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Viele Tote bei Anschlag Warum Libyen für den IS attraktiv ist

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Bei dem Anschlag in Al-Kubba wurden mindestens 30 Menschen getötet.

(Foto: Twitter.com/michaelh992)

Die Eskalation in Libyen ist in vollem Gang. Bei einem Anschlag sterben Dutzende Menschen. Dabei wird deutlich, wie wenig die beiden verfeindeten Regierungen des Landes Dschihadisten wie dem IS entgegensetzen können.

In einer Provinzstadt im Osten Libyens sind am Morgen drei Autobomben explodiert. Mindestens 47 Menschen, viele zufällige Passanten nahe einer Tankstelle und dem Hauptsitz der Sicherheitskräfte, kamen ums Leben. Ungefähr 80 wurden verletzt. Das berichten Reporter in Libyen und twittern Fotos und Einzelheiten, die nach und nach aus der Stadt Al-Kubba nach außen dringen. Al-Kubba ist nicht weit entfernt von Derna, der Hochburg des Islamischen Staats (IS) in Libyen. Ziel soll auch der Sprecher der Regierung in Tobruk gewesen sein.

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Wie in Syrien treten die IS-Dschihadisten in Libyen in langen Geländewagenkolonnen auf.

(Foto: REUTERS)

Der Anschlag dokumentiert die Eskalation in dem instabilen nordafrikanischen Land, das zudem auf dem Weg ist, eine Großfiliale des IS-Kalifats in Syrien und dem Irak zu werden. Er zeigt vor allem, wie wenig die Staatsmacht in der Lage ist, genau letzteres zu verhindern. Militante Islamisten, die Terroranschläge verüben, gibt es zwar schon lange in dem Land. Doch solch gezielter Terror, der so viele zivile Opfer in Kauf nimmt, ist Beobachtern zufolge neu. Wer die Bomben in Al-Kubba gelegt hat, ist nicht bekannt. Am Mittag hat eine islamistische Brigade aus Misrata den Anschlag gelobt.

IS schreitet fast ungehindert voran

Am Donnerstag nahmen die IS-Dschihadisten die Stadt Sirte ein. Die Geburtsstadt des früheren Machthabers Muammer al-Gaddafi liegt viel weiter im Westen an der Mittelmeerküste als die anderen von Islamisten beanspruchten Orte. Sirte hatte bisher nicht den Ruf, anfällig für die Vereinnahmung durch Islamisten zu sein. In Derna dagegen gibt es eine lange islamistische Tradition, die sich die Dschihadisten zunutze machen. Anfang der Woche bombardierte die ägyptische Luftwaffe die Stadt in Reaktion auf die Ermordung von 21 ägyptischen Kopten durch den IS in Libyen.

Experten wundern sich überhaupt nicht darüber, dass der IS Libyen für sich entdeckt hat. So schreibt die "Washington Post", die Dschihadisten seien doch seit Monaten in dem Land. Libyer stellen die zweitgrößte Gruppe unter den Kämpfern, die nach Syrien gegangen sind. Genau diese Kämpfer kommen jetzt nach und nach zurück - womöglich auf Befehl der IS-Führung. Gerüchten zufolge haben bereits Mitglieder des IS-Führungszirkels Libyen besucht, um die Kooperation zu stärken.

Nach Italien ist es nicht weit

Libyen ist strategisch gesehen ein naheliegendes Ziel des Islamischen Staats, der seine Strategie inzwischen erweitert hat. Das Kalifat im Nahen Osten soll zwar auch weiter wachsen, aber es ist durch die Anti-IS-Koalition in Bedrängnis geraten. Libyen ist nicht die einzige "Provinz" des IS, aber neben der ägyptischen Halbinsel Sinai die gefährlichste. In Syrien und im Irak sind der Dschihadistenmiliz räumlich gesehen natürliche Grenzen gesetzt: die arabischen Nachbarstaaten rüsten immer mehr auf, die türkische Grenze ist zwar halbdurchlässig für die Kämpfer, doch eine Ausweitung des Kalifats auf türkisches Territorium wird die Türkei nicht dulden.

Libyen dagegen ist ein riesiges Land mit extrem geringer Bevölkerungsdichte. Es ist reich an Öl und grenzt an sechs ebenfalls schwache oder instabile Staaten. Der französische Militäreinsatz in Mali treibt Islamisten von dort nach Libyen. Ebenso aus dem Tschad, aus Algerien und aus Tunesien zieht es Gotteskrieger in das Land. Der Anführer des libyschen IS soll selbst Tunesier sein, sein Name lautet Abu Talha. Die lange Mittelmeerküste Libyens ist schon jetzt Ausgangspunkt für kriminelle Schleuser, die Abertausende Flüchtlinge auf Booten in Richtung Südeuropa schicken. Zur italienischen Insel Lampedusa sind es nur 150 Kilometer. Italien könnte so das erste Ziel des IS in Europa werden, immerhin war Italien Kolonialmacht in Libyen.

Die beiden widerstreitenden Regierungen Libyens - die eine ist die gewählte moderat-islamistische in Tripolis, die andere die international anerkannte in Tobruk - können den radikalen Dschihadisten im Land wenig entgegensetzen, ob sie sich nun zum IS bekennen oder ihr eigenes Ding machen. Es kommt zu absurden Vorfällen: Die islamistische Fajr-Miliz griff im Namen der Regierung in Tripolis den IS an, als der sich Sirte einverleibte. Gleichzeitig bekämpft der für die andere Regierung arbeitende General Haftar genau diese Miliz. Immer häufiger wird deshalb jetzt die Forderung laut, eine nationale Einheitsregierung solle endlich eine gemeinsame Front gegen den IS und seine Mitläufer bilden.

Quelle: n-tv.de

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