Politik

Corona-Krise bei "Anne Will" Virologe warnt, Politiker wiegeln ab

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Allein im Studio: Talkmasterin Anne Will und ihre Gäste.

(Foto: © NDR/Wolfgang Borrs)

Grenzen werden abgeriegelt, Schulen und Kitas bleiben geschlossen. Deutschland reagiert mit drastischen Maßnahmen auf das grassierende Coronavirus. Kann das helfen, die Pandemie einzudämmen? Oder ist es schon zu spät? Der Talk von Anne Will liefert Antworten.

Die Verunsicherung ist da. Bilder von leergekauften Supermarktregalen verbreiten sich in den sozialen Netzwerken, Fake News über den anstehenden Lockdown Deutschlands erreichen Whatsapp-Chats, Veranstaltungen jeglicher Art werden abgesagt. Die Coronavirus-Pandemie bestimmt alle Bereiche des alltäglichen Lebens. Auch im Berliner Studio der ARD-Sendung "Anne Will" hält der Erreger Einzug. Es ist still. Niemand applaudiert. Moderatorin Anne Will leitet kurz und knapp in das Thema der Sendung ein: "Die Corona-Krise: Wie drastisch müssen die Maßnahmen werden?" In Bezug auf die Talk-Runde lässt sich die Frage leicht beantworten: Das Studiopublikum ist ausgeladen. Die Studiogäste sitzen im vertrauten Sessel-Halbkreis zusammen und diskutieren.

Es ist eine einfache Maßnahme des Senders in einer Zeit, wo es weder einfach ist, gesicherte Erkenntnisse über ein bis Anfang des Jahres noch unbekanntes Virus zu gewinnen, noch überhaupt abzusehen, wann die Krise bewältigt ist. Klar ist, dass die Maßnahmen, die inzwischen beschlossen wurden - verstärkte Grenzkontrollen und Einreiseverbote trotz Schengen, wirtschaftliche Hilfen wie das Kurzarbeitergeld, Veranstaltungsverbote sowie die Schließung von Kitas und Schulen - zu spät kommen.

Diese Meinung vertritt jedenfalls der Virologe Alexander Kekulé. "Wir haben bis jetzt wahnsinnig viel Zeit verschlafen", sagt der Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Universität Halle-Wittenberg. Eigentlich sei Mitte Januar klar gewesen, dass das Sars-Virus in China zurück ist. Er prangert an: Das Testen von Menschen etwa mit Grippe-Symptomen und die Schließung von Bildungseinrichtungen erfolgten zu spät.

Der 61-Jährige rechnet vor: Allein ein Kind, das nach den Winterferien aus dem Urlaub in einem heutigen Risikogebiet, wie zum Beispiel Italien, in die Schule zurückgekehrt ist und dessen Coronavirus-Infizierung nicht erkannt wurde, hat acht Wochen später 3000 Menschen angesteckt. Gehe man davon aus, dass an der Lungenkrankheit Covid-19 0,5 Prozent der Betroffenen sterben, wären dadurch 15 Tote zu beklagen. 200 bis 300 Menschen müssten auf der Intensivstation behandelt werden. Sein Appell, schon viel früher Bildungseinrichtungen zu schließen, sei verhallt, beklagt Kekulé.

"Dann wäre die Krankheit weg"

Die beiden Talk-Gäste, die in politischer Verantwortung sind, widersprechen. Andere Fachleute, etwa vom Robert-Koch-Institut, hätten noch bis zu diesem Donnerstag gesagt, Schulschließungen seien nicht zwingend notwendig, berichten unisono Vizekanzler und Finanzminister Olaf Scholz sowie der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet. Sie versichern: Der Staat tue alles Nötige, in gebotener Zeit, mithilfe der kompetenten Beratung von Experten. "Wir leben in einer Zeit, wo das Primat der Wissenschaft zählt", sagt Christdemokrat Laschet. Die Forscher müssten angehört werden, um dann zu entscheiden, was notwendig ist.

Kekulé wurde nicht angehört. Er sagt nun bei "Anne Will": Die Grenzen zu schließen ist richtig. Wenn es nun gelinge, zwei bis drei Wochen alles stillzulegen, einen quasi Shutdown zu verordnen, dann könne vermutlich vermieden werden, dass sich noch viel mehr Menschen mit Sars-CoV-2 anstecken. "Dann wäre die Krankheit weg." In China funktioniere das scheinbar schon jetzt. Doch von drakonischen Ausgangssperren, wie in Österreich und Italien implementiert, hält der Mediziner nichts. Die Menschen sollten rausgehen an die frische Luft - nicht unbedingt in Menschenansammlungen oder auf den Spielplatz. Aber tagelang in einer Wohnung eingepfercht zu sein, sei auch keine Lösung. Er drückt es so aus: "Die ganze Republik jetzt in die Bude einzusperren - dafür gibt es keine medizinische Indikation."

