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Ischgl ist wieder Weltmeister Ibiza-Ausschuss geht "am Oasch"

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Wer bin ich, und wenn ja - wie viele? Der "nicht-philosophische Abend" (Heinz-Christian Strache) auf einer Finca in Ibiza hat Österreich nicht nur eine Kurzzeit-Regierungskrise gebracht, sondern auch ins Grübeln - sind wir wirklich eine Bananenrepublik, die ein angeschickerter Politiker der nächstbesten Oligarchennichte zum Kauf anbieten kann?

Warum der Auftritt von Sebastian Kurz beim Ibiza-Untersuchungsausschuss zur Aufklärung nichts beiträgt, sondern nur weitere Fragen aufwirft, erklärt diese Ausgabe von "Jetzt ist schon wieder was passiert". Außerdem: Ischgl ist wieder Corona-Weltmeister.

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am Oasch gehen: auf die Nerven gehen

Eine gute Parodie trampelt nicht auf Menschen herum, sondern erhöht sie, stellt sie auf ein Podest, dreht das Licht auf und das Mikro lauter, damit das Publikum besser erkennt, wen es da eigentlich vor sich hat. So machen es "Maschek", die beim ORF-Dauerbrenner "Willkommen Österreich!" Originalaufnahmen neu vertonen und damit in politisches Kabarett, herrlichen Stuss oder beides verwandeln.

Sebastian Kurz ist in der "Maschek"-Version ein Klassenstreber im Stimmbruch, der arglos, aber doch herrisch über das politische Parkett stolziert. Sein Erkennungssatz: "Das hab ich nicht gewusst."

Viel mehr hat der echte Sebastian Kurz auch nicht gesagt, als er am Mittwoch geschlagene fünf Stunden lang im Ibiza-Untersuchungsausschuss Rede und Antwort stehen sollte - und zum Ärger der meisten Abgeordneten sehr viel Rede, aber wenig Antwort lieferte. An so gut wie alles, was die Parlamentarier gern gewusst hätten, konnte er sich nicht erinnern, wenn überhaupt, hatte er viele Dinge angeblich nur aus den Medien erfahren.

Wie der Mann einmal seine Memoiren schreiben will, bleibt nach dem Auftritt unklar - zumal Kurz erklärte, dass er alle SMS löschen lässt, also auch die von Heinz-Christian Strache. "Der hat mir manchmal mehr geschrieben, als ich lesen konnte", sagte Kurz, endlich hatten auch die Abgeordneten mal was zu lachen.

Noch unterboten wurde die Gedächtnisleistung des Kanzlers von seinem Intimus Gernot Blümel, derzeit Finanzminister, unter der ÖVP-FPÖ-Regierung Kanzleramtsminister und Regierungskoordinator. Auch er hat keinen Schimmer, wie die Postenbesetzungen zustande kamen, die seit dem Ibiza-Video unter Klüngel- und Korruptionsverdacht stehen. Mehr noch: Der Mann weiß nicht mal mehr, wann er vom Ibiza-Video erfahren hat, eine Frage, die wohl die Hälfte aller Österreicherinnen und 99,6 Prozent aller Berufspolitiker im Land quasi auf die Stunde genau beantworten können.

Die Krönung: Blümel war unsicher, ob er als Minister einen Arbeitslaptop hatte. Weil er zum Glück sein Instagram-Profil noch nicht gelöscht hat, können wir helfen - ein Bild vom Juli 2018 zeigt ihn bei der Arbeit, an einem Laptop.

Insgesamt 86 Erinnerungslücken zählte SPÖ-Mann Jan Krainer bei Blümel, "Rekord", bemerkte er spöttisch, aber nach Lachen ist der Opposition nicht mehr zumute nach drei Wochen U-Ausschuss. Eher nach Fluchen. Auch, weil Verfahrensrichterin Ilse Huber seit Sitzungstag eins noch jeden Anfall von Amnesie durchgehen lässt. "Die geht ma am Oasch", entfuhr es der Neos-Abgeordneten Stephanie Krisper am Donnerstag - weil ihr Mikro noch angeschaltet war, konnte man es gut hören. Huber fühlt sich persönlich beleidigt und trat heute Vormittag von ihrem Amt zurück.

Unter Beschuss steht auch der Ausschussvorsitzende Wolfgang Sobotka, ein Parteifreund von Sebastian Kurz, und damit ist ausnahmsweise nicht die Steigerung "Freund, Feind, Parteifreund" gemeint: Immer wieder schützte Sobotka am Mittwoch den Kanzler mit Interventionen gegen die Fragesteller und großzügiger Auslegung der Rechte der Befragten. Die Opposition hält Sobotka für befangen, weil er enge Kontakte zum Glücksspielkonzern Novomatic hatte, der im Zentrum des Systems Ibiza steht ("Novomatic zahlt alle", sagte HC Strache im Video). Sobotkas Ex-Pressesprecher arbeitete lange für die Novomatic; wann er ihn zuletzt gesehen habe? Sie ahnen es: Sobotka kann sich nicht erinnern.

