Politik

Nach dem Brexit Warum ich den irischen Pass beantrage

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Im Brexit-Wahlkampf zückte Nigel Farage seinen britischen Pass, um zu unterstreichen, dass er kein EU-Bürger sein will.

(Foto: dpa)

Goodbye, Europa: Knapp einen Monat nach dem historischen Brexit-Referendum sind viele Briten noch immer fassungslos über den beschlossenen Austritt ihres Staates aus der Europäischen Union. Der Engländer Joseph Sheridan gibt in seinem Gastbeitrag einen Einblick in die Gefühlswelt vieler junger Briten, die sich von der Politik verraten und ihrer Identität beraubt fühlen. Um doch noch Bürger der EU zu bleiben, bemüht er sich wie Tausende andere Briten um einen "Paddy Passport" – einen Pass der Republik Irland.

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Joseph Sheridan, Jahrgang 1992, promoviert an der Queen's University in Belfast im Bereich Bauingenieurwesen.

(Foto: privat)

Wie viele Briten – um  genau zu sein: 48,1 Prozent der Wähler – war ich fürchterlich entsetzt und bitter enttäuscht, als die Nachricht kam, dass sich das Vereinigte Königreich zum Austritt aus der Europäischen Union entschieden hat.

Vor 23 Jahren wurde ich als Sohn englischer Eltern in Birmingham geboren. Mein Vater ist allerdings irischer Abstammung. In meiner Kindheit verbrachten wir gemeinsam mit meinen irischen Großeltern jeden Sommer eine Woche im nordirischen Omagh. Von dort reisten wir immer wieder auch in den Süden, um die Republik Irland zu erkunden. Diese Erlebnisse haben mir eine ausgeprägte europäische Identität verliehen. Darüber hinaus kann ich mich sehr glücklich schätzen, während meines Studiums sehr viele Freunde aus ganz Europa kennengelernt zu haben. Da ist es hoffentlich nachvollziehbar, weshalb mich das Brexit-Ergebnis verstört. Ich bin nicht nur beunruhigt beim Gedanken an unsere Zukunft, sondern auch daran, wie uns andere EU-Staaten wahrnehmen.

Es war erschütternd mitzubekommen, wie sich die einzelnen Teile des Vereinigten Königreichs wegen ihrer Ansichten zu dem Referendum zerfleischt haben. Und es ist beschämend, dass dieses Land auf der Grundlage von unwahrer und hasserfüllter Propaganda über seine Zukunft entschieden hat.

Unfähige Anführer der "Leave"-Kampagne

Nach dem Erfolg ihrer Propaganda haben fast alle Anführer der "Leave"-Kampagne ihrem Land den Rücken gekehrt. Der frühere Londoner Bürgermeister Boris Johnson zog sich aus dem Rennen um den Führungsposten bei den Konservativen – und somit auch um den Posten des Premierministers – zurück, weil er angeblich nicht das Zeug dazu habe, das Land zu führen. Zu dem Zeitpunkt waren bereits die ersten Auswirkungen dessen zu spüren, was er angerichtet hatte.

Nun regiert Theresa May unser Land – und hat ausgerechnet Mr. Johnson zum Außenminister ernannt. Dass er durch dieses Amt in der Regierung die drittmächtigste Position hinter der Premierministerin und dem Schatzkanzler inne hat, ist ein weiterer Treppenwitz unter Führung der Konservativen. Nun ist der Mann der höchste Diplomat unseres Staates, der Barack Obama als "Halb-Kenianer mit ererbter Abneigung gegenüber Großbritannien" beschimpft sowie Wladimir Putin als "skrupellosen und manipulativen Tyrann" bezeichnet hat, der aussehe wie Dobby, der Hauself aus "Harry Potter". Die Liste von Johnsons Beleidigungen ist lang. Es ist eine Schande, dass May diesem Mann die Kontrolle über das Außenministerium und den Geheimdienst MI6 übertragen hat.

Ein weiterer Anführer der "Leave"-Kampagne war Michael Gove. Nachdem sich der Konservative kurz nach dem Referendum mit Johnson verkrachte hatte, stieg er selbst ins Rennen um den Parteivorsitz ein und verlor enorm an Zuspruch. Er erwies sich als ein weiterer unfähiger Politiker aus dem Brexit-Lager, der keinen Plan für den Fall hatte, falls das Schlimmste eintreten sollte.

