002 ist ein milder sonniger Frühlingstag. Es ist der letzte Tag der schriftlichen Abiturprüfungen. Am Morgen verabschiedet sich Robert Steinhäuser von seinen Eltern und lässt sie in der Annahme, dass er zur Englisch-Prüfung geht. Dass ihr Sohn bereits ein halbes Jahr zuvor der Schule verwiesen worden war, wissen sie nicht.

An jenem 26. April 2002 wird das 1908 erbaute Gutenberg-Gymnasium in Erfurt zu einem Ort des Schreckens. Als der 19-Jährige das Gebäude betritt, hat er einen Rucksack und eine Sporttasche bei sich, darin: ein schwarzer Kampfanzug, eine schwarze Sturmmaske - und ein kleines Waffenarsenal. Auf der Toilette wechselt er seine Kleidung und rüstet sich für seinen mörderischen Plan.

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Mit Pistole und Pumpgun bewaffnet durchstreift Steinhäuser die langen Gänge in dem altehrwürdigen Schulhaus. Er schießt um sich, schießt durch Türen, Lehrer und Kinder sind den Schüssen aus nächster Nähe auf Kopf und Brust ausgeliefert. Der Ex-Schüler hat es vor allem auf die Lehrer abgesehen, die er für sein schulisches Versagen verantwortlich macht und buchstäblich hinrichtet. Insgesamt feuert Steinhäuser 71 Schüsse aus vier Magazinen auf seine Opfer ab.

16 Menschen - zwei Schüler, zwölf Lehrer, eine Sekretärin und ein Polizist - sterben durch die Hand des Jugendlichen. Anschließend richtet sich der Todesschütze selbst. Der Wahnsinn dauert keine 20 Minuten.

Während des Amoklaufs verbarrikadieren sich viele Schüler in ihren Klassenräumen, erst am Nachmittag werden sie aus dem Gebäude geführt. Sie müssen vorbei an den Toten und Verletzten. Dass die Rettung sich über Stunden zog, erklärt ein am Einsatz beteiligter Polizist später so: "Wir waren die Nullserie". Vor 15 Jahren gab es keinen geregelten Amokalarm an Schulen und die Dienst-nach-Vorschrift-Order der Polizei sah vor, auf das SEK zu warten, auch wenn in dieser Zwischenzeit der Täter weitere Opfer fand. Deutliche Defizite gab es zudem in der Kommunikation zwischen Rettern und Rettungsleitern.

Was sich 15 Jahre nach dem Amoklauf in Erfurt getan hat und wo nach wie vor Handlungsbedarf besteht - ein Überblick.

Änderung des Thüringer Schulgesetzes: Im Gegensatz zu den meisten anderen Bundesländern gab es in Thüringen an Gymnasien keine Prüfungen oder automatische Zuerkennung der mittleren Reife nach der 10. Klasse. Schüler, die das Abitur nicht bestanden oder – wie Steinhäuser – der Schule verwiesen wurden, hatten dadurch keinen Schulabschluss und somit kaum eine berufliche Perspektive. Als späte Reaktion auf den Amoklauf konnten Schüler der Gymnasien im Jahr 2003 auf eigenen Wunsch am Ende der Klasse 10 an einer Prüfung teilnehmen. Seit 2004 ist diese Prüfung als für alle Thüringer Gymnasiasten Pflicht.

Änderung des Jugendschutzgesetzes: Nach der Bluttat von Erfurt gerieten Egoshooter, also Computerspiele in denen virtuell Gewalt ausgeübt wird, in die Kritik: Nach dem Bericht der Gutenberg-Kommission besaß Robert Steinhäuser einige gewaltdarstellende Videofilme wie "Fight Club", "Predator" oder "Desperado". Bei diesen sogenannten Killerspielen ist der Spieler agierender Protagonist und muss sich durch eine dreidimensionale Welt schießen. Bereits nach dem Massaker an der Columbine High School 1999 in den USA waren Ego-Shooter auch hierzulande in Verruf geraten.

