Österreich-Newsletter

Hurra, die Piefkes kommen! Kurz hangelt sich aus dem PR-Desaster

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Servus und herzlich willkommen zur neuen Ausgabe von "Jetzt ist schon wieder was passiert", dem Österreich-Newsletter bei ntv.de!

Kommt ein Kanzler ins Kleinwalsertal - und keiner hält sich an die Abstandsregeln. Nicht der Beginn eines Witzes, sondern einer ungewohnten PR-Panne von Sebastian Kurz.

Um den lauten Nachhall auf den Fehltritt des Bundeskanzlers geht es in der heutigen Ausgabe von "Jetzt ist schon wieder was passiert". Außerdem: Die Piefkes retten die Sommersaison - wie genau der Urlaub in Österreich ab Juni aussehen kann, weiß aber noch niemand.

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Marmeladinger: Deutsche (spöttisch gemeint, mittlerweile veraltet)

Das österreichisch-deutsche Verhältnis hat sich entspannt seit den Tagen der "Piefke-Saga", jenem legendären TV-Vierteiler aus den Neunzigern, der präpotente deutsche Urlauber wie geldgeile Tiroler Touristiker gleichermaßen vorführte. Fast vergessen der Unmut über "Deutschenschwemme" und "NC-Flüchtlinge", die Österreichern die Studienplätze wegnehmen; heutzutage schlägt der größten Migrantengruppe im Land (200.000 Deutsche leben in Österreich) höchstens noch milder Spott entgegen.

Zum Beispiel in der "Zeit im Bild", die am Mittwoch über die Grenzöffnung ab 15. Juni berichtete - aus München, wo ein Passant freudig ins ORF-Mikro bajuwarte, er wolle schleunigst nach Österreich reisen. Die launige Überleitung von ZiB-Moderator Tarek Leitner: "Wenn die zu uns kommen, wollen wir in aller Regel wegfahren." Nämlich nach Italien, das die Grenzen noch geschlossen hält. Aber Kanzler Kurz empfiehlt den Österreichern ja ohnehin, quasi als patriotische Pflicht, den Urlaub im eigenen Land zu verbringen. Vielleicht begegnen sie dort den Deutschen wie in der Karikatur der "Süddeutschen Zeitung" - auf einer Bergspitze, mit Corona-konformem Abstand, versteht sich: "Vermissen tun wir uns nicht - aber fehlen tun wir uns schon, was Ösi?" - "So ist es, Piefke".

Auf die Deutschen freuen sich vor allem jene, die ihr Geld im Tourismus verdienen. Rund 9 Prozent des BIP erwirtschaftet Österreich in dem Sektor, der zu Zeiten der "Piefke-Saga" noch "Fremdenverkehr" hieß. Mehr als ein Drittel aller Nächtigungen entfallen auf Deutsche. Keine Übertreibung also, wenn Tirols Landeshauptmann Günther Platter die Grenzöffnung "die größte Unterstützung für den Tourismus in Tirol" nannte: "Nun haben wir Planungssicherheit."

Platters Nachsatz dürfte in den Ohren der Hoteliers allerdings wie Hohn klingen: Die Branche weiß im Prinzip nur, dass sie ab Pfingsten den Betrieb aufnehmen darf - nicht jedoch, unter welchen Bedingungen. Mit Plexiglas an der Rezeption? Mit Sauna und Swimmingpool? Wie sollen sich Besucher verhalten? Welche Sehenswürdigkeiten haben überhaupt geöffnet? Der Hotellerie-Verband forderte eigentlich Regeln und Empfehlungen "bis spätestens Ende der Woche, um am 29. Mai die Betriebe hochfahren zu können", fix ist noch nichts. Laut Blitzumfrage im Verband will nur rund die Hälfte aller Hotels schon Ende Mai aufsperren, der Rest wartet noch auf weitere Lockerungen, etwa für Hochzeiten und kleinere Kongresse.

*Datenschutz

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47 Jahre lang hatte kein österreichischer Kanzler mehr das Kleinwalsertal besucht und so bald werden sie dort wohl auch keinen Kanzler mehr zu Gesicht bekommen angesichts des PR-Desasters vom Mittwoch. Der Besuch von Sebastian Kurz geriet zum Happening, Maskenpflicht und das Abstandsgebot (ein Babyelefant!) zur Nebensache.

Ein klassischer Fall von Wasser predigen, Grünen Veltliner trinken: Wochenlang pochte die Regierung mit autoritärer Note ("Wer den Abstand nicht einhält, ist ein Lebensgefährder", sagte Innenminister Nehammer) auf die Einhaltung der Regeln, ausgerechnet bei einem Auftritt des Kanzlers regiert dann die sprichwörtliche österreichische Wurschtigkeit.

