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Der jugendliche Täter attackierte in einem Regionalzug anscheinend wahllos Menschen mit einer Axt und einem Messer.
Der jugendliche Täter attackierte in einem Regionalzug anscheinend wahllos Menschen mit einer Axt und einem Messer.(Foto: dpa)
Dienstag, 19. Juli 2016

Interview mit Ahmad Mansour: "Das war nicht der letzte Anschlag bei uns"

Junge Muslime, die selbstständig, aber im Geist des IS Anschläge verüben: das Zug-Attentat ist der Albtraum der Sicherheitsbehörden. Extremismusexperte Ahmad Mansour erklärt im Interview, wie sich solche Täter radikalisieren - und was man dagegen tun kann.

n-tv.de: Der IS reklamiert das Attentat von Würzburg für sich. Wie viel hatte der Täter wohl tatsächlich mit dem IS zu tun?

Ahmad Mansour: Darüber können wir nur spekulieren. Die Tatsache, dass der IS so gut wie alle Taten in Europa für sich reklamiert, bedeutet eigentlich nichts. Das ist ein Versuch, den Westen zu verunsichern und sich stärker darzustellen. Ob ein tatsächlicher Kontakt zum IS bestand, wage ich zu bezweifeln. Sehr wohl könnte er aber im Geist des IS gehandelt haben.

Ahmad Mansour, Jahrgang 1976, ist ein israelisch-arabischer Psychologe und Autor. Er ist Programmdirektor der European Foundation for Democracy und Sprecher des Muslimischen Forums Deutschland. Ende 2015 erschien bei S. Fischer sein Buch "Generation Allah. Wieso wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen".
Ahmad Mansour, Jahrgang 1976, ist ein israelisch-arabischer Psychologe und Autor. Er ist Programmdirektor der European Foundation for Democracy und Sprecher des Muslimischen Forums Deutschland. Ende 2015 erschien bei S. Fischer sein Buch "Generation Allah. Wieso wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen".(Foto: picture alliance / dpa)

Der Attentäter von Würzburg war sehr jung. Ist es neu, dass sich Islamisten so früh radikalisieren?

Nein, diese Tendenz beobachten wir schon seit mehreren Jahren. Das ist ein Jugendphänomen geworden. Die Sprache und die Bedürfnisse mancher Jugendlichen finden beim IS eine Entsprechung. Sie suchen nach Abenteuer, nach Anerkennung, nach Orientierung und Halt – das alles finden sie in islamistischen Gruppierungen.

Der Attentäter kam als Flüchtling nach Deutschland. Welche Rolle spielt das?

Wir dürfen jetzt nicht die Flüchtlinge pauschal als Terroristen oder Gefährder betrachten. Seit Sommer 2015 warne ich aber davor, dass die Gruppe der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge sehr gefährdet ist. Das sind Menschen, die alleine sind, nach Orientierung, Sicherheit und Vaterfiguren suchen. Es gibt noch keinen Beleg dafür, dass das hier so gewesen ist. Aber generell wissen wir, dass Islamisten immer wieder versuchen, diese jungen Leute für sich zu gewinnen.

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Werden unbegleitete jugendliche Flüchtlinge nicht betreut?

In diesem Fall lebte der Täter in einer Familie. Das ist zunächst einmal sehr gut, das ist genau, was wir brauchen. Aber es hängt auch davon ab, wie das begleitet wird. Kennen sich die Sozialarbeiter mit Radikalisierung aus? Können sie Gefahren erkennen, wenn Familien etwas Auffälliges melden? Seit zwei, drei Jahren gibt es viele Bemühungen, Lehrer und Sozialarbeiter und Flüchtlingshelfer  fortzubilden. Es gibt aber leider noch immer viele, die nicht in der Lage sind, radikale Tendenzen zu erkennen.

Hätte es also auffallen müssen, dass der Täter einen Anschlag plant?

Hier kann ich nur spekulieren. Wir wissen nicht, ob das in diesem Fall sichtbar war. Wenn es eine "Turboradikalisierung" war wie in Nizza, kann man das nicht erkennen. Oder gab es eben doch Zeichen, die man in den Monaten, seitdem der Jugendliche da war, hätte bemerken können? Das ist aber auch eine grundsätzliche politische Frage: Wir müssen in der Lage sein, zu wissen, wer mit welchen Motivationen zu uns kommt. Andererseits müssen wir uns davor hüten, alle Flüchtlinge als potenzielle IS-Attentäter zu bezeichnen. Wir müssen jeden Fall für sich analysieren.

