Politik

Und, wie war Ihre Woche so? Serien schauen als Training fürs Kanzleramt

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Olaf Scholz, Annalena Baerbock, Armin Laschet

(Foto: Imago, dpa)

Für den Wahlkampf erzählt Armin Laschet, Kanzlerkandidat der Union, was er im Dunkeln so treibt, während sich Annalena Baerbock und die Grünen etwas entspannen. Olaf Scholz lässt Vorwürfe an sich abperlen und reist nach Venedig.

Gute Laune trotz langer Nächte

Von Christian Wilp

Der Brigitte-Talk ist fast so brisant wie das Halbzeitgeplauder während der Fußball-EM. Und dennoch, vielleicht auch deswegen, zählt er zum Pflichtprogramm der Kanzlerkandidaten der Saison. Den Auftakt absolvierte Annalena Baerbock, Teil 2 dieser Miniserie zeigt in der Hauptrolle Armin Laschet. Olaf Scholz ist zum Abschluss geladen, was nicht als dramaturgischer Höhepunkt fehlgedeutet werden sollte.

Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen präsentiert sich zwischen den beiden Stichwortgeberinnen krawattenlos und entschlossen gut gelaunt. Er weiß, hier geht’s weniger um dröge Politik, aber auch Persönliches kann Punkte bringen - oder kosten. Entsprechend wohldosiert geht Laschet mit seinen Auskünften um. Das Publikum erfährt, dass er auch als Bundeskanzler in Aachen wohnen würde, dass er wenig vom Tempolimit hält und sich als Student "auch um Haushaltsdinge" kümmerte. Die mutigste Entscheidung seines Lebens? "Kanzlerkandidat werden zu wollen." Man wüsste gern, was Markus Söder jetzt denkt.

Kein einziges Mal beim Namen nennt er Hans-Georg Maaßen, ehemals Verfassungsschutzpräsident und neuerdings Bundestagskandidat, der mit seinen wirren Sprüchen die Opposition beglückt und die Unionsspitze nervt. Der Rechtsausleger, das muss man Laschet hörbar nicht erklären, ist kein Gewinnerthema.

Aber dann erfährt man noch Privates: Laschet bekennt, manchmal nächtelang Fernsehserien mit einem gewissen Suchtfaktor anzugucken. "Dann sitze ich da bis 3, 4 Uhr und schaue diese Serien an." Mit wenig Schlaf auszukommen, das ist eine Verhandlungswaffe, die Angela Merkel in stundenlangen Nachtsitzungen zur Meisterschaft gebracht hat. Gut möglich also, dass Laschet heimlich vor dem Fernseher fürs Kanzleramt trainiert.

Zeit für ein gutes Buch

Von Christina Lohner

Annalena Baerbock gönnt sich in dieser Woche Urlaub, die freie Zeit will sie mit ihrer Familie verbringen. Vermutlich möchte sich die grüne Kanzlerkandidatin wie die meisten Menschen vor allem erholen. Endlich mal eine Verschnaufpause von den nicht enden wollenden Attacken im Wahlkampf, auf zu neuer Gelassenheit. Ob das auch der Grund war, warum die attackierten Grünen diesmal nicht sofort in den Verteidigungsmodus schalteten? Dabei wirft seit dieser Woche ein weiterer Plagiatsjäger der 40-Jährigen vor, in ihrem neuen Buch abgekupfert zu haben.

Doch diesmal ließen die Grünen nicht umgehend einen Anwalt drohen, sprachen nicht von "Rufmord", sondern übten sich in Gelassenheit. Stattdessen äußerte sich die Denkfabrik, von der Baerbock abgeschrieben haben soll. Und die Wissenschaftler sehen gar kein Problem, im Gegenteil: Das sei genau ihr Ziel, dass Politiker ihre Botschaften transportieren. Baerbock selbst meldete sich schließlich aus dem Urlaub selbstkritisch zu Wort: Sie habe bewusst auf öffentlich zugängliche Quellen zurückgegriffen, nehme die Kritik aber ernst. Ihr Buch soll nun doch noch Quellenangaben bekommen.

In ihrer Kommunikationsstrategie haben die Grünen also einen Gang runtergeschaltet. So geben sie der aufgeregten Debatte zumindest kein neues Futter. Damit erreicht die Partei wohl eher ihr Ziel, dass sich die öffentliche Diskussion irgendwann weniger um Baerbocks persönliche Unzulänglichkeiten dreht als vielmehr um Inhalte. Das dürfte sich auch Baerbock selbst für die Zeit nach ihrem Urlaub zum Ziel gesetzt haben. Vielleicht findet sie bis dahin sogar mal wieder Zeit für ein gutes Buch. Am besten kein Sachbuch.

Mitleid ist auch Wahlkampf

Von Heike Boese

Olaf Scholz hat in dieser Woche ordentlich Wahlkampfkilometer geschrubbt. Niedersachsen, Bayern, Rheinland-Pfalz, Thüringen - als Kanzlerkandidat kommt man ganz schön rum. In Thüringen ist er mit Frank Ullrich, der für die SPD um den Wahlkreis 196 kämpft, den Rennsteig entlanggewandert. Ullrich, ehemaliger Biathlon-Bundestrainer, tritt hier gegen Hans-Georg Maaßen an, der das Direktmandat für die CDU holen will.

Als Scholz nach Maaßen gefragt wird, klingt es beinahe so, als würde ihm die Union ob dieses Kandidaten ein bisschen leidtun. Aber das ist nicht sein Problem. Im Grunde ist auch der raue Gegenwind, der Annalena Baerbock ins Gesicht weht, nicht sein Problem. Aber der Umgang mit der Kanzlerkandidatin der Grünen geht selbst Scholz zu weit. "Nicht fair und ungerecht" findet er die Angriffe auf die Konkurrentin. Mitleid ist also auch Wahlkampf.

An Scholz selbst perlen Attacken vergleichsweise geräuschlos ab. Der Vorwurf von Linken und FDP, Mitarbeiter des Finanzministeriums hätten unzulässigerweise Steuermodelle für das SPD-Wahlprogramm ausgerechnet, zieht nicht. Finanzbeamte rechnen sowieso ständig irgendwas aus und nachzuweisen, wann sie im Auftrag der Bundesregierung und wann im Auftrag der SPD die Taschenrechner gezückt haben, ist kaum möglich. Und so geht die Woche für Olaf Scholz sehr entspannt in Venedig zu Ende. Was allerdings nach Dolce Vita auf Steuerzahlerkosten klingt, ist in Wirklichkeit ein Treffen der G20-Finanzminister. Viel trockener geht's nicht, auch nicht in Venedig.

Das ist die achte Folge der Wahlkampf-Kolumne "Und, wie war Ihre Woche so?". Folge sieben lesen Sie hier.

Quelle: ntv.de

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