Politik

Ukrainer in Berlin "Krieg mit neun Jahren, womit habe ich das verdient?"

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Walentina und Wiktor flohen aus der Ukraine, um ihre Tochter Nika nicht in Gefahr zu bringen.

(Foto: Uladzimir Zhyhachou)

Der Krieg trennt Familien und zerstört Schicksale. Für die Flüchtlinge aus der Ukraine gibt es jedoch auch Lichtblicke, darunter eine enorme Welle der Solidarität und Hilfsbereitschaft. Aber auch der Stolz eines Jungen auf seinen Vater, der die Heimat verteidigt. Ein Besuch im Berliner Ankunftszentrum für Flüchtlinge aus der Ukraine.

Es ist ein schöner, wolkenloser Tag in Berlin-Reinickendorf. Vor einem Ankunftszentrum sitzen Dutzende Menschen mit ihren Koffern und wärmen sich in der Sonne. Die meisten von ihnen waren tagelang auf der Flucht aus der Ukraine und wirken erleichtert, endlich ein wenig Ruhe und ein - zumindest vorübergehendes - Dach überm Kopf zu haben.

Allein am Dienstag kamen hier 1400 Menschen an, am Vortag waren es erst 350. Wie viele Ukrainer in den letzten Tagen nach Berlin gekommen sind, weiß niemand so genau. Viele würden an den Bahnhöfen von der ukrainischen Community in Empfang genommen und privat untergebracht, sagt Sascha Langenbach, Sprecher des Landesamtes für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF). "Die Solidaritätswelle ist enorm, teilweise wird sie auch unterstützt von Russen, die hier leben." Für diejenigen, die in Berlin keine Freunde oder Verwandte haben oder nicht bei Helfern unterkommen können, ist das Ankunftszentrum die erste Anlaufstelle in Berlin.

Es sind überwiegend Frauen mit Kindern, die hier untergebracht sind. "Es kommen nicht mehr so viele Männer wie in den ersten Tagen", sagt der LAF-Sprecher mit Blick auf die Generalmobilmachung, die der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am zweiten Tag des Krieges angeordnet hatte. Seitdem dürfen die Männer im Alter von 18 bis 60 Jahren das Land nicht mehr verlassen. An den Grenzen werden Familien getrennt.

"Mein Vater wird unsere Heimat verteidigen!"

Auch Diana und ihre Schwester, junge Frauen aus der Region Riwne im Westen der Ukraine, mussten ihre Männer zurücklassen und allein mit ihren Kindern fliehen. Ob sie sich jemals wiedersehen - ungewiss. "Unsere Männer haben uns mit Autos an die Grenze gebracht. Dort standen wir 37 Stunden in der Schlage - bevor wir uns verabschieden mussten", erzählt Diana, die in Riwne noch bis vor kurzem als Journalistin gearbeitet hat.

"Mein Vater wird unsere Heimat verteidigen!", verkündet voller Stolz Dianas achtjähriger Sohn. Und seine Mutter ergänzt: "Viele haben sich freiwillig zum Wehrdienst gemeldet, die anderen bleiben als Helfer in den Städten. Unsere Eltern bauen Molotowcocktails zu Hause und bereiten sich auf den Angriff aus Belarus vor." Riwne liegt knapp 150 Kilometer von der belarussischen Grenze entfernt. Erst am Mittwoch verkündete der dortige Machthaber Alexander Lukaschenko die Entsendung weiterer Einheiten an die ukrainische Grenze. Zahlreiche Militärhubschrauber und Flugzeuge sind dort bereits stationiert.

Vor dem Krieg habe ihre Familie einige Zeit in der EU gelebt, sagt Diana. "Wir sind aber zurückgekehrt, weil das unser Land ist. Wir haben gearbeitet, ein Haus gebaut, ein normales Leben geführt." Der jungen Frau stockt die Stimme. "Wir alle hoffen, dass Putin in der Hölle brennen wird", sagt sie noch, bevor sie sich entschuldigt und weggeht.

