Österreich-Newsletter

Warten auf Ibiza-Paukenschlag Hitler-Haus wird geblitzdingst

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Servus und herzlich willkommen zur neuen Ausgabe von "Jetzt ist schon wieder was passiert", dem Österreich-Newsletter bei ntv.de!

Mr. Balkanroute macht die Grenzen auf: Seit Donnerstag hat Österreich alle Beschränkungen im Grenzverkehr aufgehoben - außer zu Italien, dem schönsten Nachbarland von allen. Verzeihung, liebe Liechtensteiner. Und liebe Deutsche. Apropos: Gerüchten und Fotos in sozialen Medien zufolge sind die Deutschen ohnehin schon seit Wochen in Österreich eingesickert, unüberwindbar war die Grenze auch in Corona-Zeiten nicht.

Auffallend viele deutsche Kolleginnen verfolgten am Donnerstag den Auftakt zum langerwarteten Ibiza-Ausschuss - der nicht der erhoffte Paukenschlag, sondern eher ein Schlag ins Wasser war. Warum es dennoch spannend bleibt, lesen Sie in dieser Ausgabe von "Jetzt ist schon wieder was passiert". Außerdem: Kann man Adolf Hitlers Geburtshaus "neutralisieren"?

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Freunderlwirtschaft: Filz, Klüngel, Vetternwirtschaft

"Das geht Sie nichts an!"

Zugegeben, dieser Satz von Heinz-Christian Strache ist hemmungslos aus dem Kontext gerissen, fasst den Auftritt des Ex-Vizekanzlers vor dem Ibiza-Untersuchungsausschuss am Donnerstag aber perfekt zusammen. Nichts sehen, nichts hören, schon gar nichts sagen - Strache machte die drei Affen und sorgte damit (wenn auch nicht im Alleingang) für einen zähen Auftakt zur Aufklärung des größten Politskandals der österreichischen Nachkriegsgeschichte.

Eine detaillierte Nacherzählung des ernüchternden Ausschuss-Tages lesen Sie hier, schon am heutigen Freitag geht es weiter - der Ausschuss hat kurzfristig zwei Hochkaräter einbestellt, Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) und Justizministerin Alma Zadić (Grüne).

Die beiden Minister aus dem Kabinett Kurz werden vor allem zu einem Sachverhalt befragt, den Ausschuss-Mitglieder wahlweise als "Frechheit", "Rechtsbruch" oder "Skandal" bezeichnen: Dem parlamentarischen Gremium, das die Hintergründe des Ibiza-Videos beleuchten soll, liegt das Video gar nicht vor - obwohl die Soko "Tape" es schon am 21. April sichergestellt hat.

Wie geladen die Abgeordneten sind, zeigte sich in der Befragung von Nehammer, der Freitagmorgen um 9 Uhr im Lokal 7 der Wiener Hofburg Platz nahm. Weil der Innenminister auf eine Ja-Nein-Frage ("Haben Sie die Justizministerin vom Fund des Videos in Kenntnis gesetzt?") nicht mit Ja oder Nein, sondern mit einer missverständlichen Formel antwortete, entbrannte ein Wortgefecht zur Geschäftsordnung, die Sitzung musste unterbrochen werden. Ein Vorgeschmack auf die nächsten Ausschuss-Tage? In rund zwei Wochen können die Abgeordneten die Uncut-Version des Ibiza-Videos einsehen, am 24. Juni kommt der prominenteste Gast auf der Ladungsliste: Bundeskanzler Sebastian Kurz.

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Im Keller einer Kirche in Vöcklamarkt in Öberösterreich, versteckt hinter einem Schrank, lagerte jahrelang eine verschollen geglaubte Steintafel aus der NS-Zeit. Die Inschrift: "Adolf Hitler, dem Befreier der Ostmark und Gründer des Großdeutschen Reiches sei gedankt". Wie der "Standard" meldet, hat der Ortspfarrer die Tafel jetzt zufällig beim Ausmisten gefunden. Der Bürgermeister wolle sie ins Heimatmuseum verbringen, für eine "kritische Auseinandersetzung".

60 Kilometer weiter Richtung deutsche Grenze wählt man einen anderen Ansatz im Umgang mit der eigenen Geschichte: Das Geburtshaus von Adolf Hitler in Braunau im Inn soll in eine Polizeiwache umgebaut werden, Innenminister Nehammer verkündete am Dienstag den Sieger des Architekturwettbewerbs. Kern des Plans: Nichts soll mehr an die Historie erinnern, der Mahnstein vor dem Gebäude kommt ins Haus der Geschichte in Wien.

