Politik

Türkisch-russische Beziehungen Gut, dass Putin und Erdogan verbal abrüsten

11ad6ec16d3e2fe973bb8b582b676068.jpg

Erdogan und Putin in Sankt Petersburg.

(Foto: AP)

Dass der türkische Präsident nach dem niedergeschlagenen Putsch als Erstes nach Russland reist, wirkt befremdlich. Doch die befürchtete "Allianz der Autokraten" birgt für alle Beteiligten Vorteile – auch für Nato und EU.

Wie schnell sich die Wahrnehmung ändern kann. Vor rund acht Monaten wurde ein russischer Kampfjet von türkischen Militärs abgeschossen. Die Konfrontation des russischen und des türkischen Präsidenten, Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan, die darauf folgte, löste größte Sorgen aus. Der Zwischenfall ließ schließlich zwei gewaltige Egos aufeinanderprallen – und das ausgerechnet auf dem diplomatisch am heftigsten verminten Schlachtfeld: dem bürgerkriegsverwüsteten Syrien. Mit der Türkei hätte die ganze Nato gemäß Artikel 5 des Vertrags der westlichen Militärallianz in eine Auseinandersetzung mit Russland gezogen werden können. Eine furchterregende Aussicht.

Einen niedergeschlagenen Putschversuch und eine massive Verhaftungswelle in der Türkei später wirkt es plötzlich bedrohlich, dass Erdogans erster Staatsbesuch, nachdem Panzer durch Istanbul rollten und das Parlament in Ankara beschossen wurde, nach St. Petersburg führt, nicht nach Washington oder Brüssel. Vor dem Treffen wurde in Kommentaren gar angedeutet, dass der türkische Präsident sich damit weiter vom Westen löst und nicht nur eine neue wirtschaftliche, sondern auch militärische Allianz schmieden könnte. Nato adé.

Doch darin die größere Gefahr auszumachen, ist wohl vor allem dem Entsetzen über die dramatischen Entwicklungen in der Türkei in den vergangenen Wochen geschuldet.

Zwei sich gegenseitig aufstachelnde Autokraten in Nachbarschaft zur EU und als Brandbeschleuniger für den Syrien-Konflikt sind trotz Erdogans Post-Putsch-Gebaren die furchterregendere Aussicht. Und dass der Konflikt zweier ziemlicher skrupelloser Machtpolitiker jetzt an Schärfe verliert, ist nur ein Grund dafür, dass die neue "Achse der Freundschaft", die Putin und Erdogan verkündet haben, vor allem etwas Gutes ist.

Partnerschaft auf Augenhöhe bekommt Erdogan bei Putin nicht

Nutzen wird sie vor allem den Menschen in der Türkei. Hielten die russischen Sanktionen, die auf den Flugzeugabschuss folgten, an, wäre das ein herber Schlag für die türkische Wirtschaft. Die Zeiten, in denen eine Wirtschaftskrise Erdogans Anhänger noch gegen ihn aufbringen könnte, sind vermutlich vorbei. In den Jahren seiner Herrschaft hat er sie derart indoktriniert, dass sie die oft beschworenen "ausländischen Kräfte" für die Misere verantwortlich machen würden, nicht den Staatspräsidenten. Und so würde die Krise, die Erdogan innenpolitisch angreifbar machen würde, vor allem die ohnehin gegängelte Opposition im Land treffen. Erdogan reagierte bisher stets mit Repression, wenn er unter Druck geriet.

Auch für die EU wäre eine Wirtschaftskrise in der Türkei ein Drama: Schließlich soll das Land auch weiterhin den Großteil der Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak versorgen.

Ein weiteres positives Signal geht von der Versöhnung der Präsidenten aus: Erdogan ist noch immer zur Abrüstung fähig. Daran gab es nach seiner Eskalationsstrategie gegen Menschen, die er als innere oder äußere Feinde wahrnimmt - die Palette reicht von Jan Böhmermann bis hin zum islamischen Prediger Fethullah Gülen in den USA - berechtigte Zweifel.

Gemessen an diesen Vorzügen, wirken die Gefahren, die das russisch-türkische Bündnis mit sich bringt, ziemlich überschaubar. Denn von echter Partnerschaft kann bei den beiden ohnehin nicht die Rede sein. Es handelt sich vielmehr um einen symbolischen Pakt von zwei Politikern, die sich auf internationaler Bühne ungerecht behandelt und zu wenig wertgeschätzt fühlen. Putin und Erdogan profitieren voneinander, aber sie vertrauen sich nicht. Warum sollten sie auch? Die russisch-türkischen Beziehungen sind seit jeher vor allem durch widerstrebende Interessen geprägt. Und dabei bleibt es – auch in Syrien, wo Putin Machthaber Baschar al Assad stützt und Erdogan ihn gerne stürzen sehen würde.

Die Vorteile der verbalen Abrüstung von Putin und Erdogan erscheinen besonders deutlich bei einem genauen Blick auf das, was Mahner bereits als "Allianz der Autokraten" bezeichnet haben, als einen möglichen Nato- oder EU-Ersatz. Es stimmt zwar: Die Entfremdung zwischen Ankara und Washington ist dieser Tage gewaltig. Nicht zuletzt, weil die USA dem Mann, den die Türkei für den Putschversuch verantwortlich macht, Asyl bietet. Auch die Entfremdung zwischen Ankara und Brüssel nimmt zu. Europa kritisiert und fordert unentwegt. Die Türkei kommt dem EU-Beitritt trotzdem nicht näher. Doch allem Ärger zum Trotz: Bei Brüssel und Washington weiß Erdogan, woran er ist. Das kann er über Putin kaum sagen. Dass der russische Präsident dem medienwirksamen Treffen überhaupt zugestimmt hat, hat nur zwei Gründe: Erstens treibt er mit Vorliebe einen Keil in westliche Allianzen. Zweitens war deutlich spürbar, dass Erdogan sich Putin unterordnen musste. Die einzige Gewissheit, die Erdogan über Putin haben dürfte ist diese: Eine Partnerschaft auf Augenhöhe, die er sich auf internationaler Bühne so sehr wünscht, ist mit dem Chef im Kreml noch unwahrscheinlicher als in der Nato oder mit der EU.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema