Politik

Holocaust-Gedenken im Bundestag "Wussten sie, was sie erwartet?"

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Saul Friedländer war zehn Jahre alt, als seine Eltern in Auschwitz ermordet wurden.

(Foto: dpa)

Saul Friedländer ist sechs, als die Nazis in Prag einmarschieren. Seine Eltern werden in Auschwitz ermordet. Er überlebt, wird zum Historiker des Holocaust und spricht nun im Bundestag über Hass, Nationalismus und die Lehren aus dem Unfassbaren.

Es ist still, als der 86-jährige Saul Friedländer im Bundestag zu reden beginnt. Und gleich zu Anfang erinnert er, der Überlebende des Holocaust, an den Grund dieser besonderen Gedenkstunde: an eine Rede Adolf Hitlers vom 30. Januar 1939, in der dieser mit der "Vernichtung der jüdischen Rasse" gedroht hatte. Eine Drohung, die er und seine Millionen Helfer bald in weiten Teilen verwirklichen.

Wie diese Vernichtung genau aussah und wie die deutsche Mordmaschine funktionierte, hat der vielfach ausgezeichnete Historiker in mehreren Standardwerken zur Geschichte des Holocaust detailliert beschrieben. Er hat diese Vernichtung auch selbst erfahren. Mit seinen Eltern, assimilierten Juden, muss er 1939 aus seiner Heimatstadt Prag fliehen. Er ist damals sechs Jahre alt, wie er im Bundestag erzählt, seine Muttersprache ist Deutsch. "Das erste Lied, das ich auf dem Klavier zu spielen lernte war: 'Ich hatt' einen Kameraden'."

Seine Eltern und er schlagen sich durch, zunächst nach Paris, dann ins unbesetzte Frankreich, bis auch dort im Sommer 1942 die Deportationen beginnen. Zu der Zeit werden bereits im Osten Europas Hunderttausende Juden, Sinti und Roma, sowjetische Kriegsgefangene und Behinderte systematisch ermordet, wie Friedländer feststellt: in Belzec, in Sobibor, in Treblinka, in Auschwitz. Für die meisten Juden seien diese Ermordungen "unvorstellbar" gewesen, sagt Friedländer.

Seine Eltern wissen jedoch, dass sie fliehen müssen und versuchen, über die Alpen in die sichere Schweiz zu gelangen. Da ihnen die Flucht für ihren Sohn zu unsicher erscheint, bringen sie ihn schließlich in einem katholischen Knabenseminar in Montlucon unter - was ihm das Leben rettet. Für die Eltern jedoch ist es fatal, denn als sie beim Grenzübertritt mit einer Gruppe anderer Flüchtlinge von der Schweizer Polizei verhaftet werden, erlaubt man Eltern mit kleinen Kindern zu bleiben. Die anderen schickt man in französische Lager. "Wäre ich dabei gewesen, hätten wir wahrscheinlich in der Schweiz bleiben dürfen", sagt Friedländer.

Seine Eltern werden am 6. November 1942 nach Auschwitz deportiert, wo sie - wie mehr als eine Millionen andere Häftlinge - nicht lange überleben. "Ich frage mich oft, ob meine Eltern während der drei Tage dieser höllischen Fahrt zusammen waren. Falls ja, was mochten sie gesagt, gedacht haben?", so Friedländer weiter. "Wussten sie, was sie erwartete?"

Israel wird zur "Heimat"

Friedländer überlebt unter dem Namen Paul-Henry, kurz nach der Gründung Israels zieht er dorthin. Für Juden wie ihn sei die Erschaffung des Staates damals "lebensnotwendig" gewesen, sagt er vor dem vollbesetzten Plenum des Bundestags. Israel bedeutete "Heimat, ein Gefühl von Zugehörigkeit", und das bis zum heutigen Tag. "Das Existenzrecht des Landes zu verteidigen, ist meiner Überzeugung nach eine grundsätzliche moralische Verpflichtung." Dies zu betonen, sei nötig in einer Zeit, in der durch die extremen Rechten und Linken genau dieses Recht in Frage gestellt werde und der Antisemitismus wieder zunehme, sagt Friedländer unter dem Applaus der Abgeordneten - auch fast aller der AfD. In der vergangenen Woche noch hatten Politiker der Partei eine Gedenkveranstaltung mit der Holocaust-Überlebenden Charlotte Knobloch verlassen, als diese der AfD "Hass und Ausgrenzung" vorgeworfen hatte.

"Der heutige Hass auf Juden ist ebenso irrational, wie er es immer schon war", sagt Friedländer. Vor allem bei den Rechten seien neue und alte Verschwörungstheorien im Umlauf, während die Linke obsessiv das Existenzrecht Israels angreife. Dabei betont Friedländer: "Der Antisemitismus ist nur eine der Geißeln, von der jetzt eine Nation nach der anderen schleichend befallen wird." Hinzu kämen in besorgniserregender Weise: Fremdenhass, die Verherrlichung autoritärer Herrschaftspraxis und wachsender Nationalismus.

Für Friedländer ist Deutschland noch "eines der starken Bollwerke" gegen diese Gefahren, weshalb er nach anfänglichem Zögern auch die Einladung zur Rede im Bundestag angenommen habe. Er hoffe, wendet er sich an die Abgeordneten, dass diese die moralische Standfestigkeit besäßen, "weiterhin für Toleranz und Inklusivität, Menschlichkeit und Freiheit, kurzum für die wahre Demokratie zu kämpfen".

Dies ist für Friedländer eine der Lehren aus dem Mord an sechs Millionen Juden durch die Deutschen. Oder, wie ihn zuvor Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble in einer einleitenden Rede zitiert hatte: "uns mitmenschlich zu verhalten." Genau an dieser Mitmenschlichkeit habe es gefehlt, als Juden zu Nichtmenschen und Slawen zu Untermenschen degradiert worden seien, so Schäuble. Dabei brauche es Empathie, um mehr zu sehen und zu verstehen. Dass diese auch Friedländers Werk durchzieht, ist für Schäuble eine der großen Stärken. Genauso wie die Fassungslosigkeit, die Friedländer nie verlassen habe und die seine Arbeit als Wissenschaftler geprägt habe.

Schäuble: "Gemordet hat nicht ein Staat"

Im Gegensatz zu Friedländer betont Schäuble auch explizit die Schuld der damaligen Deutschen: "Gemordet hat nicht ein anonymer Staat, es waren Menschen." Täter und Mitläufer, Menschen, die nichts sehen wollten oder sogar überzeugt gewesen seien, richtig zu handeln. Millionen seien vernichtet worden, und viele bis heute mit den Traumata konfrontiert. "Wir verneigen uns vor dem Schicksal jedes einzelnen."

Auch Friedländer verneigt sich vor den Opfern, indem er viele in seinen Büchern zu Wort kommen lässt und einige der Millionen, die nicht nur vernichtet, sondern auch vergessen werden sollten, namentlich im Bundestag erwähnt. Seine Rede beendet er mit einem Zitat des Widerstandskämpfers Hans von Dohnanyi, der kurz vor Kriegsende hingerichtet wurde. Auf die Frage, was ihn zum Widerstand bewogen habe, habe er mit einem Satz geantwortet, der in seiner Schlichtheit für alle Zeiten gültig sei: "Es war einfach der zwangsläufige Gang eines anständigen Menschen."

Quelle: n-tv.de

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