Politik

Heikle Geste mit Tradition War Gabriels Stinkefinger angebracht?

SPD-Chef Gabriel zeigt rechten Protestierern den Mittelfinger. Eine Geste, die immer wieder große Diskussionen entfacht – und vor allem unter Genossen verbreitet ist.

Im März vor einem Jahr gibt es für eine Woche kein größeres Thema in deutschen Medien. Tagelang geht es vor allem um eines: das Mittelfinger-Video des damaligen griechischen Finanzministers Yanis Varoufakis. Erst sollte es Satire sein, am Ende stellt sich raus, dass es das doch nicht war. Der Fall bewies jedenfalls mal wieder: Mit dem Stinkefinger kann man sich lange aufhalten. In die Historie der umstrittenen Geste reiht sich nun eine weitere Person ein. Sigmar Gabriel wurde auf einer Veranstaltung von Rechten beschimpft, daraufhin streckte er ihnen den Finger entgegen. Darüber, ob das richtig und angemessen war, kann man verschiedener Ansicht sein.

Gabriels Aktion bietet Angriffsfläche. Der Romanistik-Professor Reinhard Krüger schreibt in seinem Buch "Der Stinkefinger": "Wer den ausgestreckten Mittelfinger zeigt, der zeigt symbolisch den erigierten Penis." Die Geste heißt so viel wie "Fuck you". Auch deshalb erfüllt sie den Tatbestand der Beleidigung nach dem deutschen Strafgesetzbuch. Der SPD-Chef ist nicht der erste Prominente, der jemandem den Mittelfinger zeigt. Der Fußballer Stefan Effenberg richtete ihn bei der WM 1994 in die Richtung deutscher Fans. Zur Strafe wurde er von Bundestrainer Berti Vogts nach Hause geschickt. Als Vorbild der Jugend war Effenberg damals nur noch bedingt geeignet. Bekannt ist auch das Bild des Musikers Johnny Cash, wie dieser provokant den mittleren Finger in die Kamera hält. An Cashs Popularität änderte das nichts. Er wurde trotzdem zur Musiklegende. Er war Künstler, das macht einen entscheidenden Unterschied, die dürfen bekanntlich fast alles.

5385629.jpg

Wolfgang Clement

(Foto: picture-alliance / dpa)

Gabriel ist kein Künstler, zumindest ist davon bisher wenig bekannt. Sein Berufsstand unterliegt, dafür gibt es unzählige Beispiele, gesellschaftlich besonders hohen moralischen Ansprüchen. Für sie gilt die Vorbildfunktion besonders stark. Sie müssen ihr Handeln stärker als wohl jeder andere auf mögliche Folge- und Nebenwirkungen abstimmen. Wenn der zweitwichtigste deutsche Politiker den Stinkefinger zeigt, muss er davon ausgehen, dass das nicht unbemerkt bleibt. Vor allem die Wähler jenseits der 60 - und das sind nicht wenige - dürften die Aktion eindeutig negativ beurteilen. In der älteren Generation gehört sich die Geste einfach nicht, Stil und Etikette und so.

Das hat in der Vergangenheit einige Politiker jedoch nicht davon abgehalten, trotzdem den Mittelfinger auszustrecken. Vor allem Sozialdemokraten sind dabei nicht durch Zurückhaltung aufgefallen. Wolfgang Clement zeigte Jugendlichen den Finger, nachdem diese ihn bei einem Rundgang über die Expo 2000 in Hannover gefragt hatten, wer er ist. Die anschließende Aufregung konnte der damalige NRW-Ministerpräsident nicht verstehen. Die Geste sei doch nur ein Scherz gewesen.

"Dein Vater hat sein Land geliebt"

Im September 2013 folgte der nächste Genosse. Peer Steinbrück, damals Kanzlerkandidat, sollte in einem Interview mit dem SZ-Magazin nur mit Gestik und Mimik antworten. Auf die Frage "Pannen-Peer, Problem-Peer, Peerlusconi - um nette Spitznamen müssen Sie sich keine Sorgen machen, oder?" zeigte er den Stinkefinger. Daraufhin gab es eine lebendige Debatte, ob das eine Woche vor der Wahl so klug war und ob sich das für einen Kanzlerkandidaten gehört. Kritiker deuteten den Finger als Unbeherrschtheit. Für die Medien passte das Ereignis in die Erzählung über Steinbrücks Pannen-Wahlkampf. Aus Sicht des Sozialdemokraten schärfte es lediglich das eigene Profil: klare Kante eben. Bei der Wahl schnitt die SPD nicht gut ab, aber besser, als die Umfragen das ein oder zwei Monate vorher prognostiziert hatten. Der tatsächliche Einfluss von Steinbrücks Mittelfinger lässt sich nicht überprüfen.

Die Fälle zeigen vor allem eines: So streitbar die Geste auch ist, in der Beurteilung sollte es vor allem um den Kontext gehen. In welcher Situation hat Gabriel den Mittelfinger gezogen? Die Vermummten beschimpften ihn als "Volksverräter". Sie riefen ihm zu: "Dein Vater hat sein Land geliebt und was machst du? Du zerstörst es." Gabriel lachte, besänftigte einige sichtlich verärgerte Leute um ihn herum. Dann hob er den Finger und drehte sich weg. Warum er so gehandelt hat, lässt sich nur mutmaßen: Gabriel weiß aus Erfahrung, dass er mit Störern wie diesen nicht diskutieren kann.

Der Vizekanzler hat eine besondere Beziehung zum Thema Rechtsextremismus. Oft thematisiert er die Nazi-Vergangenheit seines Vaters. Er wurde in der SPD-nahen Jugendorganisation der Falken sozialisiert, demonstrierte gegen das SS-Veteranentreffen in Harzburg. In vielem und auch in seinen Statements gegen rechts ist er lauter als die Kanzlerin. Im vergangenen Jahr nannte er rechte Demonstranten "Pack", jetzt zeigt er ihnen den Mittelfinger. Klare Kante gegen rechts – bei vielen Menschen, und erst recht bei SPD-Anhängern, dürfte das in Zeiten wie diesen eher gut als schlecht ankommen.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema