Politik

Ukraine: Gefährdete Waffenruhe Grad-Rakete tötet zwei Zivilisten

Seit Mitternacht gilt offiziell eine Waffenruhe in der Ostukraine. Die meisten Separatisten und ukrainischen Soldaten scheinen sich auch daran zu halten - auch wenn noch vereinzelt geschossen wird. Russland entsendet indes einen weiteren Konvoi in das Krisengebiet.

Kurz nach dem Beginn der Waffenruhe in der Ostukraine sind nach Behördenangaben zwei Zivilisten bei einem Separatistenangriff getötet worden. Ein alter Mann und eine Frau seien rund 20 Minuten nach Inkrafttreten der Waffenruhe beim Einschlag einer Grad-Rakete in dem Dorf Popasna in der Region Luhansk ums Leben gekommen, sagte der Regionalgouverneur Gennadij Moskal am Sonntag.

Abgesehen vom Tod der beiden Zivilisten schien die Waffenruhe zwischen Regierungstruppen und prorussischen Rebellen jedoch weitgehend zu halten. Nahezu an der gesamten Front hätten die Kämpfe seit 3 Uhr aufgehört, erklärten die ukrainischen Behörden. Lediglich ganz vereinzelt habe es noch Zwischenfälle gegeben.

Bis zum Morgen seien Stellungen der ukrainischen Streitkräfte zehn mal mit Granaten beschossen worden - vor allem in der seit Wochen schwer umkämpften Region um Debalzewe, sagte ein ukrainischer Militärsprecher. In dem Gebiet war Artilleriefeuer zu hören. Debalzewe ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Hätten die Rebellen ihn unter Kontrolle, verfügten sie über eine direkte Verbindung zwischen ihren Hochburgen Donezk und Luhansk.

Das ukrainische Militär und die prorussichen Separatisten beschuldigten sich gegenseitig, für das Artilleriefeuer verantwortlich zu sein. "Es gibt hier keinen Waffenstillstand", zitierte "Guardian"-Reporter Alec Luhn auf Twitter ukrainische Soldaten an einer Straße, die nach Debalzewe führt.

 

In Donezk waren nach Mitternacht zwar noch vereinzelt Schüsse, aber kein Artilleriefeuer mehr zu hören. Nach Wochen des Gefechtslärms sei die Nacht ungewohnt ruhig gewesen, berichtet n-tv Reporter Dirk Emmerich.

Waffenruhe seit Mitternacht

Im ostukrainischen Kriegsgebiet gilt seit Mitternacht Ortszeit eine Waffenruhe. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko befahl dem Militär, die Kämpfe einzustellen, wie der Generalstab in Kiew mitteilte. In Donezk teilte Separatistenführer Eduard Bassurin laut Meldungen russischer Agenturen mit, die Waffenruhe habe begonnen. Auch die Aufständischen in Luhansk stellten das Feuer ein.

Der Agentur Interfax zufolge sagte Poroschenko: "Ich will Frieden". Zugleich warnte er, der Friedensprozess sei aufgrund der gespannten Lage bei Debalzewe in Gefahr.

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Eine Frau läuft in Vuhlehirsk an einem zerstörten Gebäude vorbei.

(Foto: REUTERS)

Separatistenführer Bassurin teilte Agenturen zufolge am frühen Morgen mit, ukrainische Truppen hätten bei den Orten Debalzewe und Gorlowka sowie am Donezker Flughafen die Aufständischen unter Beschuss genommen. Der Nationale Sicherheitsrat in Kiew berichtete von einem Verstoß gegen die Waffenruhe in den ersten 90 Minuten seit deren Beginn. Außenminister Pawel Klimkin sagte in Kiew, die Regierung tue alles für eine stabile Feuerpause. Im Gebiet Luhansk blieb es nach Darstellung der Separatisten ruhig.

Die strategisch wichtige Stadt Debalzewe nordöstlich der Separatistenhochburg Donezk war bis zuletzt umkämpft. Nach Darstellung der Aufständischen sind dort Tausende ukrainische Soldaten eingekreist. Die Führung in Kiew weist das zurück.

Bis zum Inkrafttreten der Waffenruhe hatten sich ukrainische Truppen und prorussische Separatisten heftige Gefechte geliefert. Mehrere Menschen wurden dabei getötet. Beide Seiten sprachen Drohungen aus, sollte die Waffenruhe nicht halten.

Konvoi aus Russland

Mit Beginn der Waffenruhe in der Ostukraine schickte Russland indes den mittlerweile 14. Hilfskonvoi mit rund 1800 Tonnen Ladung in das Krisengebiet. Mehr als 170 weiße Lastwagen mit der Aufschrift "Humanitäre Hilfe der Russischen Föderation" überquerten an diesem Sonntagmorgen die Grenze zur Ukraine, wie der Zivilschutz mitteilte.
Die Hilfsgüter, darunter vor allem Lebensmittel und Schulbücher, sollen in den Städten Donezk und Luhansk verteilt werden, die von prorussischen Separatisten beherrscht werden.

Rund 400 Mitarbeiter des russischen Zivilschutzes seien an Bord der Lastwagen, sagte Behördensprecher Oleg Woronow der Agentur Tass. Darunter seien neben den Fahrern auch Ärzte und Psychologen, um die Menschen im Konfliktgebiet zu betreuen. Die Ukraine kritisiert Russlands Hilfskonvois als Verletzung ihrer Souveränität. Sie wirft dem Nachbarland vor, den Separatisten auf diese Weise Nachschub wie etwa Waffen und Munition zu bringen. Russland weist dies zurück und begründet die Hilfe mit der humanitären Katastrophe, die auch von einer ukrainischen Wirtschaftsblockade des Donbass verschärft worden sei.

Appell von Merkel und Hollande

Die Feuerpause ist Teil eines Friedensplans, der vergangenen Donnerstag bei Krisengesprächen in der weißrussischen Hauptstadt Minsk unter Beteiligung von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin ausgehandelt worden war. Der Plan sieht eine entmilitarisierte Pufferzone, den Abzug von Artillerie sowie den Austausch von Gefangenen vor. Donezk und die Stadt Luhansk sollen weitreichende Autonomierechte erhalten. Zudem verpflichtet sich die Regierung in Kiew, Rentenzahlungen und andere Sozialleistungen für die Bevölkerung in den von den prorussischen Separatisten kontrollierten Gebieten wieder aufzunehmen.

Merkel und Frankreichs Staatschef François Hollande appellierten eindringlich, sich an das Minsker Abkommen zu halten. Sie telefonierten am Samstag sowohl mit Poroschenko als auch mit Putin. Auch US-Präsident Barack Obama brachte in einem Telefonat mit Poroschenko seine Sorge um die Lage in Debalzewo zum Ausdruck, hieß es aus Kiew. Sowohl Poroschenko und Obama als auch Putin und das deutsch-französische Tandem kündigten an, sich über weitere Schritte in der Krise abzustimmen.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier sagte, nach den ersten Stunden des Waffenstillstands sei es für eine Beurteilung "noch zu früh". "Er gilt. Ob er gehalten wird, können wir vielleicht im Lauf des Tages sehen. Wir können nur hoffen, dass die Konfliktparteien das notwendige Maß an Vernunft aufbringen, um dem Sterben ein Ende zu setzen", äußerte der SPD-Politiker.

Quelle: ntv.de, ghö/dpa/rts

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