Politik

Plausch mit Kurden-Kämpfern Der unberechenbare Verbündete gegen den IS

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Emin Inan, Hassan Keskinbicak und andere Kurden diskutieren - während sie auf den Krieg warten.

(Foto: Issio Ehrich)

Kobane droht zu fallen. Die Rufe, mehr Kurden und mehr Waffen ins Kampfgebiet zu lassen, ertönen immer lauter. Doch was geschieht eigentlich, wenn es den Kurden damit tatsächlich gelingen sollte, den IS zurückzudrängen?

Am Willen fehlt es Emin Inan nicht. Er will sich in Kobane den Kämpfern des Islamischen Staates (IS) entgegenstellen. Seit mehr als drei Wochen versucht der Kurde aus der Türkei nun schon, die Grenze nach Syrien zu überschreiten. Fast jede Nacht pirscht er sich heran. Tränengas des türkischen  Militärs treibt ihn wieder zurück. Fast jeden Tag verharrt er auf einer der Anhöhen, um zu sehen, wo sich eine Möglichkeit bietet. Doch der nächste türkische Panzerwagen ist nie fern.

So auch an diesem diesigen Morgen, als Inan mit ein paar Gefährten auf einem Hügel bei Mürşitpınar hockt, dem Rattern der Maschinengewehre lauscht und versucht zu erspähen, was sich dort unten in Kobane tut. Inan und sein kleiner Tross haben keine Chance, sich den Kämpfern in Syrien anzuschließen. Kaum 200 Meter entfernt, zwischen Inan und der Grenze, versperrt ein braun-grüner Stahlkoloss der türkischen Armee mit einem Geschützturm auf dem Dach den Weg.

Das wirkt mehr und mehr paradox. Nach Angaben der Vereinten Nationen verharren noch bis zu 700 Zivilisten in Kobane. In Grenznähe sollen es bis zu 13.000 weitere sein. Die Vereinten Nationen warnen vor einem Massaker von der Größenordnung Srebrenicas, sollte Kobane fallen. Warum also nicht Männer wie Inan eingreifen lassen, wenn weder die Türkei noch die US-geführte Allianz Bodentruppen schicken wollen? Warum nicht zumindest die Kurden, die längst in Kobane kämpfen, mit besseren Waffen ausstatten? Schließlich waren es auch Kurden, die im Norden des Irak Jesiden vor dem Tod gerettet haben. Außerdem bekommen die Peschmerga, die Armee der irakischen Kurden, doch längst Kriegsmaterial - sogar aus der Bundesrepublik.

Rufe wie diese ertönen immer lauter. Und es mag viele gute Gründe dafür geben, sie zu erhören. Doch bei aller Angst vor einem weiteren Massaker in der Welt, und bei aller Sorge, dass die Türkei sich aus fragwürdigen Motiven zurückhält, gilt auch: Die Kurden sind ein schwer einzuschätzender Bündnispartner. Um das zu verstehen, reicht es, eine Weile den Gesprächen Inans und seiner Gefährten zu lauschen.

Der Pakt mit dem Despoten

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Obwohl Inan weiß, dass seine Leute nur 300 Meter entfernt um ihr Leben bangen, erhebt er seine Stimme selbst dann nicht, wenn er die "Politik des Zögerns" Washingtons und Ankaras verurteilt. Auf seine Kritik folgen obendrein Sätze wie: "Zwischen den Regierungen und den Bürgern eines Landes gibt es immer große Unterschiede."

Inan zeigt in gewisser Weise sogar Verständnis für die Haltung der türkischen Regierung. Wie Ministerpräsident Ahmed Davutoğlu sagt er: "Es reicht nicht, den IS zu bekämpfen. Wir müssen auch eine Strategie für Baschar al-Assad finden." Wenn ein Wort Inans Auftritt auf den Punkt bringt, ist es dieses: Besonnenheit.

Doch kaum geht es um den syrischen Präsidenten, fallen ihm andere ins Wort. Dann wird es so laut in der kleinen Runde auf dem Hügel, dass die Schüsse unten in Kobane, kaum noch zu hören sind. Neben Inan sitzt Hassan Keskinbicak. Auch er ist ein Kurde aus der Türkei. "Wir haben kein Problem mit Assad", wirft er armefuchtelnd ein. Dann beginnt er über die Wahlerfolge des syrischen und des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zu philosophieren. "Mehr als 50 Prozent der Türken haben Erdogan gewählt und mehr als 90 Prozent der Syrer Assad", sagt er. "Assad hat es doch offensichtlich richtig gemacht."

Wie Keskinbicak haben sich etliche Kurden mit dem Präsidenten, der mutmaßlich Fassbomben und Giftgas gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt hat, arrangiert. In Syrien gingen viele gar einen Pakt mit ihm ein. Da Assad es zuließ, dass die Kurden im Norden des Landes ihre Autonomie vorantreiben, schloss sich die Mehrheit von ihnen nicht der Widerstandsbewegung an. Mitunter bekämpften syrische Kurden gar die oppositionelle Freie Syrische Armee (FSA), den zeitweise gefährlichsten Gegner Assads, der mit Waffen aus dem Westen unterstützt wurde.

Das lebende Trauma

Mit Assad kann Keskinbicak leben, doch an Feinden fehlt es ihm nicht. Über Europäer und Amerikaner sagt er: "Die halten uns Kurden doch noch nicht mal für menschliche Wesen." Deshalb griffen sie jetzt auch nicht ernsthaft ein, um Kobane zu retten. Noch harscher wird seine Wortwahl, wenn es um die Türkei geht. "Das einzige Ziel Ankaras ist es, die Kurden auszurotten."

Die Türkei plagt ein Trauma, wenn derartige Parolen ertönen. Es ist die Angst, dass der alte Konflikt mit den Kurden, der in den 1980 und 1990er Jahren mehr als 30.000 Menschenleben gekostet hat, wieder aufflammt. Und das Potenzial, dass es dazu kommt, ist kaum wegzudiskutieren. Der De-Facto-Chef der PKK, Cemil Bayik, drohte Ankara am Samstag mit einer Wiederaufnahme des bewaffneten Kampfes.

Tatsächlich ist die kurdische Gemengelage noch viel verworrener, als sie ohnehin schon wirkt. Die Frage, wie unabhängig die Kurden künftig sein sollen, spaltet die Reihen. Und obendrein gibt es auch noch kurdische Islamisten, die derzeit bei nahezu allen anderen Kurden verhasst sind, weil sie als Freunde des IS gelten.

Wie also verhalten sich die Kurden nach einem Triumph in Kobane? Stärken die USA auch Assad, wenn sie die Kurden unterstützen? Womit muss Ankara rechnen, wenn türkische Kurden aus dem Krieg zurückkehren? Bricht ein Bruderkrieg unter den Kurden aus? Wer Inan, Keskinbicak und ihren Gefährten auf dem Hügel bei Mürşitpınar zuhört, weiß nur eines mit Gewissheit: Derzeit eint sie vor allem der Feind IS.

Quelle: n-tv.de

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