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Wird der Netzausbau blockiert, droht die Strompreis-Spaltung.
Wird der Netzausbau blockiert, droht die Strompreis-Spaltung.(Foto: picture alliance / dpa)
Donnerstag, 01. Januar 2015

"Bayern kann nicht autark sein": Stromtrassen-Streit: Industrie warnt Seehofer

Industrie und Betreiber der Stromnetze sehen keine Alternative: Ohne neue Supertrassen in den Süden - 2800 Kilometer - kann die Energiewende nicht funktionieren. Einen Alleingang Bayerns halten sie nicht für realistisch. Was wohl CSU-Chef Seehofer dazu sagt?

Die Industrie warnt Bayerns Ministerpräsidenten Horst Seehofer davor, im Streit um den Ausbau der Stromnetze den Bogen zu überspannen. Nationale Alleingänge und Egoismen der Bundesländer gefährdeten den Erfolg der Energiewende, sagte der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Ulrich Grillo.

CSU-Chef Seehofer hat große Bedenken gegen den geplanten Bau neuer Stromtrassen von Nord nach Süd. Derzeit läuft dazu in Bayern, wo es heftige Proteste gibt, ein Dialog mit den Bürgern. Im Frühjahr will Seehofer dann entscheiden. Experten halten es für möglich, dass die Strompreise im Süden Deutschlands steigen könnten, wenn der Netzausbau blockiert wird.

Schon jetzt Schieflagen bei der Finanzierung

Grillo forderte von Seehofer mehr Realismus: "Bayern kann nicht autark sein." Energie mache nicht an Landesgrenzen halt. "Wir brauchen nicht 17 Energiewenden in Deutschland. Wir brauchen dringend eine gesamteuropäische Energiewende", sagte der Unternehmer aus Duisburg. Ein vollständig integrierter Energiemarkt würde Europa jährlich Effizienzgewinne von rund 50 Milliarden Euro bringen.

Experten weisen schon jetzt auf Schieflagen bei der Finanzierung der Stromnetze hin. Während in ländlichen Regionen durch neue Ökostrom-Anlagen die Netzentgelte steigen und die Stromrechnung der dortigen Verbraucher belasten, stagnieren die Entgelte in städtischen Regionen. In Berlin werde eine Familie mit einem Stromverbrauch von 3500 Kilowattstunden im kommenden Jahr 236 Euro für die Stromnetze zahlen; in Teilen Mecklenburg-Vorpommerns seien es hingegen 411 Euro. Das zeigt eine Studie im Auftrag der Berliner Denkfabrik Agora Energiewende, die sich auch auf Daten der Netzbetreiber bezieht.

22 Milliarden Euro für den Ausbau

"Schon heute belaufen sich die Netzentgelte bundesweit auf mehr als 17 Milliarden Euro, das ist fast so viel wie die Ökostrom-Förderung", sagte Agora-Chef Patrick Graichen. Durch den benötigten Netzausbau werde die Schere bei den Netzentgeltkosten weiter auseinandergehen. Agora schlägt daher vor, die Kosten für die Stromnetze bundesweit zu vereinheitlichen.

In den nächsten zehn Jahren sollen insgesamt 2800 Kilometer an neuen Höchstspannungsleitungen gebaut und 2900 Kilometer im bestehenden Netz optimiert werden. Als Kosten werden mindestens 22 Milliarden Euro veranschlagt - ohne Erdkabel. Trotz der Proteste in Bayern soll es bei drei großen Trassen in den Süden bleiben. Mit dem Ausbau soll vor allem mehr Windstrom aus dem Norden und Osten in den Süden kommen.

AKW gehen 2022 vom Netz

Seehofer hatte 2013 im Bundesrat den drei Dutzend Projekten zugestimmt, macht aber seit Längerem besonders gegen die geplante Ost-Süd-Trasse von Magdeburg nach Schwaben Front. Bayerns Staatskanzleichef Marcel Huber sagte, wegen der starken Schwankungen könne man sich nicht allein auf Windkraft an Land und auf See verlassen. Als Zwischenlösung setze Bayern daher bis 2050 zur zuverlässigen Deckung des Strombedarfs auf klimafreundliche Gaskraft statt Braun- und Steinkohle. "Das heißt aber auch, man muss sich die Kosten der Gleichstromleitungen nochmals anschauen."

Deutschland hatte sich 2011 nach der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima für einen völligen Umbau der Energieversorgung entschieden. Das letzte Kernkraftwerk soll bis 2022 vom Netz gehen. Der Anteil von Ökostrom aus Wind, Sonne, Wasser und Biomasse an der Stromerzeugung soll von heute 25 Prozent bis 2035 auf 55 bis 60 Prozent steigen.

Quelle: n-tv.de