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Kampagne ohne staatliche Hand Warum Bremen besser impft als alle anderen

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In Bremen beteiligt sich die ganze Stadt an der Impfkampagne, auch der SV Werder aus der 2. Fußball-Bundesliga.

(Foto: imago images/Nordphoto)

Bildungsmisere, Armut und Arbeitslosigkeit - Bremen hat viele Probleme, die eine schlechte Impfkampagne versprechen. 13 Monate nach dem Start weist der Stadtstaat aber die mit Abstand höchste Impfquote Deutschlands auf - dank eines Konzepts, das auch der Bund lobt, aber niemand kopiert.

13 Monate nach dem Start hat die deutsche Impfkampagne einen klaren Sieger, Bremen führt das Feld mit deutlichem Vorsprung an. Mehr als 89 Prozent der Menschen in Bremen und Bremerhaven haben mindestens einen Piks erhalten und damit fast 8 Prozent mehr als im zweitbesten Bundesland, dem Saarland.

Lukas Fuhrmann von der Bremer Gesundheitsbehörde kann nachvollziehen, dass dieser Erfolg überraschend kommt. In der Hansestadt gebe es viele Probleme in den Bereichen Armut, Arbeitslosigkeit und Bildung, die zu einer niedrigeren Impfquote hätten führen können, erzählt er im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". Schaue man sich allerdings das Pandemie-Management des Stadtstaats schon vor der Impfkampagne an, sei die hohe Quote nachvollziehbar.

Kampagne in Bremen ohne staatliche Hand

Die Corona-Planer der Hansestadt haben ihre Aufmerksamkeit früh auf die Stadtteile gerichtet, in denen die Sieben-Tage-Inzidenz regelmäßig besonders hoch war. Nachbarschaften und Quartiere, die es so oder so ähnlich in jeder Großstadt gibt: Das Einkommen ist gering, Deutsch als Muttersprache eher die Ausnahme, die Arbeitslosigkeit hoch - genauso, wie die Gefahr, dass es Probleme mit dem Impfangebot geben könnte. Wie erreicht man die Menschen, die dort leben? Wie motiviert man sie, sich impfen zu lassen?

Diese Fragen hat Bremen anschließend in den Mittelpunkt seiner Impfkampagne gerückt. Man habe sich bewusst für niedrigschwellige Angebote entschieden - "ohne die staatliche Hand, die über allem schwebt", erzählt Lukas Fuhrmann. Stattdessen habe die Hansestadt Gesundheitsfachkräfte eingestellt und in die betroffenen Stadtteile geschickt, um Kontakt mit dem Quartiersmanagement, mit Ämtern, Kultur- und Sportvereinen oder religiösen Gemeinschaften aufzunehmen.

Zum Beispiel im Stadtteil Gröpelingen. Dort wurde bereits im Mai 2021 ein vorübergehendes Impfzentrum aufgebaut, um innerhalb von einer Woche 2000 Menschen zu impfen. Am Ende kamen fast 5000 Anwohner vorbei - den Kindertagesstätten sei Dank, sagt Lukas Fuhrmann. Man habe den Erzieherinnen und Erziehern in den Kitas mehrsprachiges Informationsmaterial gegeben, mit der Bitte, es an die Eltern weiterzureichen, und Einladungen mit Buchungscodes für Impftermine gleich mit.

Das Ziel? Das Misstrauen mancher Menschen in staatliche Institutionen ernst zu nehmen und auszuhebeln. "Wenn ich mein Kind zur Betreuung in die Kita gebe, habe ich ein grundsätzliches Vertrauen in die Erzieherinnen und Erzieher. Sie sind Vertrauenspersonen für mich. Auch, wenn die mir sagen: Hier sind Informationen zum Impfen. Hier ist auch deine Einladung, geh da hin", erklärt Fuhrmann den Ansatz. Damit habe man einen sehr guten Zugang gefunden.

Termin erst mit Einladung - zügig

In Bremen und Bremerhaven hat aber nicht nur die Impf-Ansprache funktioniert, sondern auch die Organisation. Während es in Städten wie Berlin gleich mehrfach Chaos, Verwirrung und Wut bei der Buchung der begehrten Termine gab, machte sich im Norden hanseatische Gelassenheit breit. Von Anfang an wurde der Bevölkerung mitgeteilt, dass alle eine schriftliche Einladung erhalten, wenn sie dran sind. Erst mit dieser Einladung gab es auch einen Termin - und zwar zeitnah, wie Fuhrman erklärt. Innerhalb von sieben bis zehn Tagen hätten die Menschen ihre Impfung im Arm gehabt. Wann welcher Jahrgang dran war, wurde offen in der Zeitung kommuniziert.

Wo finde ich "Wieder was gelernt"?

Alle Folgen von "Wieder was gelernt" können Sie in der ntv-App hören und überall, wo es Podcasts gibt: Audio Now, Amazon Music, Apple Podcasts, Google Podcasts und Spotify. Mit dem RSS-Feed auch in anderen Apps.

