Politik

Putin gegen Erdoğan Machtkampf der Riesen-Egos

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Putin und Erdoğan sahen sich lange als Partner. Im Syrien-Konflikt vertreten sie unvereinbare Positionen.

(Foto: REUTERS)

Halbwahrheiten und Provokationen gehören zu Putins und Erdogans beliebtesten Werkzeugen im politischen Kampf. Gemein haben sie auch einen unbändigen Geltungsdrang. All das macht den Streit um den Abschuss der SU-24 so gefährlich.

Wladimir Wladimirowitsch Putin und Recep Tayyip Erdoğan ähneln sich sehr: Beide kamen vor gut 60 Jahren in schwierigen Verhältnissen auf die Welt. Putin, der Sohn eines Fabrikarbeiters, schlug sich in einem Kleine-Leute-Viertel in Leningrad durch. Erdoğan, der Sohn eines Seemanns, verkaufte Sesamkringel im damaligen Istanbuler Problemviertel Beyoğlu. Beide schafften es von ganz unten nach ganz oben.

Putin und Erdogan übernahmen rund um die Jahrtausendwende die Regierungen ihres Landes - und hatten gleich die Aufgabe, eine kollabierte Wirtschaft wieder aufzubauen. Der Erfolg dabei ließ zwei gewaltige Egos enstehen, die sich trotz gewaltiger Machtfülle nach noch mehr, nach historischer Größe ihrer Länder zurücksehnten. Es ist die Größe des zaristischen Russlands einer- und die des Osmanischen Reiches andererseits. Durch ihren eigentlich so unwahrscheinlichen Aufstieg entwickelten sich Putin und Erdogan aber auch zu wilden Verschwörungstheoretikern, die sich nur noch auf ihre eigene Macht verlassen und keine Skrupel haben, demokratische Gepflogenheiten zu missachten, um sie zu halten.

Ausgerechnet diese beiden Riesen-Egos stehen sich nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets im syrisch-türkischen Grenzgebiet jetzt in einem direkten Konflikt gegenüber. Dass beide Meister des Spiels mit Halbwahrheiten und Provokation sind, erhöht die Brisanz.

Kein Stich in den Rücken der IS-Gegner

Putin nannte den Abschuss des Kampfjets einen Schlag, "begangen von Komplizen der Terroristen". Er sprach von einem "Messerstich in den Rücken" all jener, die gegen den sogenannten Islamischen Staat (IS) kämpfen. Daran ist einiges wahr, aber auch vieles sehr falsch.

Ankara hat den IS lange gewähren lassen. Ein Großteil der ausländischen Kämpfer der Extremisten ist über die Türkei nach Syrien gelangt. Mit ihnen überquerten Waffen und Geld die Grenze. Diese Transaktionen zwischen dem sogenannten Kalifat und der Türkei gibt es noch immer, wenn auch in deutlich geringerem Ausmaß als zu Beginn des syrischen Bürgerkriegs.

Erdoğan tut zwar so, als würde er den IS an der Seite der Allianz unter amerikanischer Führung jetzt konsequent bekämpfen. Doch praktisch alle Angriffe, die Ankara in Syrien und dem Irak bisher angeordnet hat, galten der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK.

Von einem Messerstich in den Rücken der Gegner der Terroristen kann trotzdem keine Rede sein. Denn auch Putin ist kein echter Gegner des IS. Putins Kampfjets griffen bisher fast ausnahmslos Rebellengruppen an, die nichts mit dem IS zu tun haben. Auch die Region, in der die russische SU-24 abgestürzt ist, wird von Turkmenen kontrolliert, die für die Freie Syrische Armee (FSA) kämpfen. Dem russischen Präsidenten geht es vor allem darum, das syrische Regime von Baschar al-Assad zu stützen.

Es geht nicht um den türkischen Luftraum

Auch Erdoğan ließ nicht lange auf seine Reaktion warten. Und auch er erhob halbwahre Vorwürfe. Niemand könne erwarten, dass die Türkei eine fortwährende Verletzung ihrer Grenzen und ihrer Souveränität "stillschweigend und teilnahmslos" hinnehme, sagte er.

Ankara warnt schon seit 2012 davor, Verletzungen des Luftraums, ohne Rücksicht zu vergelten. Auslöser war damals, dass die syrische Luftabwehr ein türkisches Flugzeug abschoss, das versehentlich ein paar Minuten in den syrischen Luftraum eingedrungen war.

Seither reagiert Ankara rigoros. Im vergangenen Jahr schoss die Türkei eigenen Angaben zufolge, einen syrischen Kampfjet, einen syrischen Hubschrauber sowie eine syrische, womöglich auch eine russische Drohne ab.

Als sich Russland in den Konflikt einmischte, warnte Erdoğans Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu wiederholt vor den Konsequenzen. Moskau wagte es trotzdem.

Tatsächlich geht es Erdogan aber kaum um den Schutz des türkischen Luftraums. Die SU-24 befand sich nach aktuellen Erkenntnissen nur sehr kurz im Hoheitsgebiet Ankaras. Aus US-Regierungskreisen heißt es gar, dass sie erst getroffen wurde, als sie den Luftraum schon wieder verlassen hatte. Eine akute Bedrohung für die Sicherheit der Türkei stellte sie offenbar nicht dar.

Erdoğan geht es vor allem um die Turkmenen in Syrien, die zuletzt unter russischen Luftangriffen litten. Erstens, weil er sich als Schutzpatron fühlt, zweitens, weil sie im Begriff sind, einen Vorstoß in Richtung Latakia voranzutreiben. Die Hafenstadt ist eine Hochburg Assad-treuer Kräfte. Im Gegensatz zu Putin will Erdoğan den Sturz des Machthabers. Im Konflikt zwischen Moskau und Ankara flammt der Streit um die Nachkriegsordnung in Syrien auf.

Provokationen hinnehmen fällt beiden schwer

Putin provozierte, Erdoğan zeigte in allzu rabiater Form seine rote Linie auf. Beide pochen jetzt demonstrativ auf Deeskalation. Doch was heißt das schon bei Politikern dieses Schlags? Die Atommacht Russland werde nicht mit dem Nato-Land Türkei Krieg führen, hieß es vom Putins Außenminister Sergej Lawrow. Moskau bot auch einen Generalstab mit den USA, Frankreich, aber auch der Türkei an, um den Kampf gegen den IS künftig besser zu koordinieren. Zugleich kündigte der Kreml allerdings weitere Luftangriffe in Grenznähe an und sprach von der Stationierung moderner Flugabwehrsysteme (S-400) in der Provinz Latakia. Als wäre das nicht harsch genug, drohte er mit wirtschaftlichen Konsequenzen.

Erdoğan sagte: "Wir haben absolut nicht die Absicht, nach dieser Angelegenheit eine Eskalation herbeizuführen." Es wurde aber bereits bekannt, dass die türkische Luftwaffe ihre Patrouillenflüge an der syrischen Grenze intensiviert. Statt bisher zwölf sollen künftig 18 F-16-Kampfflugzeuge den Luftraum schützen. Die Fähigkeit, eine Provokation runterzuschlucken und der Vernunft willen einzulenken ist nicht stark ausgeprägt - weder bei Wladimir Wladimirowitsch Putin noch bei Recep Tayyip Erdoğan.

Quelle: ntv.de