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Völkermord-Debatte Erdogan verpasst "historische Chance"

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Vor 100 Jahren beginnt das Osmanische Reich mit der Vertreibung der armenischen Minderheit, bei der bis zu 1,5 Millionen Menschen sterben. Die Türkei weigert sich bis heute, die Massaker von 1915 als Genozid anzuerkennen. Auch in Deutschland herrschte bislang Zurückhaltung bei der Wortwahl. Bundespräsident Joachim Gauck findet nun bei einem Gedenkgottesdienst deutliche Worte, für ihn geht es um einen "Völkermord". Ankara ist entsetzt, die deutsche Presse diskutiert.

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Klare Worte: Bundespräsident Joachim Gauck gedenkt den Opfern des Völkermordes.

(Foto: REUTERS)

Die Schwäbische Zeitung in Ravensburg bezeichnet die Leugnung des Völkermords durch die Türkei als "Schande": "Weshalb tut sich die offizielle Türkei so schwer, das zu akzeptieren? Der Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches würde seinen Gründungsmythos verlieren. Die Legitimität der Staatsgründung wäre gefährdet, wenn Völkermord eine ihrer Bedingungen gewesen wäre."  

Die Hessische Niedersächsische Allgemeine zieht derweil Parallelen zur deutschen Geschichte und fragt: "Und wie war das mit der deutschen Nazi-Vergangenheit? Auch sie wurde über Jahrzehnte beschwiegen. So war die Bundesrepublik wirtschaftlich und militärisch schon lange in den Westen integriert. Aber es waren erst Gesten wie Willy Brandts Kniefall 1970 vor dem Warschauer Ghetto-Mahnmal und die Rede Richard von Weizsäckers über den 8. Mai 1945 als "Tag der Befreiung", die den Deutschen die Rückkehr in die ethisch-moralische Wertegemeinschaft ebneten. Politiker solchen Formats wünschte man in diesen Tagen auch der Türkei."

Nüchtern betrachtet die Berliner Zeitung die politischen Aussagen des türkischen Staatschefs: "Die Anerkennung des Völkermords wäre nur noch ein kleiner Schritt und der volksnahe Präsident Erdogan der Richtige gewesen, ihn zu beschreiten. Erdogan hat es nicht getan und damit die historische Chance eines Befreiungsschlags in der Armeniendebatte vergeben."

Dem Münchner Merkur hingegen sind die in Deutschland lebenden Türken wichtiger als die Reaktionen der Türkei. Hier lobt man Bundespräsident Gauck und die Parteien des Deutschen Bundestages: "Sie lassen sich, anders als Merkels hasenfüßige Regierung, nicht mehr einschüchtern durch die Drohungen aus Ankara. Endlich! Eine Chance verpasst haben leider die türkischen Vereine in Deutschland. Sie, die so gern auf mehr gesellschaftliche Teilhabe pochen, machen mit ihren Protestaktionen gegen die Völkermord-Resolution des Bundestags einmal mehr klar, wem die Loyalität der meisten hier lebenden Türken gilt. Es ist nicht die Kanzlerin in Berlin. Sondern der Sultan in Ankara."

Lobende Worte für den Bundespräsidenten gibt es auch von der Nürnberger Zeitung: "Während die Bundesregierung beim Thema Armeniermord bis heute herumdruckst, ließ sich Bundespräsident Joachim Gauck vor seiner Rede im Berliner Dom nicht einschüchtern. Warum auch? Sagen, was ist, war stets seine Maxime. Deshalb nahm er gleich mehrmals das Wort Völkermord in den Mund. Allerdings sprach er auch unmissverständlich von deutscher Mitverantwortung. Denn die Massaker wurden damals von deutschen Militärbeobachtern dokumentiert und kritiklos hingenommen."

Zusammengestellt von Annika Thöt

Quelle: ntv.de

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