Doch bis heute ist wissenschaftlich nicht erwiesen, dass Computerspiele einen eindeutig negativen Einfluss auf die Spieler ausüben. Einhelligen Expertenmeinungen zufolge, wird kein Teenager allein aufgrund der Nutzung von Ego-Shootern zum Mörder. In Studien konnte festgestellt werden, dass das Gros der Jugendlichen gewalthaltige Computerspiele aus ganz anderen Gründen nutzt. Die zumeist männlichen Teenager spielen, um sich abzuregen und zu entspannen.

Dennoch haben die Diskussionen darüber, ob der intensive Konsum von gewalthaltigen Computerspielen langfristig zu vermehrt gewalttätigen Verhaltensweisen führt, die Arbeit an dem neuen Jugendschutzgesetz beschleunigt. Der Amoklauf trug maßgeblich dazu bei, dass es verschärfte Regelungen für diese Bereiche enthält.

Verschärfung des Waffenrechts: Nach dem Erfurter Amoklauf gerieten die bisherigen Bestimmungen in die Kritik, Rufe nach strengeren Regelungen wurden laut. Der Gesetzgeber reagierte und verschärfte das Waffenrecht. So wurde die Altersgrenze für den Kauf und Besitz von Schusswaffen bei Sportschützen von 18 auf 21 und bei Jägern von 16 auf 18 Jahren erhöht. Zudem müssen unter 25-Jährige seitdem ein medizinisch-psychologisches Gutachten für angehende Schützen vorlegen.

Nach dem Amoklauf von Winnenden im März 2009 mit 15 Toten verschärfte der Gesetzgeber im Jahr 2009 das Waffenrecht erneut. Wer in Deutschland eine Waffenbesitzkarte erwerben will, muss seitdem begründen, wozu er eine Waffe braucht.

Dennoch befinden sich in Deutschland immer noch nahezu sechs Millionen tödliche Waffen in privaten Händen, wie Roman Grafe im Gespräch mit n-tv.de erklärt. Der Autor und Sprecher der Initiative "Keine Mordwaffen als Sportwaffen!" erhebt schwere Vorwürfe gegen das Innenministerium. Seinen Angaben zufolge gibt es 1,5 Millionen Privatwaffenbesitzer. "Die allermeisten von ihnen sind nicht amokgefährdet und werden ihren Nächsten nicht erschießen. Einige schon. Wenn wir wirklich ein scharfes Waffenrecht hätten, müssten wir nicht über die Jahre hinweg so viele Tote beklagen. Allein von 1990 bis 2016 gab es in Deutschland mindestens 235 Sportwaffenopfer." Doch das Bundesinnenministerium sei nicht willens, die Ursachen solcher Amokläufe wie in Winnenden, Erfurt oder München zu beseitigen.

Prävention an Schulen: Noch während des Polizeieinsatzes wurde die psychologische Hilfe für Augenzeugen, Hinterbliebene und Angehörige organisiert. Annähernd 70 Psychologen kümmerten sich um die verängstigten Menschen. Im Rahmen eines Nachsorgeprojektes wurde die psychologische Hilfe noch viele Wochen nach der Tat aufrechterhalten. 15 Jahre nach der Bluttat am Gutenberg-Gymnasium haben die meisten Überlebenden gelernt, mit den schrecklichen Erinnerungen umzugehen. Einige Betroffene befinden sich noch immer in Therapie.

Psychologische Betreuungsangebote gibt es mittlerweile jedoch nicht nur in Erfurt. Bundesweit wurden verstärkt Schulpsychologen eingesetzt und Vertrauenslehrer ausgebildet: Sie sollen Schüler, aber auch Lehrer und Eltern in Problem- und Konfliktsituationen unterstützen - und helfen, künftige Verzweiflungstaten zu verhindern. Wie engmaschig dieses Betreuungsnetz ist, unterscheidet sich jedoch von Bundesland zu Bundesland.

Änderung der Landespolizeigesetze: Nach dem Erfurter Schulmassaker hat sich auch die Arbeit der Polizei verändert. Während Streifenbeamte früher bei einem möglichen Amoklauf auf das Eintreffen von Spezialeinsatzkräften warten mussten, erhalten Polizisten heute die notwendigen Befugnisse, um selbst unmittelbar einzugreifen: "Um keine weitere wichtige Zeit zu verlieren", wie es von der Polizei heißt.

Quelle: ntv.de