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Nach dem Terror in Paris Der Angriff auf die Willkommenskultur beginnt

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Vor dem Brandenburger Tor in Berlin treffen sich Menschen, um den Franzosen ihr Mitgefühl auszudrücken.

(Foto: AP)

Einige Bürger und Politiker sind offensichtlich sehr schwer von Begriff: Sie glauben tatsächlich, dass sich der Terror in Europa aussperren lässt, wenn man Flüchtlinge aussperrt.

Nach dem Anschlag in Paris folgt ein Angriff auf die Willkommenskultur. "Wir müssen sehr, sehr schnell festlegen, wie das mit den Grenzkontrollen in Europa und an unseren Binnengrenzen weitergeht", sagt CSU-Chef Horst Seehofer am Tag, nachdem mehr als 120 Menschen in der französischen Hauptstadt ihr Leben geraubt wurde. Es sei wichtig, "dass wir uns Klarheit verschaffen, wer im Land ist und wer durch unser Land fährt". Der bayerische Finanzminister Markus Söder legt in der "Welt am Sonntag" nach: "Die Zeit unkontrollierter Zuwanderung und illegaler Einwanderung kann so nicht weitergehen. Paris ändert alles."

Seehofer und Söder vermischen den Terror von Paris mit der Flüchtlingskrise. Das ist schon schäbig genug. An Stammtischen und in den sozialen Netzwerken gehen Menschen leider noch weiter. Perfide Memes machen die Runde. Auf einem ist eine Schüssel voller Süßigkeiten zu sehen. Darüber steht: "Du sagst, nicht alle Muslime sind gefährlich." Darunter folgt der Satz: "In dieser Schüssel sind ein paar vergiftete M&M's, würdest du eine Handvoll essen?"

Zum Glück erkennen die meisten Menschen, dass es sich bei solchen Äußerungen um plumpe und schamlose Versuche handelt, Terror, Religion und Flucht so zu vermengen, dass die entstandene Verbal-Mixtur einer politischen Agenda nutzt. Es ist der Versuch, die Begrenzung der Zuwanderung für viele mit dem Wahnsinn einiger weniger zu rechtfertigen.

Dabei spielt für die Leute, die so Politik betreiben, letztlich keine Rolle, ob die Attentäter von Paris nun wirklich Fluchtrouten genutzt haben, um nach Europa zu kommen. Neben der Leiche eines Selbstmordattentäters fanden Sicherheitsbehörden den Ausweis eines syrischen Flüchtlings. Doch es ist bisher weder klar, ob das Dokument authentisch ist, noch ob es vom Täter oder von einem Passanten stammt. Und selbst wenn einer der Attentäter über eine Fluchtroute nach Europa gekommen sein sollte, gilt: Flüchtlingtrecks zu nutzen, um Terror nach Europa zu bringen, ist eine Möglichkeit des IS, aber es ist sicher nicht die smarteste.

Die Menschen, die Politik betreiben wie Seehofer, ignorieren den Umstand, dass es vor den großen Fluchtbewegungen der vergangenen Monate viel einfacher für Kriminelle war, sich unbeirrt über den Kontinent zu bewegen. Bevor so viele Flüchtlinge durch Europa marschierten, gab es kaum Polizeipräsenz in Grenznähe, wurde so gut wie nie kontrolliert.

Sie erkennen auch nicht an, dass Syrien-Rückkehrer oder sogenannte "homegrown terrorists" sich nicht in leidlich seetüchtige Flüchtlingsboote setzen müssen, um nach Europa zu kommen. Sie haben französische, deutsche oder belgische Pässe, manche leben seit ihrer Geburt in einem europäischen Staat. Auch mehrere der Attentäter von Paris waren Franzosen.

Willkommenskultur schützt vor Terrorismus

Leider gibt es immer noch einige Menschen, die den Populismus seehoferscher Art nicht durchschauen. Deswegen noch einmal ganz klar, ganz deutlich: Eine großzügige Willkommenskultur ist eine unserer stärksten Waffen gegen den islamistischen Terrorismus.

Warum? Insbesondere die Menschen, die jetzt aus Syrien zu uns kommen, flüchten vor dem Terror des IS. Wer diesen Menschen Hilfe verwehrt, befördert ein Phänomen, auf dem sich zum Teil die Stärke des IS gründet. Einige sunnitische Muslime, die befürchten, dass sie sich vor den Extremisten nicht in Sicherheit bringen können, unterwerfen sich ihm. Lieber im Kalifat leben als sterben, sollten sie sich von ihren vermeintlichen Glaubensbrüdern distanzieren, so die Devise. Nur durch den Rückhalt sunnitischer Muslime in Teilen Syriens und des Iraks kann der IS derart große Gebiete kontrollieren.

Eine großzügige Willkommenskultur ist auch deshalb so wichtig, weil sie die Grundlage für eine erfolgreiche Integration von Zuwanderern ist. Nur wenn sich Flüchtlinge aufgenommen fühlen, können sie Teil unserer Gesellschaft werden. Wer ihnen mit grundlegender Skepsis oder gar Ablehnung entgegentritt, fördert, dass Parallelgesellschaften entstehen. Gerade in Frankreich zeigte sich bei den Anschlägen der vergangenen Monate, dass vor allem junge Männer aus einem wirtschaftlich abgehängten und sozial ausgegrenzten Milieu anfällig für islamistischen Terrorismus sind.

In Deutschland ist bekannt, dass einschlägige Salafisten versuchen, in Flüchtlingsunterkünften zu rekrutieren. Wer das Signal aussendet, "Wir wollen keine Flüchtlinge", liefert diesen Extremisten Argumente. Dabei haben die Gesellschaften der europäischen Staaten überhaupt keinen Grund, vor radikalen Einflüsterern zu kapitulieren. Wenn sie Offenheit, Brüderlichkeit und Toleranz nicht nur propagieren, sondern leben, sind sie viel überzeugender.

Quelle: n-tv.de

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