Politik

Labour, Fußball und die Jugend Was Cameron noch retten könnte

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Nicht gerade auf dem Höhepunkt seiner Popularität: Eine Demonstration gegen Cameron am Wochenende in London.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Der Zeitpunkt könnte für den britischen Premier Cameron kaum schlechter sein: In Kürze stimmt das Land über den Brexit ab – wofür der Konservative ausgerechnet die Hilfe der Labour-Partei und der englischen Fußball-Nationalmannschaft braucht. 

Lange ist es nicht mehr hin. In knapp zwei Monaten entscheiden die Briten über eine der wichtigsten Fragen ihrer Geschichte in der EU: Soll Großbritannien ein Mitglied der Europäischen Union bleiben oder die Europäische Union verlassen? In der vergangenen Woche starteten die offiziellen Kampagnen zum Referendum, am 23. Juni findet dann der Entscheid statt, dessen Ausgang und Folgen noch unabsehbar sind.

Für den britischen Premierminister David Cameron, der für einen Verbleib Großbritanniens in der EU kämpft und dessen politisches Schicksal davon abhängt, kommt die Entscheidung zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Gerade erst setzten ihm die Enthüllungen durch die "Panama Papers" deutlich zu. Nach tagelangem Zögern räumte er die Beteiligung an einer Briefkastenfirma seines Vaters ein, die er erst kurz vor seinem Amtsantritt 2010 verkauft hatte. Hinzu kommt eine Schenkung seiner Mutter in Höhe von 200.000 Pfund, die ebenfalls ein schlechtes Licht auf den Konservativen wirft und die auch dessen Pro-Europa-Kampagne mit der wenig verheißungsvollen Abkürzung BSE (Britain Stronger in Europe) gefährden könnte.

Schwerer noch als Camerons Verfehlungen dürfte wiegen, dass Europas Ruf gerade katastrophal ist: Jahrelange Griechenland-, dann Flüchtlingskrise, Dauerzank unter den EU-Staaten, Bilder von Zäunen mit Stacheldraht und Migranten im Tränengasnebel. In dem EU-Ukraine-Referendum zeigten die Niederländer erst vor Kurzem, wie wenig sie von der EU halten, in vielen Ländern erstarken nationalistische Strömungen. Gleichzeitig wächst die Abneigung gegen das vermeintliche "Establishment", wozu natürlich Brüssel gehört, und die Angst vor islamistischem Terror.

Dies alles sind wunderbare Argumente für die Brexit-Befürworter, zu denen rund ein Drittel der britischen Parlamentarier zählen: Neben den rechtspopulistischen Ukip-Anhängern befürworten auch viele Kabinettsmitglieder und Parteifreunde Camerons einen EU-Austritt, unter ihnen der charismatische Londoner Bürgermeister Boris Johnson. Er und viele andere wissen die Emotionen auf ihrer Seite und können somit leichter ihre Wähler mobilisieren. Schon sehen die Umfragen die beiden Lager etwa gleichauf und je geringer die Wahlbeteiligung, desto größer die Chancen der Brexit-Befürworter.

Schützenhilfe von Corbyn

Dies führt zu der paradoxen Situation, dass Cameron und die EU-Befürworter aus der Wirtschaft nun ausgerechnet einem Mann zu Dank verpflichtet sind, von dem sie es wohl nie erwartet hätten: Labour-Chef Jeremy Corbyn. Der Linke erklärte in der vergangenen Woche erstmals öffentlich, ein EU-Verbleib sei "im besten Interesse des Volkes dieses Landes". Die EU habe Jobs geschaffen und biete Schutz für "Arbeiter, Konsumenten und die Umwelt". Zwar müsse sich die EU ändern, was aber nur gehe, wenn Großbritannien mit den "Verbündeten in der Europäischen Union" zusammenarbeite.

Noch 1975 hatte der Linke – im Gegensatz übrigens zu Margaret Thatcher – beim letzten Referendum gegen die Mitgliedschaft in Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft gestimmt. Sein Gesinnungswandel könnte nun ironischerweise Cameron retten, der als Premier nach einer Abstimmungsniederlage den Brexit kaum mehr aushandeln dürfte und laut Parteifreund Kenneth Clarke "nicht 30 Sekunden im Amt bleiben" würde. Corbyn kann als EU-Skeptiker möglicherweise überzeugender als mancher Wirtschaftsvertreter darlegen, warum Europa trotz kritikwürdiger Punkte für die Briten wichtig ist. Bei Cameron & Co. jedenfalls dürfte die Erleichterung über Corbyns Bekenntnis zu Europa groß gewesen sein, sind sie doch definitiv auf die Stimmen der Millionen Labour-Anhänger angewiesen.

Auch andere Stimmen sind für sie essenziell: die der jungen Wähler. Im Gegensatz zur älteren Generation sind laut Umfragen drei Viertel der jüngeren Briten proeuropäisch eingestellt. Allerdings gehören sie gerade zu der Gruppe, die eher nicht zu den Urnen geht, zumal sie sich noch dank einer Wahlrechtsänderung durch Cameron erst registrieren lassen muss. Nicht zuletzt fällt dann auch noch das Referendum ausgerechnet mit dem Festival in Glastonbury zusammen. "150.000 unserer Wähler könnten dann zu beschäftigt sein, in Somerset high zu werden, als dass sie zur Wahl gehen könnten", so ein Brexit-Gegner, den der britische "Guardian" zitiert.

Leichtes Spiel bei der EM-Vorrunde?

Auch ein anderes Ereignis könnte den Brexit-Ausgang maßgeblich beeinflussen: die Fußball-Europameisterschaft in Frankreich. Am Montag vor der Wahl findet das letzte Vorrundenspiel der Engländer statt und aller Voraussicht nach könnten sie, schon in der EM-Qualifikation ungeschlagen, dabei leichtes Spiel haben: Schließlich sind ihre Gegner Russland, Wales und die Slowakei. Ein Weiterkommen in der EM aber könnte zu einer allgemeinen Jubelstimmung führen, die wiederum positiv auf die EU-Abstimmung abfärben könnte.

Nicht zuletzt kann dann noch einmal allen Fußballfans klar werden, dass ein Brexit neben allen wirtschaftlichen Folgen auch für die Fußballnation Großbritannien eine Katastrophe wäre. Arsenal-Manager Arsène Wenger erklärte schon, dass ein Brexit viele Fragen im Fußball aufwerfe. So sei es zum Beispiel unklar, ob europäische Spieler in britischen Clubs dann einen anderen Status hätten und möglicherweise eine Arbeitserlaubnis bräuchten. "Das wird den Zustrom ausländischer Spieler komplett infrage stellen." Noch ist die Premier League die erfolgreichste Liga in Europa, ein Brexit Großbritanniens könnte diesen Stellenwert nachhaltig beschädigen.

Oder wie es James McGrory, ein Sprecher der BSE-Kampagne, sagt: "Die führenden Figuren im Fußball sind hier eindeutig: Das Verlassen der EU würde das schöne Spiel in diesem Land entstellen." Vielleicht zählt das ja mehr als alle Warnungen der Wirtschaft.

Quelle: ntv.de