Politik

Und, wie war Ihre Woche so? Der Gummistiefelmoment

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Armin Laschet im Gespräch mit Einsatzkräften.

(Foto: Staatskanzlei NRW)

Alle Kanzlerkandidaten treibt es diese Woche in die Katastrophenregion, alle aus unterschiedlichen Motiven. Was bedeuten die Fluten für Olaf Scholz, Armin Laschet und Annalena Baerbock?

Kein Urlaub für Kanzlerkandidaten

Von Heike Boese

Olaf Scholz hatte sich auf seine Ferien gefreut. Wandern in den Bergen, ausspannen, Akkus aufladen. Aber wenn buchstäblich das Land untergeht, darf ein Kanzlerkandidat nicht im Urlaub bleiben. Unter gar keinen Umständen. Wer Bundeskanzler oder Bundeskanzlerin werden will, muss runter von der Liegematte, egal wie verdient die Auszeit auch sei. Aber müssen die Kandidaten auch ins Katastrophengebiet reisen, um dort zu stören, wie es der Co-Vorsitzende der Grünen, Robert Habeck, formuliert hat? Egal, wie die Entscheidung ausfällt, es wird Kritik hageln. Fährt man hin, lautet der Vorwurf, man nutzt die Katastrophe für den Wahlkampf, fährt man nicht, heißt es, das Unglück der Betroffenen sei wohl nicht wichtig genug.

Armin Laschet, der Kanzlerkandidat der Union, ist als Ministerpräsident des betroffenen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen sowieso vor Ort. Aber der Kanzlerkandidat der SPD, der im brandenburgischen Potsdam zuhause ist? Immerhin ist Olaf Scholz auch Vizekanzler und Bundesfinanzminister. Da Angela Merkel in den USA war, hat er sie quasi im Amt vertreten und als Bundesfinanzminister den Betroffenen schnelle und unkomplizierte Hilfe zugesagt. Ansonsten bemüht sich Scholz, so wenige Umstände wie möglich zu machen. Er kommt mit der kleinstmöglichen Entourage, seine Personenschützer halten sich im Hintergrund und er "wildert" nicht in der Heimat des Konkurrenten, sondern fährt nach Rheinland-Pfalz, wo seine Parteifreundin Malu Dreyer regiert. Jetzt muss er als zuständiger Minister aber auch liefern und dafür sorgen, dass die versprochene Hilfe schnell kommt. Da alle Parteien im Wahlkampf sind, stehen die Chancen dafür nicht schlecht.

Der Gummistiefelmoment des Armin Laschet

Von Nadine to Roxel

Armin Laschet ist es die bisher schwierigste Woche seiner Amtszeit. Eine Hochwasser-Katastrophe hat sein Bundesland Nordrhein-Westfalen sowie Rheinland-Pfalz heimgesucht, viele Menschen haben alles verloren. Laschet fährt nach Altena, nach Hagen, nach Stolberg, er macht sich in Gummistiefeln ein Bild von der Lage vor Ort. Laschet ist nicht nur Kanzlerkandidat, er ist der Ministerpräsident. Die Menschen erwarten von ihm Hilfe, Unterstützung und Trost. Aber: Es ist eben auch Wahlkampf. Laschet weiß um die Macht der Bilder. Nach Wahlkampf soll es nicht aussehen, aber nach "Laschet kann Krise" dann eben doch.

Viele erinnern sich an die Flut an der Elbe 2002, als der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder in Gummistiefeln und Regenjacke durch die Hochwassergebiete im Osten der Republik stapfte. Schröder drehte so damals den Wahlkampf und wurde wiedergewählt.

Es bleibt ein schmaler Grat, wie schmal, erfährt auch der Kanzlerkandidat gerade. Erst hagelt es Kritik, er habe zu spät seine Wahlkampftour in Süddeutschland abgesagt. Dann rückt Laschets Klimapolitik in den Fokus und manch einer tut so, als sei der Kanzlerkandidat persönlich für die Flutkatastrophe verantwortlich. Kurzzeitig kommt es zur Debatte, ob Laschet in einem Interview die Moderatorin "junge Frau" genannt hat oder "Entschuldigung, Frau…", und ihm dann der Name entfallen ist.

Laschet wird sicher an seinem Krisenmanagement gemessen werden. Entscheidender wird aber in den kommenden Wochen die Frage sein, welche Konzepte er und die Union konkret haben, um den Klimawandel zu bekämpfen. Da hat Laschet bisher keine besonders gute Figur gemacht.

Baerbock: Abwesend

Von Philip Scupin

Erlebt Annalena Baerbock gerade ihren Edmund-Stoiber-Moment? Auch ihre Kanzler(innen)-Chancen könnten in den Sommerfluten untergehen wie 2002 jene des Bayern. Auch sie kann nur zusehen, wie ihre Konkurrenten, die bereits ein Regierungsamt haben, vor Ort sind, tröstende Worte sprechen, beim Bürger punkten. Sie selbst fährt am Freitag zwar auch hin, aber ohne Kamerabegleitung. Das hätte zu sehr nach Inszenierung ausgesehen.

Abwesenheit ist aber auch sonst der rote Faden von Baerbocks Woche. Bis zur Flut weilte sie im Familienurlaub, öffentliche Termine gab es tagelang keine. Wenig Baerbock allerdings auch auf den Wahlplakaten der Grünen, die sie am Montag vorgestellt haben. Nicht auf einem einzigen werden die Wähler die Worte "Kanzlerin" oder "Kanzlerkandidatin" lesen. Erst ganz am Ende der Wahlkampagne könnte es das noch geben, sagt die Partei. Neues grünes Motto: No Baerbock, no cry?

Dazu passt, dass ein anderer diese Woche dagegen ziemlich anwesend war: Co-Chef Robert Habeck. Wenn man ihn so gesehen hat bei seiner Küstentour - braun gebrannt und dauergrinsend - dann darf man vermuten: Da genießt einer innerlich schon ein wenig, dass am Ende doch jeder sagt, er wäre der Bessere gewesen. Ob sie doch die Rollen tauschen müssten, wird er dann auch gefragt. Nein, so Habeck, man müsse jetzt nur "die Aufstellung so interpretieren, dass wir am Ende ein starkes Ergebnis haben". Das soll wohl heißen: Sie bleibt zwar Kandidatin, aber seine Hilfe wird sie brauchen. Da könnte was dran sein.

Das ist die neunte Folge der Wahlkampf-Kolumne "Und, wie war Ihre Woche so?". Folge acht lesen Sie hier.

Quelle: ntv.de

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