Bürgermeister Johannes Waidbacher (ÖVP) sprach von einer "Neutralisierung". Wie kann man sich das vorstellen? Wie im Kult-Streifen "Men in Black", in dem die Agenten mittels "Neutralisator" Menschen "blitzdingsen" und ihnen damit die Erinnerung rauben? Kann man das Geburtshaus von Adolf Hitler blitzdingsen? Sollte man das?

Nein, meint der Leiter der Braunauer Zeitgeschichte-Tage, Florian Kotanko. Das sei schlicht nicht möglich, sagte er dem ORF. Das Mauthausen Komitee Österreich, ein Verein, der sich mit der Aufarbeitung der NS-Zeit beschäftigt, kritisiert das Konzept scharf: "Es orientiert sich an der Devise 'Verdrängung statt Auseinandersetzung'", sagte der Vorsitzende Willi Mernyi dem ORF. "Offenbar will man die Welt vergessen lassen, dass der schlimmste Massenmörder der Geschichte in Braunau geboren wurde."

Endgültig entschieden ist zumindest die Frage des Mahnsteins noch nicht: Das sei Sache der Gemeinde, erklärt das Innenministerium, Bürgermeister Waidbacher will sich noch nicht festlegen: "Das ist politisch noch abzustimmen."

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++ Stand Freitag 10 Uhr verzeichnet Österreich 16.742 bestätigte Coronavirus-Fälle. Bislang sind 672 Menschen an oder mit Covid-19 gestorben. Aktuell verzeichnen die Gesundheitsbehörden noch 429 aktive Infektionen. ++ Unverändert schlecht entwickeln sich die Arbeitslosenzahlen: 517.221 Menschen befinden sich auf Jobsuche oder in Maßnahmen, teilte das AMS (Arbeitsmarktservice) am Dienstag mit. Das sind 174.000 Arbeitslose mehr als im Vorjahr. Rund 1,3 Millionen Menschen sind noch in Kurzarbeit. ++ Immer wieder Ischgl: RTL und ntv liegt exklusiv der interne Polizeibericht zum Corona-Skandal in Tirol vor. Kollege Christof Lang fasst die Kernaussage der rund 1000 Seiten wie folgt zusammen: Man hätte viel früher reagieren können. ++ Eine Strecke, zwei Rennen, zwei Namen: Die Formel 1 kann wie geplant die Corona-Saison auf dem Red-Bull-Ring in Spielberg starten - mit dem Großen Preis von Österreich am 5. Juli. Eine Woche später duellieren sich Weltmeister Lewis Hamilton und Co. an selber Stelle um einen anderen Pokal: den Großen Preis der Steiermark. ++ Massendemonstration in Wien: Rund 50.000 Menschen sind in der Hauptstadt unter dem Motto "Black lives matter" auf die Straße gegangen. Die Veranstalter hatten mir rund 3.000 Menschen gerechnet. ++ Das x-te Ultimatum hat die Einigung gebracht: Gewerkschaft und Konzernmutter Ryanair haben doch noch einen Kollektivvertrag für Laudamotion zustande gebracht. Der Standort Wien mit 500 Beschäftigten ist damit vorerst gesichert. ++

An dieser Stelle verabschiede ich mich jede Woche mit einem landestypischen "Servus und Baba". Ein Leser machte mich jüngst per Mail darauf aufmerksam, dass Deutsche das "Baba" wohl instinktiv wie in "Ali Baba und die 40 Räuber" aussprechen würden, was ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann. Sein Vorschlag: Ich möge doch künftig "Babbaa" schreiben, denn: "Zumindest in der Mitte ist der Stau vor dem zweiten 'b' ein wenig angedeutet, und auch die Längenverhältnisse der Silben wären besser erkennbar." 

Diese Liebe zum phonetischen Detail erfreut mich sehr, ich muss allerdings auf der korrekten Schreibweise (dem Duden-Band "Wie sagt man in Österreich?" entnommen) beharren - und empfehle zur Sprachschulung den Bilderbuch-Song "Baba".

Ich freue mich immer über Nachrichten, egal ob mit Lob, Kritik, Wünschen oder Anregungen  - schreiben Sie mir also gern eine Mail. Wenn Sie diesen Newsletter bequem jeden Freitag per Mail erhalten wollen, tragen Sie sich bitte einfach hier in den Verteiler ein.

Servus und Baba, bis nächsten Freitag

Ihr Christian Bartlau

Quelle: ntv.de