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Sonderweg durch Pandemie Wie sieht Schwedens Corona-Bilanz aus?

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War Schwedens Sonderweg durch die Pandemie erfolgreich oder ein Irrweg?

(Foto: picture alliance / Zoonar)

Obwohl es auch dort einschränkende Maßnahmen gibt, geht Schweden insgesamt wesentlich entspannter durch die Pandemie als der Rest der EU. Zu Beginn macht das Land tödliche Fehler, doch letztendlich scheint auch der Sonderweg ans Ziel führen zu können.

Wie Schweden mit der Corona-Pandemie umgegangen ist und immer noch umgeht, ist ein großes Reizthema. Eine Gruppe verteufelt das Land dafür, die andere sieht es als leuchtendes Vorbild. Einen neutralen Blick auf das Land wagen wenige, denn es könnte ja die eigene Überzeugung ins Wanken bringen, im Recht zu sein, möglicherweise nicht das Richtige getan oder unnötig gelitten zu haben.

Rational ist das nicht. Es lohnt sich, ohne sinnlose Vergleiche nüchtern Bilanz zu ziehen und für kommende Pandemien daraus zu lernen.

Was ist eigentlich das Ziel?

Zunächst gilt es festzuhalten, welche Prioritäten man bei der Pandemiebekämpfung setzt. Sind niedrige Inzidenzen das vorrangige Ziel oder gilt es, vor allem Todesfälle und schwere Erkrankungen zu vermeiden? Dabei muss man abwägen, welche Maßnahmen geeignet und verhältnismäßig sind, das eine oder das andere zu erreichen.

Das ist kein einmaliger Prozess, sondern ein fortlaufender. Nicht nur, weil sich ständig die Bedingungen und der Stand der Wissenschaft ändern. Je näher man einem Ziel kommt, desto schwieriger wird es, Einschränkungen zu begründen und zu rechtfertigen. Es wird in der Realität nie möglich sein, alle Todesfälle oder gar alle Infektionen zu vermeiden. An irgendeinem Punkt, muss man sich zufriedengeben, so hart das auch für manche zu akzeptieren ist.

Alle Vergleiche hinken

Was wo wie funktioniert, ist kaum oder nur schwer vergleichbar. Unterschiedliche klimatische Bedingungen, Bevölkerungsdichte, politische, Verwaltungs-, Wirtschafts-, Gesundheits- und Sozialsysteme, Altersstrukturen, Wohlstandsverteilung und Mentalitäten der Bevölkerung sind nur einige der Gründe dafür. Und um es noch komplizierter zu machen, beeinflussen sich die einzelnen Systeme alle gegenseitig.

Man kann daher Schweden nicht einfach mit anderen Ländern vergleichen. Das klappt auch mit den direkten skandinavischen Nachbarn kaum und schon gar nicht mit Deutschland, Frankreich, Spanien et cetera. Die eine Maßnahme kann in einem Land sehr effektiv sein, in einem anderen dagegen nicht. Man muss immer präzise analysieren, warum etwas funktioniert und warum nicht. Und selbst dann gilt eine Erkenntnis möglicherweise nur für eine bestimmte Phase der Pandemie oder für einzelne Regionen.

Empfehlungen statt Einschränkungen

Grundsätzlich hat Schweden vor allem mit Empfehlungen und allgemeinen Hygieneregeln gearbeitet. Eine Maskenpflicht gab es in dem Land nie, Fitnessstudios, Gastronomie und Geschäfte blieben auch nach Verschärfungen durch ein neues Pandemiegesetz im Januar geöffnet. Allerdings gab es Beschränkungen bei Kunden- und Besucherzahlen, weshalb unter anderem Kinos und Theater wegen Unwirtschaftlichkeit dichtmachten.

Auch Schulen wurden normalerweise nicht geschlossen. Allerdings hat die Regierung die Präsenzpflicht eingeschränkt. Grundschüler hatten normalen Unterricht. In der zweiten Stufe lag es in der Hand der Schulleitung, je nach Infektionsgeschehen konnten sie einen kompletten oder teilweisen Fernunterricht anordnen. Grundsätzlich geschlossen wurden nur staatliche Einrichtungen sowie Universitäten.

Aus den genannten Gründen kann man aber nicht einfach sagen, das hätte man in Deutschland auch so machen können. Unter anderem befolgen Schweden viel bereitwilliger staatliche Empfehlungen und die Homeoffice-Quote war und ist dort wesentlich höher als in der Bundesrepublik.

Zusätzliche Lockdowns wären wohl besser gewesen

Schweden ist absolut kein Argument dafür, dass Maskenpflicht oder Lockdowns keine deutliche Wirkung zeigen. Nicht wenige Menschen dort sind der Meinung, man hätte mit ähnlichen Maßnahmen wie im Rest der EU vielleicht ähnlich unbeschadet wie Norwegen und Finnland durch die Pandemie kommen können.

Das ergibt sich auch aus einer Studie der Universität Tübingen. Ein Lockdown in Schweden für neun Wochen hätte 75 Prozent weniger Infektionen und 38 Prozent weniger Tote zur Folge gehabt, sagte Mitautor Gernot Müller dem DLF.

Hohe, aber nicht die höchsten Opferzahlen

Was sich einigermaßen vergleichen lässt, sind Zahlen, vor allem Todeszahlen. Hier hat Schweden zu Beginn der Pandemie schwere Fehler gemacht und vulnerable Gruppen, vor allem Bewohner von Altersheimen und anderen Pflegeeinrichtungen, nicht ausreichend geschützt.

