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Milizen zwingen Land in die Knie Libyen wird zu gescheitertem Staat

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Die verfeindeten Milizen kämpfen auch um die Vorherrschaft am Flughafen von Tripolis. Das Ergebnis: Zerstörung, wohin das Auge blickt.

James Wheeler via Twitter

Milizen liefern sich in Libyen heftige Kämpfe. Erst verlassen UN-Truppen das Land, nun US-Diplomaten. Beobachter fürchten: Das dicke Ende kommt erst noch.

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Die nächtliche Militäroperation, um die Mitarbeiter der US-Botschaft in Libyen in Sicherheit zu bringen, dauert etwa fünf Stunden. Bewohner von Tripolis hören in der Nacht zum Samstag Militärmaschinen fliegen und sehen, wie ein langer Fahrzeugkonvoi die Hauptstadt verlässt. Etwa 150 Menschen werden ins Nachbarland Tunesien gebracht. US-Spezialkräfte, Drohnen, F16-Kampfjets und moderne US-Rotor-Militärflugzeuge vom Typ MV-22 Osprey sichern die Aktion. Laut Pentagon gibt es keine Zwischenfälle.

Grund für den Abzug aller Botschaftsangehörigen sind heftige Kämpfe rivalisierender Milizen in Tripolis - auch in unmittelbarer Nähe der Vertretung. Washington will diesmal kein Risiko eingehen. Denn in Libyen haben die USA erst vor knapp zwei Jahren einen Botschafter auf grausame Art verloren: Im September 2012 wurden der Gesandte Christopher Stevens und drei weitere Diplomaten bei einem terroristischen Überfall auf das Konsulat in der libyschen Hafenstadt Bengasi getötet. Auch das Auswärtige Amt ruft alle Deutschen auf, das Land sofort zu verlassen. Die Lage sei extrem unübersichtlich und unsicher, warnt das Ministerium.

Verbünde von einst sind jetzt Feinde

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Die derzeitige US-Botschafterin Deborah Jones wendet sich nach ihrer Ausreise über Twitter an die Libyer: "Inshallah" ("So Gott will"), schreibt Jones, "sind wir bald wieder zurück in Tripolis". Viele Menschen in Libyen teilen diese Hoffnung allerdings nicht. Sie befürchten, dass aus ihrem Land ein neues Somalia wird und warten mit Sorge darauf, was nun kommt.

Im Moment kämpfen Milizen gegeneinander, die sich im Arabischen Frühling 2011 als sogenannte Revolutionsbrigaden gemeinsam gegen Langzeitmachthaber Muammar al-Gaddafi erhoben hatten. Sie eroberten zahlreiche Waffendepots des Diktators - Kriegsgerät, das sie nicht wieder hergeben wollen. Die Regierung versuchte die Gruppen bislang erfolglos in den Sicherheitsapparat einzubinden. Die wichtigsten Fronten verlaufen derzeit zwischen Islamisten und ihren Gegnern.

Angst vor Terror der IS-Miliz

Mitte Mai hat der pensionierte Generalmajor Chalifa Haftar einen eigenmächtigen Krieg gegen islamische Extremisten begonnen, der vor allem im östlichen Bengasi tobt. In Tripolis liefert sich wiederum die der Muslimbruderschaft nahestehende mächtige Misrata-Miliz seit gut zwei Wochen Gefechte mit den einflussreichen Brigaden aus Al-Sintan um den internationalen Airport. Keine der Konfliktparteien ist stark genug für einen Sieg. Dies könnten Terrororganisationen ausnutzen, fürchten Beobachter in der Region.

Ende Mai gingen die Vereinten Nationen davon aus, dass sich die Al-Kaida im Islamischen Maghreb aus Algerien und Mali zurückgezogen hat, um sich im Süden Libyens neu zu formieren. Jüngst mehrten sich arabische Medienberichte, wonach die mit der Al-Kaida konkurrierende Terrormiliz Islamischer Staat - die im Irak und Syrien ein Kalifat ausgerufen hat - auch in Nordafrika aktiv wird. Die algerische Zeitung "Echorouk" schrieb, ein Repräsentant von IS-Terrorführer Abu Bakr al-Bagdadi habe sich vor knapp zwei Wochen mit Anhängern des berüchtigten algerischen Islamisten Mokhtar Belmokhtar getroffen. Das Thema der Debatte: Die Gründung eines Kalifats im Maghreb - und vermutlich zunächst in Libyen

Die sechs Nachbarländer sind jedenfalls alarmiert. Vor zwei Wochen vereinbarten Tunesien, Algerien, Ägypten, der Sudan, der Niger und der Tschad Kooperationen beim Grenzschutz, um länderübergreifende terroristische Aktivitäten zu verhindern. Für Libyer ist das kein Trost. Auf den Tweet der US-Botschafterin antwortet ein Nutzer: "Wenn die IS-Miliz Libyen übernimmt, werden wir alle Sklaven eines neuen skrupellosen Diktators sein."

Quelle: n-tv.de, Mey Dudin, dpa

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