Politik

Bei "Charlie" wird wieder gelacht "Wo sind bloß die Jungfrauen?"

Die Überlebenden der Redaktion von "Charlie Hebdo" haben es geschafft: Das neue Heft ist pünktlich erschienen. Vorn zeigt es einen traurigen Mohammed, innen ist es voller Witze. Selbst in der Redaktion wird schon wieder gelacht: zum Beispiel über das Glockengeläut von Notre-Dame.

Die neue "Charlie Hebdo" ist bereits ausverkauft. Seit 10 Uhr gebe es an den Verkaufsstellen in Frankreich kein Exemplar der neuen Ausgabe des Satiremagazins mehr, meldet die französische Zeitung "Le Monde". Allerdings sollen die Zeitschriftenläden bis zum 19. Januar täglich mit frischen Exemplaren beliefert werden.

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Stolz präsentiert der französische Innenminister Manuel Valls die neue "Charlie". Ihm die Hand geben zu müssen, wird im Heft als "Nachteil" der Anschläge aufgelistet.

(Foto: Reuters)

Insgesamt sollen fünf Millionen Hefte gedruckt werden. Bereits am frühen Morgen hätten sich vor den Kiosken am Pariser Ostbahnhof Schlangen gebildet, so "Le Monde". Ein Zeitungsverkäufer, der seinen Stand um 6 Uhr morgens geöffnet hatte, hatte schon 40 Minuten später keine "Charlie Hebdo" mehr.

Die aktuelle Ausgabe ist ein Sonderfall. Viele Karikaturen darin stammen aus der Feder der ermordeten Mitarbeiter; sie wurden abgedruckt, um ihrer zu gedenken. Vor allem finden sich jedoch aktuelle Zeichnungen und Texte in der neuen "Charlie Hebdo". Auf dem Titelblatt etwa ist der Prophet Mohammed zu sehen. Er hat ein Schild mit dem Spruch in der Hand, der zur zentralen Parole auf den Gedenkveranstaltungen für die Toten der Anschläge in Paris geworden ist: "Je suis Charlie", ich bin Charlie. Über ihm steht der Satz "Alles ist vergeben".

Die Ausgabe zusammenzustellen, muss ein Kraftakt gewesen sein. "Seit einer Woche hat 'Charlie', dieses atheistische Magazin, mehr Wunder vollbracht als alle Heiligen und Propheten zusammen", heißt es im Leitartikel. Am stolzesten sei man darauf, das Heft überhaupt fertig gestellt zu haben; am meisten gelacht habe man darüber, "dass die Glocken von Notre-Dame zu unseren Ehren geläutet wurden". Das Blatt ist bekannt für seine harten Witze über die katholische Kirche.

Sitzen drei Islamisten zusammen

Der Leitartikel zählt all die 17 Toten namentlich auf, die von den Terroristen ermordet wurden - nicht nur die Mitarbeiter der Zeitschrift, auch die Polizisten und die Kunden des koscheren Supermarktes. Franck Brinsolaro, der zum Schutz von "Charlie"-Chefredakteur Stéphane Charbonnier eingesetzt war, und die anderen Polizisten seien für die Verteidigung von Ideen gestorben, "die sie vielleicht gar nicht geteilt haben".

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(Foto: Charlie Hebdo)

Auch mehrere Karikaturen im Inneren des Heftes nehmen Bezug auf das Massaker am 7. Januar. Eine Zeichnung zeigt drei schlecht gelaunte Islamisten, von denen einer sagt, man dürfe die Leute von "Charlie Hebdo" nicht anfassen. Ein anderer liefert die Begründung: "Sie werden als Märtyrer durchgehen, und später im Paradies nehmen uns die Arschlöcher die ganzen Jungfrauen weg." Weiter hinten greift eine andere Zeichnung dieses Thema auf: Die beiden Attentäter Chérif und Saïd Kouachi schweben mit Maschinengewehren um den Hals ins Jenseits. Wo bloß die 70 Jungfrauen seien, fragt einer der beiden. Von einer Wolke, auf der augenscheinlich eine Orgie gefeiert wird, kommt die Antwort: "Bei der Belegschaft von Charlie, ihr Flaschen!"

Eine weitere Karikatur greift nicht nur den Islam, sondern auch das Christentum und das Judentum an. "Jalta im Vatikan" ist die Zeichnung überschrieben. Mit grimmigen Blicken beugen sich der Papst, ein Muslim und ein Rabbi über eine Weltkugel. "Ich überwache den westlichen Sektor", sagt der Papst zum Muslim. "Du überwachst den östlichen Sektor." (Welchen Sektor der Rabbi bekommen soll, geht aus der Karikatur nicht hervor.) Im Badeort Jalta auf der Krim planten die USA, Großbritannien und die Sowjetunion 1945 die Teilung Europas.

Die Vor- und Nachteile des Anschlags

In einer "Bilanz der vergangenen Tage" zählt der Karikaturist Luz, der auch das Titelbild gezeichnet hat, die Vor- und Nachteile des Anschlags auf. Als Vorteil sieht er die große Demonstration der Solidarität - als Nachteil, dass dabei die französische Nationalhymne gesungen wurde. Ein Vorteil sei auch, dass Popstar Madonna "Charlie" unterstütze - der Nachteil dazu ist, dass auch die deutsche Kanzlerin Angela Merkel dies tue. Ein Vorteil sei die finanzielle Unterstützung durch den Staat und durch Google. Das Bild daneben illustriert einen weiteren Nachteil: Es zeigt eine Blutlache und die Hand eines Toten.

Eine Nabelschau ist das Heft nicht: Ein Artikel widmet sich den Massakern der nigerianischen Terrorgruppe Boko Haram, bei denen mehrere Dörfer vernichtet und hunderte Menschen getötet worden waren. Auch dazu gibt es eine Karikatur. "2000 Abonnenten, die 'Charlie' nicht bekommen wird", sagt einer der Boko-Haram-Mörder zu einem anderen.

Quelle: n-tv.de