Dieser reibungslose Ablauf ist auch ein Verdienst von Christian Seidenstücker. Der Unternehmer hat die Bremer Corona-Hotline mit aufgebaut und ist überzeugt, dass das Termin-Wirrwarr anderer Kommunen und Länder der deutschen Impfquote geschadet hat und mitverantwortlich ist für die große Impflücke bei den über 60-Jährigen. "Die sollten sich ja mit als Erste impfen lassen, haben aber keinen Termin bekommen", erzählt der Bremer. "Dann waren sie frustriert und haben an ein Staatsversagen geglaubt. Diese Leute jetzt wieder zu motivieren, ist total schwer."

Die Wirtschaft hilft in Bremen mit

Seidenstücker ist Gründer und Vorsitzender des Bremer Veranstaltungsunternehmens JOKE Event AG. In der Corona-Pandemie hat er gemeinsam mit mehreren Partnern aus der Wirtschaft die Initiative "Bremen impft" angestoßen, weil ihnen die Kampagne der Hansestadt mit 1400 Impfungen täglich nicht ambitioniert genug war.

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Weil Bremen auch Pendler aus Niedersachsen ...

(Foto: picture alliance/dpa)

"Angestoßen hat das Ganze der Immobilien- und Bauunternehmer Kurt Zech. Der kam von einem Termin im Bremer Mercedes-Benz-Werk zurück und fragte sich, warum man 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche Autos produzieren, aber nur von 8 bis 17 Uhr impfen kann", sagt er über die ursprünglichen Pläne. "Deshalb haben wir uns zusammengesetzt und innerhalb von drei oder vier Tagen ein Konzept entwickelt, das mehr als 15.000 Impfungen täglich vorsah."

Kampagne als Großveranstaltung

Der Kern des Konzepts ist überraschend simpel. Man habe die Impfkampagne als Großveranstaltung betrachtet, erzählt der Eventmanager. In dieser Branche sei es das "täglich Brot", sich in Gäste oder Kunden hineinzuversetzen und Menschen zu motivieren, an etwas teilzunehmen.

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... sowie internationale Seeleute geimpft hat, ...

(Foto: picture alliance/dpa)

Die fertige Idee sei von der Bremer Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard skeptisch aufgenommen worden. Impfen sei doch eine staatliche Aufgabe, soll der Tenor gewesen sein. Aber mit guten Argumenten habe die Initiative die Linken-Politikerin überzeugt, sagt Seidenstücker. "Das beste Argument war, wie man möglichst schnell mit den Leuten aus dieser Krise herauskommt, die am meisten darunter leiden. Deshalb haben wir ganz viele Leute aus der Gastronomie, Hotellerie und Veranstaltungsbranche in die Impfkampagne mit einbezogen, ihnen ein Einkommen und eine Perspektive verschafft."

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... liegt die Impfquote bei den 18- bis 59-Jährigen inzwischen bei 101,5 Prozent.

(Foto: picture alliance/dpa)

Allein bei der Impf-Hotline hätten später bis zu 160 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der Hotellerie und Veranstaltungswirtschaft gearbeitet, erzählt der Eventmanager. Es seien auch ganz viele Solo-Selbstständige darunter gewesen, die keinen Anspruch auf staatliche Förderprogramme gehabt hätten. Ein voller Erfolg, seit dem Start der Impfkampagne Anfang 2020 gab es erst vier Tage, an denen man länger als 30 Sekunden in der Warteschleife der Bremer Impf-Hotline verbringen musste.

Lob von allen Seiten, aber keine Kopie der Bremer Impfkampagne

Ein Erfolg, den auch das Bundesgesundheitsministerium erahnt hat. Denn als Ende 2020 die ersten Impfungen in deutschen Alten- und Pflegeheimen verabreicht wurden, hat es sich telefonisch bei Christian Seidenstücker gemeldet und versucht, einen deutschlandweiten Einsatz des Konzepts zu vermitteln.

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"Das war zwischen dem 28. und 30. Dezember 2020. Alle Bundesländer mussten bis kurz vor Weihnachten ihre Systeme vorstellen und aufzeigen, wie es gehen soll", erzählt der Unternehmer rückblickend. Man habe Unterstützung angeboten, das Ministerium habe letztlich aber abgelehnt: "Nein, nein, aufgrund des Föderalismus dürfen wir das nicht", erinnert sich Seidenstücker an die Begründung zurück. Stattdessen habe das Ministerium nur Tipps gegeben, wo die Initiative doch bitte anrufen möge. "Wir haben die Bundesländer dann tatsächlich kontaktiert und tolles Feedback bekommen, aber auch die Botschaft: Nee, wir bleiben doch lieber bei unserer Variante."

Den Verwaltungen und der Politik hat der Mut gefehlt, sich für eine Lösung zu entscheiden, die nicht die eigene ist, kritisiert der Unternehmer. Das muss sich ändern, fordert er mit Blick in die Zukunft. Es ist ein Problem, das auch in der Bremer Gesundheitsverwaltung aufgefallen ist. Es gebe immer mal wieder lose Anfragen aus anderen Städten oder Kommunen, wie man diese hohe Impfquote erreicht habe, sagt Lukas Fuhrmann. Aber nur ganz selten wird mehr daraus.

"Wieder was gelernt"-Podcast

"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Bekommt die Deutsche Bank ihr Geld von Donald Trump zurück? Warum bezahlen manche Berufspiloten Geld für ihren Job? Warum ziehen Piraten von Ost- nach Westafrika? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

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(Dieser Artikel wurde am Montag, 07. Februar 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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