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Der Jugendliche ist mit einer Axt auf seine Opfer losgegangen, der Attentäter von Nizza benutzte einen Lastwagen. Werden die Waffen der Islamisten immer trivialer?

Es überrascht mich, dass jetzt so viele so überrascht davon sind. Wir sehen in Israel schon seit Jahren, dass palästinensische Jugendliche morgens ganz normal in die Schule gehen und auf dem Nachhauseweg mit Messern versuchen, Juden umzubringen. Das ist genau der Punkt, weshalb solche Täter im Vorfeld unentdeckt bleiben. Wäre dieser junge Mann mit jemandem in Kontakt gewesen, um eine Waffe zu besorgen, wäre er eventuell entdeckt worden. Mit einem Messer oder einer Axt, die jeder in der Garage hat, wird das unwahrscheinlich. Und das ist genau das, was Radikale wollen: zu zeigen, dass sie überall zuschlagen können. So gelingt es, die gesamte Gesellschaft zu terrorisieren.

Wie kommt ein junger Mensch dazu, eine solche Tat zu begehen? Muss man dafür psychisch krank sein?

Ich glaube, jeder, der in der Lage ist, einen anderen Menschen umzubringen, hat eine labile Persönlichkeit. Ich warne trotzdem davor, den Terror zu pathologisieren. Bei der Erklärung von Radikalisierung und Terror spielen verschiedene Ebenen eine Rolle. Wir müssen über soziologische und psychologische Faktoren, aber auch über die zugrunde liegende Ideologie reden.

Was meinen Sie mit Ideologie?

Es gibt eine islamistische Ideologie, die bei Muslimen auch in Deutschland sehr weit verbreitet ist. Jugendliche aus diesen Kulturkreisen bekommen bestimmte Teile davon schon in ihrer Erziehung beigebracht. Gemeint sind zum Beispiel die Ablehnung der westlichen Kultur, die Verteufelung unserer Grundrechte, bestimmte Opfer- und Feindbilder, die weit verbreitet sind. Das bekommt man nicht nur in manchen Moscheen oder bei Salafisten gelehrt, sondern ist oft vorhanden und in der patriarchalen Erziehung angelegt – ohne das verallgemeinern zu wollen.

Also alles eine Frage der Erziehung?

Nein, es braucht noch eine weitere Ebene und Inhalte. Es bedarf eines realen Kontakts zu einer Person, die den vollen Zugang zu dieser Ideologie ermöglicht. Und wenn dieser Zugang da ist, spielen auch Internetvideos eine Rolle. Das Internet dient der Beschleunigung – da findet man alles, da kann man sich weiter radikalisieren.

Wie kommt man da dazwischen, wo muss man ansetzen?

Wir werden nicht in der Lage sein, alle solche Fälle zu verhindern – wir sehen das in Nizza und in Israel. Aber wir können viel tun, damit sie seltener vorkommen. Und dazu brauchen wir politischen Willen. Wir müssen Jugendliche früher erreichen als radikale Gruppierungen. Wir müssen in den Schulen über aktuelle politische Themen reden und kritisches Denken anregen. Und dazu müssen wir Schulen und Sozialarbeit reformieren.

Und die Muslime selbst?

Auch die muslimische Community ist gefragt. Sie muss eine innerislamische Debatte führen, um Jugendlichen ein Islamverständnis anzubieten, das keine Basis schafft, auf der Islamisten ihre radikalen Ideologien aufbauen können. Sie müssen zu einem demokratischen, humanistischen Islam finden, der ohne Wenn und Aber hinter den Menschenrechten steht. Aber das vorherrschende Islamverständnis ist konservativ und trägt Werte in sich, die den Radikalen in die Hände spielen.

Das klingt nicht so, als könnte sich rasch etwas ändern.

Ja, das ist wohl wahr. Ich glaube, das war nicht der letzte Anschlag in Deutschland. Leider. Auch wenn ich hoffe, dass ich falsch liege.

Mit Ahmad Mansour sprach Johannes Graf

Quelle: n-tv.de