Politik
Politischer Boykott der WM? Das ist die Frage bei Anne Will.
Politischer Boykott der WM? Das ist die Frage bei Anne Will.(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)
Montag, 04. Juni 2018

"Will"-Talk zu Russland: Soll Merkel die WM boykottieren?

Von Felix Franz

Bei Anne Will bleibt zu wenig Zeit, um die zentrale Frage des Abends zu klären: Würde ein politischer Boykott der WM in Russland Wladimir Putin schaden oder nutzen?

Briten und Isländer haben sich bereits vor Monaten entschieden. Nach dem Giftgasanschlag in Salisbury hatten sie verkündet, keine Regierungsmitglieder zur Fußball-WM nach Russland zu schicken. Europaabgeordnete aus 16 Ländern haben in einem Brief die EU-Mitgliedsstaaten aufgerufen, sich dem politischen Boykott anzuschließen. Sie dürften "den autoritären und antiwestlichen Weg des russischen Präsidenten nicht bestärken". Was sollen Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihre Regierung tun? Diese Frage diskutierten der ehemalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber, der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Norbert Röttgen von der CDU, die Grünen-Europaabgeordnete Rebecca Harms, Gregor Gysi von der Linkspartei und der ehemalige Fußball-Nationalspieler Arne Friedrich.

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CSU-Urgestein Stoiber sieht in der Welt derzeit "so viele Spannungen, wie ich es mir nach dem Ende des Kalten Kriegs nicht mehr hätte vorstellen können". Die Entfremdung zwischen Russland und dem Westen mache den politischen Dialog immer schwerer. Man könne die großen Probleme ohne Dialog aber nicht überwinden. Deshalb sei es so wichtig, bei sportlichen Ereignissen zusammenzukommen. "Wir reden so wenig miteinander, und deshalb halte ich jede Möglichkeit für ein Gespräch mit Putin, ein Gespräch mit den Russen, für gut." Immer wieder nimmt Stoiber langatmige Ausflüge in die Vergangenheit: "Ich war mit der härteste Kalte Krieger, mit Franz Josef Strauß, aber was hat es am Ende gebracht?", fragt er etwa. An dieser Stelle antwortet Röttgen trocken: "Das Ende der Sowjetunion?" Doch weder Anne Will noch ihre Gäste können Stoibers Redeflüsse stoppen.

Rebecca Harms sieht die Situation ganz anders. Gespräche würden ohnehin viele geführt. Allein in den letzten Wochen seien Kanzlerin Merkel, Außenminister Heiko Maas, Wirtschaftsminister Peter Altmaier und auch der französische Präsident Emmanuel Macron in Moskau gewesen. "Man braucht die große Bühne der Weltmeisterschaft nicht, um Diplomatie zu machen." Sie ist die einzige in der Runde, die einen politischen Boykott der WM in Russland für zwingend notwendig hält. Es gebe zu viele gute Gründe, "keine gute Miene zum bösen Spiel" zu machen. Als Beispiele nennt sie den Ukraine-Krieg, die Besetzung der Krim und Putins Unterstützung von Syriens Machthaber Baschar al-Assad im Kampf um Aleppo. Die WM sei Putins Versuch, sich die Unterstützung der russischen Bevölkerung zu erhalten - der extremen wirtschaftlichen Krise zum Trotz. "Das Leben in Russland ist so schlecht, dass Putin immer mehr Glanz auf sich lenken muss, um die Schwächen seiner eigenen Politik nicht verantworten zu müssen."

Gregor Gysi ist "strikt gegen einen Boykott", er poltert vor allem gegen die deutsche Russland-Politik und zählt immer wieder Verfehlungen des Westens auf. In seiner Argumentation hätte es die Annexion der Krim nicht gegeben, wenn der Westen die Unabhängigkeitserklärung des Kosovo seinerzeit nicht anerkannt hätte. Gysi kritisiert zwar, dass Schwule in Russland unterdrückt werden. Aber seine zentrale Botschaft ist: "Russland wurde falsch behandelt. Wir brauchen ein neues Verhältnis zu Russland." Wie das aussehen könnte, lässt er jedoch unbeantwortet. Angesprochen auf russische Einschüchterungsversuche gegen den ARD-Journalisten Hajo Seppelt, der den russischen Dopingskandal aufgedeckt hatte, entgegnet er lapidar: "Ich glaube nicht, dass ihm etwas passieren würde. Wenn etwas ist, kann Merkel doch wieder telefonieren." So habe sie es ja auch geschafft, das gegen Seppelt verhängte Einreiseverbot aufheben zu lassen. Mit Rebecca Harms kriegt Gysi sich immer wieder in die Haare. "Ihr ganzer Boykott bringt doch nichts", sagt er und antwortet irgendwann fast auf jeden Halbsatz der Grünen-Politikerin.

Arne Friedrich hofft auf Kanzlerin

Arne Friedrich kommentiert den Streit zwischen Gysi und Harms mit den Worten, er hätte sich beinahe zwischen die beiden gesetzt. Der Ex-Nationalspieler hat Verständnis für die Kritik an Putin, für ihn ist das Turnier jedoch primär eine Bühne für die Sportler, nicht für die Politik. Er würde sich trotzdem freuen, wenn die Bundeskanzlerin dabei wäre und die Mannschaft unterstützen würde. Von den Nationalspielern erwartet er Verantwortungsbewusstsein. Gesellschaftspolitisch habe der Sport große Verantwortung, denn die Spieler hätten eine Vorbildfunktion. "Alle Fußballer sind mündige Menschen, aber es darf auch keine politische Instrumentalisierung geben."

Ausgerechnet der Gast mit den interessantesten Argumenten ist an diesem Abend der mit dem geringsten Redeanteil: Norbert Röttgen. Er verbindet gewissermaßen die Positionen der anderen Gäste miteinander. Gleich zu Beginn der Debatte offenbart er, dass er die Russland-Kritik von Rebecca Harms vollständig teile - nicht nur an diesem Abend, sondern generell. Und wie Gysi und Stoiber lehnt er einen politischen Boykott des Turniers ab. Seine Begründung: Sanktionen sollten nur angewandt werden, wenn der Sanktionierte auf sie reagieren könne. "Beispiel Iran: Wenn ihr euer Nuklearprogramm stoppt, werden die Sanktionen gelockert. Wie aber soll Putin denn auf einen WM-Boykott reagieren können?"

Zudem würde ein Boykott Putin nur in die Karten spielen, weil er Russland so wieder einmal als Opfer darstellen könne, nach dem Motto: "Jetzt wollen wir hier ein Sportereignis organisieren und schon wieder spucken sie uns in die Suppe." Doch wie Arne Friedrich findet Röttgen, bei der Weltmeisterschaft solle man sich primär auf das Sportliche konzentrieren. "Aber warum, Herr Röttgen? Weil es zu riskant ist? Weil man so viel falsch machen kann?", fragt daraufhin Anne Will. "Weil wir Weltmeister werden wollen!", ruft Arne Friedrich von der Seite. Da kann sich die Moderatorin ein Kichern nicht verkneifen.

Quelle: n-tv.de