Politik

Lockerung der Kontaktsperren? Regierung arbeitet an der Normalisierung

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Gesundheitsminister Spahn und Finanzminister Scholz arbeiten daran, die Folgen des Coronavirus zu beherrschen.

(Foto: imago images/photothek)

Um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, gelten in Deutschland strenge, oft nicht befristete Auflagen bis hin zu regionalen Ausgangssperren. Die zuständigen Minister arbeiten aber bereits an Konzepten zur schrittweisen Rückkehr in den Alltag.

Trotz weiter steigender Corona-Infektionszahlen arbeitet die Bundesregierung an einem Weg zurück zur Normalisierung des öffentlichen Lebens. Gesundheitsminister Jens Spahn sprach von einem Konzept, das spätestens Ostern stehen solle. Wenn es gelinge, Ältere und chronisch Kranke zu schützen, könne es für andere wieder Normalität geben. Das Robert-Koch-Institut (RKI) äußerte sich angesichts weiter wachsender Infektions- und Totenzahlen zurückhaltend. Nach Italien verzeichnet nun auch Spanien mehr Tote als China. Auch in Großbritannien steigen die Fallzahlen schnell. Die Niederlande meldeten dagegen Erfolge im Kampf gegen das Virus.

RKI-Chef Lothar Wieler vermied es, seine verhalten optimistische Äußerung vom Montag, wonach sich die Infektionskurve abflacht, zu wiederholen. Er sagte: "Es ist völlig offen, wie sich diese Epidemie entwickelt." Man stehe erst am Anfang in Deutschland. Derzeit werden rund 1000 Menschen mit Corona-Infektion auf Intensivstationen behandelt.

"Vor uns liegen harte Wochen"

Spahn sagte der Wochenzeitung "Die Zeit", die derzeitige Situation bedeute für viele Menschen erheblichen Stress. "Das geht nicht auf längere Zeit in einer freiheitlichen Bürgergesellschaft." Um die wirtschaftlichen Folgen abzufedern, billigte der Bundestag einen 750-Milliarden-Euro-Schutzschirm. "Vor uns liegen harte Wochen", sagte Finanzminister Olaf Scholz.

Spahn sagte, man arbeite mit Hochdruck an einem Konzept zur Lockerung der Kontaktsperren. "Vielleicht müssen wir uns darauf einstellen, dass es über Wochen bestimmte Ausgangsbeschränkungen immer mal wieder und zeitlich begrenzt geben wird, je nachdem, wie sich das Virus regional ausbreitet." Im Fokus müssten Ältere und chronisch Kranke stehen. "Wenn wir sie schützen, können wir gleichzeitig an anderen Stellen wieder normales Alltagsleben ermöglichen", sagte er. Diese Menschen müssten möglicherweise ihre Kontakte über Monate stark einschränken.

Der CDU-Politiker räumte ein, dass es aktuell auch in Deutschland an Schutzkleidung fehle. Europa kann einem internen EU-Dokument zufolge nur zehn Prozent des aktuellen Bedarfs an persönlicher Schutzausrüstung gegen das Coronavirus und an anderen medizinischen Geräten wie Beatmungsgeräten mit Hilfe traditioneller Lieferketten decken. Die Verfügbarkeit in ganz Europa sei "weiterhin besorgniserregend."

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz warnte daher vor katastrophalen Zuständen in der Altenpflege. "Pflegebedürftige, ihre Angehörigen und die Altenpflegekräfte werden von der Politik vergessen", sagte Stiftungsvorstand Eugen Brysch dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. "Sie sind die Verlierer, wenn es um die Verteilung von Desinfektionsmitteln, Atemschutzmasken, Handschuhen und Schutzbrillen geht."

Kanzleramtsminister Helge Braun hatte am Nachmittag gesagt, "die nächste Phase lautet natürlich: Junge Menschen, die nicht zu den Risikogruppen gehören, dürfen wieder mehr auf die Straße. Dann müssen wir aber konsequent testen, die Infizierten herausfinden und deren Kontakte nachverfolgen, damit es nicht wieder exponentiell ansteigt." Aktuell hänge viel davon ab, ob die Infektionskurve mit den beschlossenen Maßnahmen flach gehalten werden könne. "Das zeigt sich in den nächsten zwei Wochen", sagte Braun. Dann könne man hoffentlich auch die Frage nach einem Ende der Einschränkungen beantworten.

Rasanter Anstieg der Todeszahlen in Spanien

Während die Totenzahl in Deutschland noch vergleichsweise niedrig ist, steigt sie nach Italien nun auch in Spanien rasant. Innerhalb von 24 Stunden wurden 738 Tote gemeldet - also fast das Fünffache der bislang in Deutschland insgesamt verstorbenen. Mit rund 3400 Toten liegt Spanien nach Italien mit fast 7000 damit an zweiter Stelle weltweit und verzeichnet mehr Opfer als China. Die spanische Regierung bat die Nato um Hilfe bei knapper Ausrüstung wie Beatmungsgeräten und Schutzmasken. Zweifel gab es an der Zahl von rund 1100 Toten in Frankreich. Obwohl sich damit die Opferzahl in elf Tagen mehr als verzehnfacht hat, liegt sie vermutlich deutlich höher. Die zahlreichen Toten in Alters- und Pflegeheimen fehlen in der Statistik.

In Großbritannien, das lange harte Einschnitte vermieden hatte, stiegen die Fallzahlen ebenfalls schnell. Dazu gehört auch Prinz Charles. "Er hat leichte Symptome, ist ansonsten aber in guter Verfassung", teilte sein Büro mit. Er arbeite seit einigen Tagen von zu Hause aus. Seine Frau Camilla sei getestet worden, sei aber nicht infiziert.

Noch am Anfang der Epidemie stehen die USA, wo das Virus allerdings jetzt schnell grassiert. 53.000 Infektionen und 720 Tote wurden gemeldet. Präsident Donald Trump hat angekündigt, das Land Ostern wieder zu öffnen und zu normalisieren. Nun aber äußerte er sich zurückhaltender. Er werde auf den Rat der Experten hören, sagte Trump. Der US-Präsident bat Südkorea um Hilfe bei Schutzausrüstungen und vor allem Material für Tests.

In den Niederlanden dagegen hat sich die Ausbreitung des Coronavirus nach Behördenangaben deutlich verlangsamt. Gegenwärtig gehe man im besten Fall davon aus, dass eine infizierte Person nur eine andere Person infiziere, sagte Jaap van Dissel vom Reichsinstitut für Gesundheit und Umwelt. Das bedeute, dass "das exponentielle Wachstum des Ausbruchs aller Wahrscheinlichkeit nach zum Stillstand gekommen ist". Die Niederlande haben nicht ganz so strikte Einschränkungen wie etwa Italien, Spanien und Deutschland.

Quelle: ntv.de, ter/rts