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Endlich mal wieder ein Lob für die armen Ischgler, die seit Monaten mit dem Image der Corona-Drehschleuder leben müssen: "Die Ischgler sind offenbar zäher als andere", sagte am Donnerstag die Innsbrucker Medizinerin Dorothee van Laer, und sie muss es wissen. Van Laer hat als Studienleiterin 1473 Bewohner des Tiroler Ski-Ortes auf Corona-Antikörper getestet und dabei Erstaunliches herausgefunden.

42,4 Prozent der Getesteten weisen Antikörper auf, waren also schon einmal infiziert. Das ist der weltweit höchste bekannte Wert an "Durchseuchung" und an sich schon verblüffend genug. Doch es geht weiter: Nur 15 Prozent dieser Corona-Fälle wurden erkannt, 85 Prozent machten also eine Covid-19-Erkrankung durch, ohne es zu merken. Im Nachhinein will die Hälfte dieser Personen an sich Symptome bemerkt haben, die andere Hälfte gar keine. Insgesamt sind neun Ischgler im Krankenhaus behandelt worden, zwei sind verstorben, die Fallsterblichkeit erreicht also nur 0,26 Prozent.

Weitaus weniger spektakuläre Zahlen ergab übrigens eine Antikörperstudie an einem weiteren Hotspot: In Reichenau an der Rax in Niederösterreich ließen sich 1874 Personen testen, nur bei 121 von ihnen stellten die Mediziner Antikörper fest, das sind 6,5 Prozent.

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++ Stand Freitag 10 Uhr verzeichnet Österreich 17.434 bestätigte Coronavirus-Fälle. Bislang sind 698 Menschen an oder mit Covid-19 gestorben. Aktuell verzeichnen die Gesundheitsbehörden 476 aktive Infektionen. ++ Wiener Forscher haben einen Corona-Nachweis entwickelt, der besonders ärmeren Ländern helfen könnte. Der Test des Instituts für Molekulare Biotechnologie erfordert weder teure Laborausrüstung noch Spezialkenntnisse, nach 30 Minuten liegt das Ergebnis vor, ablesbar an der Farbe im Reagenzglas: Himmelblau heißt positiv. Die Methode der Forscher wird nun begutachtet. ++ Keine Eurofighter mehr, keine schweren Waffen? Verteidigungsministerin Klaudia Tanner hat via Medien Pläne ventiliert, die auf ein Ende der klassischen Landesverteidigung hinauslaufen - das Bundesheer wäre dann eine Art bewaffnetes THW, ergänzt um Cyberabwehr und Terrorismusbekämpfung. Eingeweiht waren weder Koalitionspartner noch Oberbefehlshaber Alexander Van der Bellen, nach einem Rapport beim verärgerten Präsidenten ruderte Tanner zurück: Es gehe ihr nur um eine Diskussion. ++ Mehr Glück als Verstand: Österreichs Tennisstar Dominic Thiem hat sich für sein Verhalten bei Novak Djokovics "Adria-Tour" entschuldigt. "Das war ein Fehler, wir waren zu euphorisch. Es tut mir sehr leid", schrieb Thiem am Donnerstag auf Instagram. Laut seinem Agenten hat Thiem zuletzt drei Corona-Tests innerhalb von sieben Tagen absolviert - alle negativ. ++

Zum Abschied eine Meldung aus der Kategorie "Woran erkenne ich, dass ich in Österreich bin?": Die Stadt Wien hat an jeden Haushalt einen "Gastro-Gutschein" verschickt, insgesamt 950.000 Stück, Mehrpersonen-Haushalte bekommen 50 Euro, Singles 25 Euro. Die Stadt begleitet die Aktion mit ganzseitigen Anzeigen in Zeitungen - und die zeigen was? Natürlich: ein riesiges Wiener Schnitzel. Nicht den Teller, nur das Schnitzel, bildfüllend, ein Petersil und eine Zitrone dazu. Offenbar darf man mit den Gutscheinen trotzdem vegetarisch essen gehen - nur den Weißen Spritzer müssen die Wiener selbst zahlen, alkoholische Getränke werden nicht subventioniert.

Ob XXL-Schnitzel oder Eiernockerln - lassen Sie sich Ihr Wochenende schmecken! Wenn Sie Kritik, Lob, Wünsche oder Anregungen loswerden wollen, schreiben Sie mir gern eine Mail. Wenn Sie diesen Newsletter bequem jeden Freitag per Mail erhalten wollen, tragen Sie sich bitte einfach hier in den Verteiler ein.

Servus und Baba, bis nächsten Freitag

Ihr Christian Bartlau

Quelle: ntv.de