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Damit keine italienischen Verhältnisse bei der medizinischen Versorgung hierzulande drohen, fordert Claudia Spies, planbare Operationen zu verschieben und die Kapazitäten für Intensivbetten und das Personal auf die jetzige Pandemie zu konzentrieren. Es müsse in einem Register erfasst werden, welches Krankenhaus etwa Beatmungseinheiten frei hat und gegebenenfalls Patienten übernehmen kann, sagt die Ärztliche Leiterin des Charité Centrums für Anästhesiologie und Intensivmedizin. Und sie richtet auch eine unmissverständliche Kritik an die Anne-Will-Redaktion: Auch die Studiogäste sollten zwei Meter auseinander sitzen, um eine Übertragung von Viren zu vermeiden.

"Nebenwirkungen" im Blick behalten

Der in der Sendung mehrmals vorgetragene Vorwurf, die Regierung handle zu spät, perlt unterdessen an den Entscheidungsträgern Scholz und Laschet ab. Schulen und Kitas waren zu lange offen? "Kluge Virologen" hätten nicht das Gegenteil empfohlen. Das Betreuungsangebot für Kinder von Eltern, deren Arbeit die kritische Infrastruktur des Staates betrifft, musste erst sichergestellt werden. Es sind zu wenige Schutzmasken im Umlauf und ein Engpass bei Beatmungsgeräten könnte drohen? Es wurde Material bei deutschen Firmen bestellt. Das Gastgewerbe, Solo-Selbstständige und andere Branchen leiden? Ein milliardenschweres Maßnahmenpaket mit Kurzarbeitergeld, Steuerstundungen und Bürgschaften wurde verabschiedet. Es werde Stück für Stück entschieden. Die "Nebenwirkungen" müssten im Blick behalten werden.

Angela Inselkammer findet dieses Agieren ungenügend. Die Präsidentin des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga sagt: "Wir sind in der Klemme." Es bestehe die Gefahr, dass von den mehr als 220.000 deutschen Betrieben im Gastgewerbe, die Hälfte im Zuge der aktuellen Krise eingeht. Ein Großteil sei in familiärer Hand. Es mangele vielen an finanziellen Rücklagen. "Wir brauchen unbedingt Liquiditätshilfe." Es baue sich für viele nun ein Schuldenberg auf, der nicht abzubauen sei. Grundsätzliche Forderungen, wie eine Senkung der Mehrwertsteuer auf sieben Prozent, schmettern Scholz und Laschet allerdings ab.

Cerstin Gammelin, stellvertretende Leiterin im Parlamentsbüro der "Süddeutsche Zeitung", hakt nach: Es gebe fünf Millionen Solo-Selbstständige, die jetzt keine Arbeit mehr haben, weil Veranstaltungen abgesagt werden. "Wenn ich Miete zahle, aber keinen Job mehr habe, weil alles abgesagt wird, nützt mir am Ende nicht, wenn ich dann einen Kredit habe." Zumal bei manchen Krediten bis zu sieben Prozent Zinsen gezahlt werden müssten.

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Scholz möchte nun "einmal kurz innehalten" und das "milliardenschwere Programm" würdigen, das bereits auf den Weg gebracht wurde. Dann sagt er, er berate bereits mit Arbeitsminister Hubertus Heil, wie die Grundsicherung für Selbstständige unbürokratisch ausgebaut werden könnte. In Sachen Lohnfortzahlung bespreche er mit Unternehmen, dass sie eine "moralische Verantwortung" für ihre Beschäftigten übernehmen müssten. Und dann lässt sich der SPD-Finanzminister von Will eine weitere konkrete Überlegung entlocken: einen Fonds, der über die Förderbank KfW abgewickelt wird und Betrieben hilft, wenn sie bestimmte Dauerbelastungen wie die Miete aufgrund fehlender Einnahmen nicht stemmen können.

Rotznase ist kein typisches Symptom

In sechs bis zehn Tagen lässt sich zunächst einmal abschätzen, ob die nun getroffenen Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie fruchten, sagt Medizinerin Spies. Bis dahin gelte: Ruhe bewahren - und die Corona-Symptome erkennen. Kollege Kekulé klärt noch einmal auf: Es gebe viele Menschen, die gerade hysterisch anriefen, weil ihr Kind eine Rotznase habe. Schnupfen und Niesen seien jedoch keine typischen Symptome für eine Corona-Infektion. Wer Fieber hat, Halskratzen, trockenen Husten und sich so fühlt, als würde eine Grippe beginnen (Hin und Her zwischen heiß und kalt, Knochen- und/oder Kopfschmerzen), sollte sich testen lassen - gerade auch, wenn er oder sie aus einem Risikogebiet kommt. In einigen Wochen wüssten eh viele von ihren Freunden und Bekannten, wie sich das Coronavirus anfühle.

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Die Verunsicherung ist da. Die Regierung versucht, mit besonnenen Maßnahmen und abwägenden Entscheidungen zu vermitteln, alles im Griff zu haben. Die Mediziner versuchen mit geduldigen Symptom-Erklärungen das Virus begreifbarer zu machen. Doch die Zeiten sind unruhig. Existenzen sind bedroht. Leben sind gefährdet. Jeder müsse jetzt etwas dazu beitragen, dass alle durch diese Krise durchkommen, sagt Will. Das klingt alarmistisch, aber irgendwie auch machbar.

Quelle: ntv.de