"Frauen bringen Kinder in Luftschutzkellern zur Welt"

Walentina, ihr Mann Wiktor und ihre neunjährige Tochter Nika kommen aus der Stadt Czernowitz unweit der rumänischen Grenze. Da sie nach dem Kriegsausbruch am frühen Morgen des 24. Februar schnell reagierten, konnte auch Wiktor das Land verlassen und bei seiner Familie bleiben.

"Mein Bruder war in Kiew, er rief an und sagte, dass überall bombardiert und geschossen wird, also beschlossen wir, das Kind nicht in Gefahr zu bringen und fuhren weg", berichtet Walentina. Innerhalb von drei Stunden waren die Sachen - "ein kleiner Koffer nur mit dem Notwendigsten" - gepackt, die Katze und der Wohnungsschlüssel an die Nachbarn übergeben. Nach neun Stunden an der Grenze erreichten sie Rumänien und blieben zunächst dort, um auf ihre Eltern zu warten, die sich am nächsten Tag auf den Weg gemacht hatten. "Aber sie schafften es nicht. Sie standen drei Tage an der Grenze, dann wurde meinem Vater schlecht. Dort gab es keine Ärzte, niemandem wurde geholfen, also mussten sie umkehren und zurückfahren."

In Czernowitz - eigentlich weit weg vom Kampfgeschehen - sei die Versorgungslage katastrophal, sagt Walentina. Die Stadt empfängt viele Binnenflüchtlinge und versorgt sie mit Lebensmitteln. Die Regale in den Läden seien leer, erzählt die 29-Jährige. "Dort gibt es weder Essen noch Medikamente noch Trinkwasser", ergänzt Wiktor. "Zum Glück sind wir rechtzeitig geflohen und mein Kind musste sich nicht im Keller verstecken", fährt Walentina fort. "Dort müssen Frauen ihre Babys in Luftschutzbunkern zur Welt bringen. Sie sitzen ohne Lebensmittel in der Dunkelheit und Kälte, Babynahrung wird knapp, kranken Kindern geht das Insulin aus, das ist schrecklich!"

"Hotelbesitzer wollte nichts mit Flüchtlingen zu tun haben"

Walentina und Wiktor entschieden, nach Deutschland zu fahren, weil sie in Berlin eine Bekannte haben. Sie haben gehofft, bei ihr unterkommen zu dürfen. "Aber wir können sie nicht erreichen, vielleicht hat sie ihre Nummer geändert", bedauert Wiktor. In der deutschen Hauptstadt angekommen, wollten sie in einem Hotel im Stadtteil Lichtenberg übernachten, doch "uns wurde gesagt, dass der Besitzer nichts mit Flüchtlingen zu tun haben will", so Walentina. Nach einer Nacht in einem anderen Hotel sind sie schließlich in der Unterkunft in Reinickendorf angekommen.

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"Seit vier, nein, seit fünf Tagen sind wir nicht mehr in Czernowitz", zählt Nika. Die Neunjährige ging in der Ukraine in die dritte Klasse und hatte dort viele Freunde. "Ich hoffe, ich habe sie immer noch", sagt das Mädchen. In Deutschland wolle sie zunächst nicht in die Schule: "Ich will nicht auf eine andere Schule, ich mag nur meine. Ich möchte nicht meine Schule und mein Land wechseln. Hier werden alle Kauderwelsch reden und ich kann dann nur zuhören."

Und so heißt es für Nika, erstmal unfreiwillig Ferien zu haben. "Wir möchten in Ruhe ankommen, durchatmen und dann erst Gedanken über die Zukunft machen", sagen ihre Eltern. Das Mädchen hat schon einen Plan: "Sprecht nicht für mich! Ich möchte morgen ein Haus kaufen, um dort mit meinen Eltern allein zu wohnen, ohne Menschen um uns herum." Dann denkt sie kurz nach und ergänzt: "Aber womit habe ich mit neun Jahren diesen Krieg verdient, das verstehe ich nicht."

Quelle: ntv.de

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