Politik

Angst vor Drohnen und vor Ärzten USA geben Bin Ladens Dokumente frei

Tausende Dokumente nahmen die Navy Seals mit, als sie im Mai 2011 Osama bin Laden töteten. Mehr als hundert von ihnen werden nun veröffentlicht. Sie zeigen die Angst des Al-Kaida-Chefs vor seiner Ergreifung. Und Zerwürfnisse in der Terrorgruppe.

Gegen die Erspähung durch US-Drohnen halfen ihm tiefe Wolken - und bei Sonnenschein ein Cowboyhut. Doch trieb die permanente Angst vor der Entdeckung durch US-Agenten Al-Kaida-Chef Osama bin Laden in seinem pakistanischen Versteck zu weit drastischeren Sicherheitsvorkehrungen. Bevor seine Frau Umm Hamsa aus dem Iran nach Abbottabad zurückkehrte, musste sie ihre komplette Kleidung wechseln, damit sie keine Späh-Wanzen einschleppte.

Mehr als hundert Dokumente aus bin Ladens Villa, die bei seiner Tötung im Mai 2011 von den US Navy Seals sichergestellt worden waren, wurden nun vom US-Geheimdienst freigegeben. Sie geben tiefen Einblick in die Versuche Bin Ladens, unentdeckt zu bleiben - aber auch in seine Bücherliste. Insgesamt erbeutete die US-Spezialeinheit Tausende Dokumente. Zuletzt hatte es Zweifel an der offiziellen Version der Ergreifung des Al-Kaida-Chefs gegeben. Zudem gab es Spekulationen über die Rolle des Bundesnachrichtendienstes dabei.

"Bevor Umm Hamsa hier eintrifft, muss sie alles zurücklassen: Kleidung, Bücher, alles, was sie im Iran bei sich hatte. Alles, was von einer Nadel durchdrungen werden könnte", lautete eine seiner Anweisungen vom September 2010. Zur Begründung erläuterte der Al-Kaida-Chef, neuartige Abhör-Chips seien so klein, "dass sie leicht in einer Spritze versteckt werden können" - und "da man den Iranern nicht trauen kann, könnte ein Chip in Deine Sachen implantiert worden sein".

Dass er mit seiner Familie wie in einer Falle saß, war Bin Laden vollkommen klar. So erteilte er seinen Angehörigen und Vertrauten eine weitere Anweisung: "Unsere Sicherheitssituation erlaubt es nicht, zu Ärzten zu gehen. Also gebt Acht auf Eure medizinischen Bedürfnisse, vor allem Eure Zähne." Seine meist arabischen Verbündeten rief er auf, die pakistanische Amtssprache Urdu zu lernen. Dies sei unter Sicherheitsgesichtspunkten "von höchster Wichtigkeit".

Kuriere statt Internet

Seinen zahlreichen Anordnungen verhalf Bin Laden mit einer Liste getöteter Al-Kaida-Kader zu Nachdruck. Hinter jedem Namen oder jeder Gruppe war jeweils der Fehler angeführt, der zu ihrer Entdeckung geführt hatte. So wurde eine Gruppe bombardiert, nachdem sie ein Satellitentelefon benutzt hatte. Eine weitere Al-Kaida-Zelle wurde getötet, nachdem sie mit pakistanischen Geheimdienstagenten Kontakt aufgenommen hatte. Einer dritten Gruppe wurde eine Ansammlung mehrerer Autos zum Verhängnis, als ein US-Kampfflugzeug am Himmel war.

Zum zehnten Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001 in den USA plante Bin Laden laut den neuen Dokumenten eine Medienoffensive. Nach eigenen Angaben nahm er dazu eine Videobotschaft auf und plante eine zweite. Weiter geht aus den Dokumenten hervor, dass Bin Laden seinen im Jahr 1991 geborenen Lieblings-Sohn Hamsa zu seinem Nachfolger machen wollte.

In anderen Dokumenten versucht Bin Laden seine Statthalter davon zu überzeugen, dass eine globale Terrororganisation nicht per E-Mail gesteuert werden kann. Für allgemeine Nachrichten könne das Internet genutzt werden. "Aber die Geheimhaltungspflicht der Mudschaheddin erlaubt die Nutzung (des Internets) nicht. Kuriere sind der einzige Weg." Seine rechte Hand Atijah Abd al Rahman wendet ein: "Die Sache ist sehr kompliziert. Wie können wir mit unseren Brüdern in Algerien, im Irak, im Jemen und Somalia korrespondieren?" Manchmal gebe es einfach keine Alternative zu einer E-Mail.

Streit um Ausrichtung von Al-Kaida

Doch auch über die strategische Ausrichtung von Al-Kaida wurde heftig gestritten. Der Fokus der Al-Kaida-Aktivitäten "sollte darauf liegen, die US-Bevölkerung und ihre Vertreter zu ermorden und zu bekämpfen", heißt es in einem Dokument. Die einzige Möglichkeit, die US-Außenpolitik zu beeinflussen, seien Angriffe, schreibt er an anderer Stelle. Dadurch sollten die USA gezwungen werden, "die Muslime in Ruhe zu lassen".

Dass die Organisation Al-Kaida im Irak, ein Vorläufer der Miliz Islamischer Staat (IS), im Irak einen Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten anheizte, brachte Bin Laden und seinem damaligen Vize Ayman al-Zawahri scharfe Kritik ein. Dass Bin Laden die in seinem Namen angerichteten "Skandale" und das Blutvergießen nicht verurteile, dafür werde er von Gott zur Rechenschaft gezogen werden, schrieb die Gruppe Dschihad- und Reformfront in einem Brief von 2007.

Quelle: ntv.de, mli/AFP

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