Politik

Der Termin-Marathon der Kanzlerin Merkel - die Unermüdliche

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(Foto: picture alliance / dpa)

Die Kritiker werfen Kanzlerin Merkel vor, sie sitze die drängenden politischen Entscheidungen einfach aus. Davon kann zumindest bei einem Blick auf ihren Terminkalender kaum die Rede sein.

Als sich der Kalte Krieg dem Ende neigte, erzählte man sich über den früheren Außenminister Hans-Dietrich Genscher einen Witz: "Zwei Flugzeuge begegnen sich in der Luft. In beiden sitzt Genscher." Der FDP-Politiker pendelte damals ständig zwischen Moskau und Washington, um die beiden Supermächte zusammenzubringen. Und das waren nur seine großen Reisen. Berlin, Paris, Prag - der Mann mit dem gelben Pullunder war überall, wo es wichtig war.

Dieser Tage erinnert Bundeskanzlerin Angela Merkel ein wenig an den wohl umtriebigsten Außenminister in der Geschichte der Bundesrepublik. Sie übertrifft ihn vielleicht sogar. Sie schafft es neben ihren Reisen zu den ganz großen diplomatischen Herausforderungen, auch Termine einzustreuen, die - sagen wir es vorsichtig - keine Auswirkungen auf das geopolitische Gleichgewicht auf der Welt haben.

Merkels Reise Marathon begann vor knapp einer Woche: am Donnerstag. Zusammen mit dem französischen Präsidenten François Hollande flog sie nach Kiew, um mit dem ukrainischen Staatschef Petro Poroschenko über die Krise im Osten des Landes zu sprechen. Es ging noch am selben Tag zurück nach Berlin.

Das hatte einen Grund: Schon am Freitagmorgen empfängt sie Iraks neuen Ministerpräsidenten Haidar al-Abadi im Kanzleramt. Ein kurzes Intermezzo. Am Abend muss sie schon wieder in Moskau sein, um mit Russlands Präsidenten Wladimir Putin über eine Rückkehr zum Minsker Abkommen zu diskutieren. Ohne unmittelbaren Erfolg. Ihr Reisemarathon muss unabhängig davon weitergehen.

Ein Mitarbeiterstab hilft

Ein Zwischenstopp für eine Rede auf der Sicherheitskonferenz in München am Samstag, Sonntagmittag wartet in Berlin bereits der Regierungsflieger auf sie. Es geht in die USA. Frühstück mit weiblichen Führungskräften am Montagmorgen, Treffen mit US-Präsident Obama, Pressekonferenz, ein Gespräch mit dem Präsidenten der Weltbankgruppe Kim Yong Kim am Nachmittag. Das Pensum hält unerbittlich an.

Merkel gönnt sich zwischen den Terminen nur selten Pausen. Meist fliegt sie nach einem Termin noch am selben Tag weiter. Ist sie zum Beispiel wie dieses Mal in den USA, nutzt sie die geografische Nähe, um auch noch in Kanada vorbeizuschauen. Am Dienstag trifft sie Premierminister Stephen Harper. Schon am Abend geht es zurück nach Berlin. Merkels verlängertes Wochenende in der Neuen Welt bringt ihr 20.000 Kilometer und 30 Stunden im Flieger ein. Auch diese Zeit nutzt sie meist für die Arbeit. Wann sonst sollte sie sich einlesen, Reden vorbereiten und Verhandlungsstrategien entwerfen? Unterstützung bekommt sie dabei von einem Stab an Mitarbeitern und Assistenten.

Eigenen Angaben zufolge kommt die Kanzlerin mit sechs Stunden Schlaf aus, kann aber auch gut in kurzen Pausen "Zwischenschlafen" - sei es nun im Auto, im Flugzeug. Manchmal macht sie ehrlicherweise auch im Bundestag den Eindruck, als wäre sie allzu tief versunken in den Papierstoß auf ihrem Tisch.

Ein Grußwort zum Valentinstag

An diesem Morgen begann Merkels Tag wie üblich um 7.30 Uhr mit der Morgenlage. Es folgte die Kabinettssitzung. Und als gebe es nichts Wichtigeres, streut sie danach ein Grußwort zum Valentinstag vor einer Delegation des Zentralverbandes Gartenbau ein.

Am Mittag kam die Kanzlerin in den Berliner Dom, um dem verstorbenen früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker die letzte Ehre zu erweisen. Zeit für Besinnung bleibt allerdings kaum. Schon am Abend muss sie in Minsk sein: Wieder geht es um die Ukraine-Krise. Merkel, Hollande, Putin und Poroschenko werden wohl bis tief in die Nacht diskutieren. Viel Zeit zum Ausspannen bleibt der Kanzlerin danach wohl trotzdem nicht: Morgen treffen sich die Staats- und Regierungschefs der EU, um über Maßnahmen zur Terrorismusbekämpfung, Griechenland - und wieder die Ukraine zu sprechen.

Kritiker von Angela Merkel werfen der Kanzlerin gern vor, sie würde ihre Wähler einlullen. Ohne Vision würde sie nur reagieren. Und dann heißt es oft auch: Merkel sitze die Dinge einfach aus. Zumindest vom Aussitzen kann angesichts ihres Terminplans kaum die Rede sein. Ungewiss ist allerdings, ob ihr diplomatischer Pendelmarathon tatsächlich etwas an der Lage in der Ost-Ukraine verändert.

Quelle: ntv.de