Politik

"Neue Dimension" der Pandemie Corona-Expertenrat warnt eindringlich vor Omikron-Welle

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Dem Corona-Rat gehören 19 Expertinnen und Experten an - hier bei einer virtuellen Schalte mit Kanzler Olaf Scholz und Gesundheitsminister Karl Lauterbach.

(Foto: dpa)

"Handlungsbedarf" bereits für die kommenden Tage sieht der Corona-Expertenrat. Er schlägt vor allem "gut geplante und gut kommunizierte Kontaktbeschränkungen" vor, wie es in einer Stellungnahme heißt. Für Deutschland wird eine "sehr hohe Krankheitslast durch Omikron" erwartet.

Der Expertenrat der Bundesregierung zur Coronavirus-Pandemie hat sich in einer ersten Stellungnahme wegen der hochansteckenden Omikron-Variante für die rasche Einführung von Kontaktbeschränkungen ausgesprochen. Aus der derzeitigen Corona-Lage ergebe sich "Handlungsbedarf bereits für die kommenden Tage", heißt es in dem Papier mit dem Titel "Einordnung und Konsequenzen der Omikronwelle", das ntv.de vorliegt.

Die Experten zeichnen ein dramatisches Bild, sollte sich Omikron in Deutschland ähnlich schnell ausbreiten wie in anderen Ländern. Von "enormen Herausforderungen" und einer "neuen Dimension" der Pandemie ist die Rede. Die Expertinnen und Experten warnen nicht nur vor Risiken für die kritische Infrastruktur, sondern auch vor einer "erheblichen Überlastung der Krankenhäuser".

"Wirksame bundesweit abgestimmte Gegenmaßnahmen zur Kontrolle des Infektionsgeschehens sind vorzubereiten, insbesondere gut geplante und gut kommunizierte Kontaktbeschränkungen", schreiben die 19 Expertinnen und Experten, die das Papier einstimmig verabschiedet haben. Aktuelle Maßnahmen müssten "darüber hinaus noch stringenter fortgeführt werden". Die Impfkampagne sollte parallel erheblich intensiviert werden, heißt es. Sie solle "mit allen verfügbaren Mitteln" auch über die Feiertage hinweg fortgesetzt und beschleunigt werden.

Die neue Bundesregierung unter Kanzler Olaf Scholz hat den Expertenrat als beratendes Gremium ins Leben gerufen. Er hat keine politische Entscheidungsgewalt. Der Rat soll sich einmal wöchentlich treffen, um sich über die aktuelle Corona-Lage und mögliche Maßnahmen auszutauschen - möglichst einhellig, wie es zum Auftakt hieß. In dem Rat sitzen Virologen, aber auch Vertreter des Robert-Koch-Instituts und des Deutschen Ethikrats, Mediziner und Behördenvertreter. Die nun vorgelegte Stellungnahme ist die erste Äußerung des Gremiums.

Der Expertenrat warnt in dem Papier, dass alle Modelle zeigten, dass Boosterimpfungen alleine keine ausreichende Eindämmung der Omikronwelle bewirken, sondern zusätzlich Kontaktbeschränkungen notwendig sind. "Neben den notwendigen politischen Entscheidungen muss die Bevölkerung intensiv zur aktiven Infektionskontrolle aufgefordert werden." Dazu gehörten die Vermeidung größerer Zusammenkünfte, das konsequente, bevorzugte Tragen von FFP2 Masken, insbesondere in Innenbereichen, sowie der verstärkte Einsatz von Schnelltests bei Zusammenkünften vor und während der Festtage. Besonders vulnerable Gruppen bedürfen verstärkter Schutzmaßnahmen durch hochfrequente Testung und FFP2-Masken, heißt es.

Für die kommenden Wochen und Monate erwartet der Corona-Rat "enorme Herausforderungen, die ein gemeinsames und zeitnahes Handeln aller erfordern". Neben dem konsequenten Handeln sei stringentes Erklären entscheidend, heißt es in dem dreiseitigen Papier. "Die Omikronwelle trifft auf eine Bevölkerung, die durch eine fast zweijährige Pandemie und deren Bekämpfung erschöpft ist und in der massive Spannungen täglich offenkundig sind", schreiben die Experten weiter. Essentiell sei eine umfassende Kommunikationsstrategie mit nachvollziehbaren Erklärungen der neuen Risikosituation und der daraus folgenden Maßnahmen.

Experten rechnen mit "sehr hoher Krankheitslast"

Omikron bringe "eine neue Dimension in das Pandemiegeschehen", heißt es in der Stellungnahme weiter. Die Experten erwähnen die stark gesteigerte Übertragbarkeit sowie das Unterlaufen eines bestehenden Immunschutzes durch die Mutante. "Sie infiziert in kürzester Zeit deutlich mehr Menschen und bezieht auch Genesene und Geimpfte stärker in das Infektionsgeschehen ein." Dies könne zu einer explosionsartigen Verbreitung führen.

Gleichzeitig heißt es, dass bisher nicht davon auszugehen sei, "dass im Vergleich zur Delta-Variante Menschen ohne Immunschutz einen milderen Krankheitsverlauf aufweisen werden". Allerdings wird auf Studien verwiesen, nach denen eine Boosterimpfung einen "deutlich verbesserten Immunschutz" zeige. Das Fazit: "In Deutschland ist jedoch aufgrund der vergleichsweise großen Impflücke, die insbesondere bei Erwachsenen besteht, mit einer sehr hohen Krankheitslast durch Omikron zu rechnen."

Wie schon in Großbritannien zu beobachten, warnt der Expertenrat bei schnell steigenden Inzidenzen vor Risiken für die sogenannte kritische Infrastruktur. Dazu zählen demnach Krankenhäuser, Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst, Telekommunikation, Strom- und Wasserversorgung und die entsprechende Logistik. "Deshalb bedarf es einer umfassenden und sofortigen Vorbereitung des Schutzes der kritischen Infrastruktur unseres Landes." Für Anfang 2022 müssten in den kommenden Tagen Vorkehrungen getroffen werden, "und zwar auf politischer und organisatorischer Ebene des Bundes, der Länder, der Städte und Gemeinden". So müssten etwa Krankenhäuser eine hinreichende Vorratshaltung von Material und Medikamenten herstellen. Zudem fordern die Experten auch über die Feiertage "eine schnelle politische Handlungsfähigkeit".

Besorgt äußern sich die Experten zur Lage des Gesundheitssystems: Sie erwarten durch Omikron "eine erhebliche Überlastung der Krankenhäuser". Sogar wenn sich alle Krankenhäuser ausschließlich auf die Versorgung von Notfällen und dringlichen Eingriffen konzentrierten, werde eine qualitativ angemessene Versorgung aller Erkrankten nicht mehr möglich sein. "Eine strategische Patientenverlegung kann aufgrund der zu erwartenden flächendeckend hohen Belastung nicht mehr nennenswert zu einer regionalen Entlastung beitragen", heißt es in dem Papier.

Quelle: ntv.de, mli

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