Der dritte nennenswerte "Leave"-Anführer ist Nigel Farage, der zum Zeitpunkt des Referendums Vorsitzender der Anti-EU-Partei Ukip war. Zu Themen wie Einwanderung und Wirtschaft hat dieser Mann Lügen und Hass verbreitet. Die Brexit-Befürworter versprachen, unseren wöchentlichen EU-Mitgliedsbeitrag von 350 Millionen Pfund in den National Health Service (NHS, das staatliche Gesundheitssystem) zu investieren. Es ist unglaublich, dass Mr. Farage dieses Versprechen bereits am Morgen nach dem Votum in einem Fernsehinterview gebrochen hat – mit der schlichten Begründung, es sei ein Fehler der "Leave"-Kampagne gewesen. Die Finanzspritze für den NHS war ein zentrales Argument im Wahlkampf. Doch noch am Tag der Ergebnisverkündung löste sich dieses Versprechen in Luft auf. Nachdem das Gift seiner Propaganda gewirkt hatte, trat Farage zügig von seinem Posten zurück.

Wir fühlen uns immer noch als Teil der EU

Nun befinden wir Briten uns in einer Situation, in der das ganze Land nervös ist und Furcht vor dem Ungewissen herrscht. Unmittelbar nach dem Bekanntwerden des Wahlergebnisses waren in den Nachrichten "Leave"-Wähler zu hören, die ihre Entscheidung bereits bereuten. Ich denke, dass sie das tun, weil ihnen bewusst geworden ist, wofür die EU steht.

In meinen Augen repräsentiert die EU Einigkeit, Freundschaft und Freiheit. Aus einer vollkommen egoistischen Sichtweise betrachtet, werde ich in Zukunft nicht mehr frei reisen können, um meine Freunde in Deutschland oder Frankreich zu sehen. Alle meine britischen Freunde und ich schämen sich für das, was passiert ist. Wir möchten die anderen Europäer wissen lassen, dass wir nicht dafür verantwortlich sind. Wir wollen nicht mit den Brexit-Wählern über einen Kamm geschoren werden. Wir wollten in der EU bleiben und sind zutiefst enttäuscht, dass wir sie nun verlassen müssen. Wir wollen, dass ihr wisst, dass wir uns immer noch als Teil der EU fühlen – wenn auch nur noch auf persönlicher und emotionaler Ebene.

Für welche Werte wollen wir Briten stehen?

Wegen meiner irischen Großeltern bin ich berechtigt, mich im Foreign Births Register in Dublin zu registrieren zu lassen. Dadurch habe ich die Möglichkeit, einen irischen Pass erhalten und somit Bürger der EU bleiben. Doch das Brexit-Votum hat meine Identität erschüttert. Eigentlich sollte ich Brite und EU-Bürger sein. Doch nun muss ich einen irischen Pass beantragen, um Unionsbürger bleiben zu können.

Ob ich mich immer noch als Brite fühle? Die Wahrheit ist, dass ich mich für mein Land schäme und dass ich zum ersten Mal in meinem Leben nicht wirklich sicher bin, ob ich mich britisch fühle oder gar Brite sein möchte. Ausgrenzung, geschlossene Grenzen und Misstrauen gegenüber Fremden – sind das die Werte, für die ich stehen möchte?

Mit meiner Meinung stehe ich nicht allein. In Nordirland und Schottland wurde mehrheitlich für einen Verbleib Großbritanniens in der EU gestimmt. Nun wird ein weiteres schottisches Unabhängigkeitsreferendum vorbereitet und die Idee eine vereinigten Irlands taucht wieder auf. Lediglich England und erstaunlicherweise Wales (eines der Länder, das die höchsten EU-Fördergelder erhalten hat) stimmten mehrheitlich für den Brexit. Schlussendlich werden wir beobachten, wie das Vereinigte Königreich zersplittert – und das alles nur aufgrund von Lügen und Betrug.

Warum also werde ich einen irischen Pass beantragen? Weil ich wie viele andere junge Briten leidenschaftlicher Europäer bin. Ich bin davon überzeugt, dass es uns gemeinsam besser geht. Doch nun müssen wir – die Briten – Angst davor haben, in Zukunft allein dazustehen.

(Aus dem Englischen von Christoph Rieke)

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Quelle: n-tv.de

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