Wer Kurz verteidigen will, weist auf seine wiederholten Appelle hin, doch Abstand zu halten. Alles richtig, interessanter jedoch ist Kurz' eigene Rechtfertigungsstrategie, die er Donnerstagabend im ORF präsentierte. "Gewisse Dinge kann man nicht planen", sagte er, ohne zu erwähnen, dass er für den Besuch in der Enklave eigens eine Transitgenehmigung durch Bayern beantragen musste, weil es keine Straße auf österreichischem Gebiet gibt - und ohne zu erklären, woher die Bühne stammte, auf der er eine Rede hielt.

Das Wort "Fehler" nahm er nicht in den Mund, auch keine Entschuldigung. Immerhin versprach Kurz für die Zukunft mehr Vorsicht und striktere Regeln. Die Menschen im Tal ("Ich bitte um Verständnis, sie waren neun Wochen lang quasi eingesperrt") lobte er für ihre Rücksicht, die wahren Übeltäter waren für ihn andere: "Die Journalisten haben gelacht, als ich beim Pressestatement um Abstand gebeten habe." Wo denn eigentlich die Polizei gewesen sei, die in den vergangenen Wochen verschärft kontrolliert und empfindliche Strafen verhängt habe, fragt die Moderatorin: "Wir leben im kleinen Österreich. Das ist ein sicheres Land. Ich reise nicht wie die deutsche Bundeskanzlerin mit Polizeikonvois durch das Land." In der Situation noch den Piefkes einen mitgeben - das ist meisterhafte Krisenkommunikation.

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++ Stand Freitag 9 Uhr verzeichnet Österreich 16.035 bestätigte Coronavirus-Fälle. Bislang sind 626 Menschen an oder mit Covid-19 gestorben. Die Zahl der aktiven Infektionen sinkt jetzt wieder kontinuerlich und nähert sich der Marke von 1000 Erkrankten, derzeit sind es 1027 Fälle. ++ Ab heute dürfen Gasthäuser aufmachen, unter strengen hygienischen Bedingungen. Die Regierung hat am Montag ein 500 Millionen-Euro-Hilfspaket für die Gastronomie aufgelegt. Unter anderem wird die Mehrwertsteuer auf alkoholfreie Getränke auf zehn Prozent gesenkt und die Schaumweinsteuer abgeschafft. ++ Die Kulturbranche wartet noch auf ein Hilfspaket und Ansagen, wie es weitergeht. Die Kritik an Kulturstaatssekretärin Ulrike Lunacek von den Grünen, offiziell Kabinettsmitglied, war in den letzten Tagen immer heftiger geworden - am Freitagvormittag ist sie zurückgetreten. ++ Lade ein in der Zeit, dann hast du in der Not: Ex-Außenministerin Karin Kneissl hat sich in ihrer kurzen Amtszeit vor allem mit ihrer Hochzeit hervorgetan, auf der sie mit Russlands Präsident Wladimir Putin tanzte. Vor einigen Wochen hatte sich Kneissl in Interviews beklagt, sie könne wegen Corona kein Geld mit Vorträgen verdienen, nun hat sie einen neuen Job als Kolumnistin - bei Russia Today. ++ Ein Team voller Heiko Herrlichs: Österreich Fußball-Bundesligist LASK Linz hat beim Training gegen das Kontaktverbot verstoßen. Nach Protesten anderer Klubs muss der Tabellenführer nun mit einer empfindlichen Strafe rechnen. Die Saison wird ab dem 2. Juni mit Geisterspielen fortgesetzt. ++ Was für ein Timing: Fast genau ein Jahr nach dem Auftauchen des Ibiza-Videos hat Heinz-Christian Strache am Freitag den neuen Namen seiner Liste formerly known as Die Allianz für Österreich bekannt gegeben. Die FPÖ-Abspaltung geht als "Team Strache - Allianz für Österreich" (also AfÖ) in die Wiener Wahlen im Oktober. ++

Sein, nun ja, Comeback im Nationalrat gibt Strache am 4. Juni: Dann beginnt der parlamentarische Untersuchungsausschuss zu Ibiza, der Ex-Vizekanzler und sein Finca-Buddy Johann Gudenus sind zur ersten Sitzung geladen. Ich habe vor einigen Tagen mit Stephanie Krisper gesprochen, die für die liberalen Neos den U-Ausschuss leiten wird - welche Fragen für sie noch offen sind und warum auch Sebastian Kurz ihr Rede und Antwort stehen muss, lesen Sie am Wochenende in meiner Ibiza-Jubiläums-Geschichte auf n-tv.de.

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Servus und Baba, bis nächsten Freitag

Ihr Christian Bartlau

Quelle: ntv.de