Das traurige Resultat waren hohe Sterberaten im Frühjahr 2020. Nachdem im März und April noch Spanien, Frankreich, Italien und Großbritannien die höchsten Opferzahlen zu beklagen hatten, zählte ab Mai Schweden die meisten Corona-Toten im Verhältnis zur Bevölkerungszahl.

Bei deutlich sinkenden Zahlen behielt Schweden im Sommer eine Spitzenposition, seitdem bewegt sich seine Sterberate mehr oder weniger auf deutschem Niveau. Das galt auch in der zweiten und dritten Welle, wo sie zeitweise zu den höchsten weltweit gehörte - was auch kein Ruhmesblatt für Deutschland ist. Aktuell haben beide Länder sehr niedrige Quoten von wöchentlich ungefähr 9 registrierten Covid-19-Toten pro 1 Million Einwohner. Das entspricht dem EU-Durchschnitt.

Über die gesamte Pandemie hinweg hat Schweden mit etwa 1440 Todesfällen pro 1 Million Einwohner eine deutlich höhere Todesrate als Deutschland mit rund 1070. Viele andere EU-Länder haben allerdings noch weit katastrophalere Opferzahlen, die tschechische Rate ist beispielsweise doppelt so hoch wie die schwedische.

Ausgelastete, aber besser organisierte Intensivstationen

Bei den Neuinfektionen hat Schweden aktuell mit rund 75 wöchentlichen Fällen pro 100.000 Einwohner eine der höchsten europäischen Inzidenzen. Trotzdem gehen auch dort die Ansteckungen deutlich zurück, seit Mitte April sind es etwa ein Drittel weniger geworden.

Davor haben die hohen Fallzahlen auch in Schweden die Intensivstationen an ihre Kapazitätsgrenzen gebracht. Dem schwedischen Intensivpflegeregister SIR zufolge war deren Belastung Anfang Januar mit rund 380 Covid-19-Patienten und im April mit etwa 400 sehr hoch, erreichte aber nicht erneut die Höchststände von fast 550 Corona-Intensivfällen im April 2020. Inzwischen nehmen die schwedischen Intensivstationen täglich weniger als 10 neue Covid-19-Patienten auf, im April waren es noch mehr als 40 pro Tag.

Das SIR liefert viele Daten, von denen deutsche Wissenschaftler nur träumen können. Dazu gehören genaue Anteile der Alters- oder Risikogruppen. Das Register existiert bereits seit 2001 und wird seit Beginn der Pandemie täglich aktualisiert. Einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge ermöglichte dies, die Zahl der Intensivbetten in Abhängigkeit vom steigenden oder sinkenden Bedarf präzise zu steuern. Damit seien im vergangenen Jahr in Schweden weit weniger Ressourcen als in Deutschland verschwendet worden.

Long-Covid könnte noch ein großes Problem werden

Statistisch noch nicht erfasst sind sogenannte Long-Covid- beziehungsweise Post-Covid-Patienten, die Schwedens Sonderweg zur Folge haben könnte. Dabei handelt es sich um oft jüngere Covid-19-Patienten, die üblicherweise zunächst nur einen leichteren Verlauf hatten, dann aber erneut, stärker und für lange Zeit erneut erkranken. Häufige Symptome sind Erschöpfungszustände, Gedächtnisstörungen oder Schwindel.

Das Post-Covid-Syndrom ist noch nicht ausreichend erforscht, um sichere Aussagen zu treffen. Verschiedenen Studien und Einschätzungen zufolge könnten zwischen 5 und 15 Prozent der Infizierten betroffen sein. Die meisten Experten gehen von Anteilen um 10 Prozent aus.

Wirtschaftlich keine großen Unterschiede

Wenn dies der Fall ist, kann der Sonderweg für Schweden durch hohe Folgekosten im Gesundheitswesen und Ausfällen von Arbeitskraft noch sehr teuer werden. Ansonsten waren die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie für Schweden bisher im Vergleich zu Lockdown-Ländern oder dem EU-Durchschnitt insgesamt ein bisschen milder.

Laut Eurostat sank im ersten Quartal 2020 das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der EU um 3,4 Prozent, in Deutschland um 2 und in Schweden um 0,9 Prozent. Im dritten Quartal zog das BIP EU-weit um 11,7 Prozent an. In Deutschland waren es 8,7, in Schweden lediglich 7,4 Prozent. Besonders stark konnte Frankreich mit 18,5 Prozent zulegen. Im ersten Quartal 2021 sank das BIP der EU um 0,1 Prozent, woran Deutschland mit einem Minus von 1,8 Prozent einen hohen Anteil hat. Schwedens BIP stieg dagegen leicht um 0,8 Prozent.

Ergebnisoffene Forschung nötig

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Ausführlichere Auswertungen der Pandemiestrategien müssen noch folgen. Aber man kann wohl jetzt schon sagen, dass Schwedens Sonderweg weder ein leuchtendes Vorbild noch ein totaler Reinfall ist. Das Land hat einiges besser und einiges schlechter als seine EU-Nachbarn gemacht. Eine Kombination aus den richtigen Maßnahmen der verschiedenen Strategien wäre möglicherweise für Schweden und andere Länder erfolgreicher gewesen.

Für die Zukunft ist es daher vor allem wichtig, besser zu erforschen, welche Maßnahmen unter welchen Bedingungen wie gut funktionieren. Nur dann kann man bei der nächsten Pandemie für Europa, jedes Land und jede Region die jeweils effektivsten, effizientesten und vielleicht auch gerechtesten Eindämmungsmethoden finden.

Quelle: ntv.de

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