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Pressestimmen zu Merkels Rückzug "Sie beendet Amtszeit als historische Figur"

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Für Kanzlerin Merkel ist diese Amtszeit auch die letzte.

(Foto: picture alliance/dpa)

Kanzlerin Merkel verkündet ihren Rückzug von der Parteiführung. Übernimmt sie mit diesem Schritt Verantwortung für die jüngsten desaströsen Wahlergebnisse? Oder versucht sie nur, ihrer eigener Demontage zuvorzukommen? Kommentatoren sind geteilter Meinung.

"Nun hat Merkel auch ihre innerparteilichen Gegner überrascht, die immer unverhohlener die Messer wetzten", kommentiert der Kölner Stadtanzeiger den angekündigten Abgang der Kanzlerin. "Sie steht als Handelnde da, nicht als Getriebene und vor allem nicht als Vertriebene." Das sei immer noch die beste Option, wenn eine Niederlage einzuräumen sei. "Wenn nicht noch etwas dazwischen kommt, beendet Merkel ihre Amtszeit als historische Figur: nicht nur als erste Frau im Kanzleramt, nicht nur als Ewigkeitskanzlerin von Helmut-Kohl-Format, sondern auch als erste in der Reihe der deutschen Regierungschefs, die sich selbstbestimmt aus dem Amt zurückzieht, nicht durch Abwahl oder einen Skandal. In Kauf nimmt sie dafür, dass für die Restzeit ihre Durchsetzungsfähigkeit im In- wie im Ausland leidet."

Gleiches befürchtet das Straubinger Tageblatt und rät der Kanzlerin zur Vorsicht: "Mit ihrer Rückzugsankündigung hat Merkel jedenfalls für eine riesige Überraschung gesorgt. Doch sollte sie vorsichtig sein. Ihre Macht wird nun, nach ihrem selbst gesteckten Ausstiegsweg, schneller schwinden, als es ihr lieb sein kann. Wenn sie wirklich möglichst autonom über ihr Schicksal entscheiden will - was übrigens noch so gut wie keinem Spitzenpolitiker gelungen ist - sollte sie zumindest für sich bald weitere Entscheidungen treffen. Vielleicht vermag Merkel bald noch einmal zu überraschen."

Die Zeit dagegen bewundert Merkels Entscheidung, die Parteiführung abzugeben: "Merkel, der man nachsagt, alles vom Ende her zu denken, hat die Größe bewiesen, endlich auch ihr eigenes Ende mitzudenken. Sie ist uneitel genug, sich selbst für ersetzlich zu halten." Dies sei ein Charakterzug, den man bei den wenigsten Spitzenpolitikern antreffe, die so lange auf höchster Ebene gearbeitet haben. "Mehr noch: Merkel hat erkannt, dass mit ihr an der Spitze der Abstieg der Union zu einer 20+x-Partei unaufhaltsam und unumkehrbar gewesen wäre. Eine sicherlich schmerzhafte Einsicht - die im Umkehrschluss aber nicht bedeutet, dass all jene recht haben, die seit Jahren brüllen: "Merkel muss weg!"

Ähnlich sehen es die Badischen Neuen Nachrichten. "Am Beispiel von Angela Merkel müssen sich bald auch die anderen fußlahmen Parteistrategen bei CSU und SPD orientieren." Denn ein Rückzug sorge für neue Perspektiven. "Auch bei der AfD, die Merkels Ankündigung allerdings aufrichtig bedauern wird: Denn ist erst einmal die Lieblingsgegnerin weg, bedarf es auch keiner Alternativen mehr."

Auch das Flensburger Tageblatt sieht nach Merkel ihre Koalitionspartner am Zug: Die Kanzlerin hat plausibler gehandelt als Andrea Nahles, geschweige denn Horst Seehofer. Beide haben Merkel Respekt gezollt, der eine mit einer verblühten Rose, die andere mit der welken Nelke in der Hand. Merkel hat ein neues Format auf die politische Bühne gebracht, ein nüchternes Geständnis ohne Selbstmitleid: Wenn es nicht mehr mit mir geht, dann wird es eben ohne mich gehen. Gehen müssen." Angela Merkel habe ihre Zeit gehabt und sie genutzt. "Wer kann das schon von sich sagen?"

Die Süddeutsche Zeitung dagegen sieht in Merkels Abgang eine logische Konsequenz. "Das Bittere war und ist, dass man seit ihrer Wiederwahl die Lust- und Kraftlosigkeit der Kanzlerin spürt. Regierungserfahrung, Seriosität und Solidität sind ein schöner Dreiklang, aber keine Garantie auf Erfolg. Merkels Erfolgsrezept war der Erfolg - solange sie ihn hatte; seitdem er bröckelte und schließlich ausblieb, wuchsen die Zweifel an ihrer Führungsstärke." In der gerade noch rechtzeitigen Abgabe der Parteiführung habe sie die Kraft noch einmal aktiviert. Wahrscheinlich sei nun, dass sich die Dinge Schritt für Schritt auf eine neue Koalition zu bewegen: "Auf eine Jamaika-Koalition (...), die vor einem Jahr an der Lindner-FDP gescheitert ist. Damals war das Haupthindernis, so hat es Christian Lindner stets erklärt, Angela Merkel. Dieses Hindernis gibt es jetzt nicht mehr zwingend."

Noch drastischer drückt es die Stuttgarter Zeitung aus: "Am Montag um die Mittagszeit ist aus der mächtigsten Frau Europas eine sprichwörtliche lahme Ente geworden. Die Ankündigung Angela Merkels, im Dezember nicht erneut für den CDU-Vorsitz zu kandidieren und keine weitere Legislatur als Kanzlerin anzustreben, bedeutet nicht nur den Anfang vom Ende ihrer Macht, sondern weit mehr: Sie beschneidet ihren Gestaltungsspielraum von diesem Moment an."

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Was denken Sie: Hat die Bundeskanzlerin einen guten Zeitpunkt gewählt?

Der Schwarzwälder Bote sieht Merkels Rückzug eher als verzweifelten Versuch, ihre noch vorhandene Macht zu sichern: "Der Befreiungsschlag? Kluger Schachzug? Rückzug auf Raten? Angela Merkels angekündigter Verzicht auf den CDU-Vorsitz ist der verzweifelte Versuch, das Heft des Handelns nicht völlig aus der Hand zu geben..." Damit bringe sie ihre Kanzlerschaft erst einmal in Sicherheit. Wie lange das gut gehe, sei aber eine andere Frage. "Die Messer waren offensichtlich schon gewetzt. Indiz ist die Nachfolgedebatte, die bereits einsetzt, als Merkel sich noch ungewöhnlich wortreich erklärt. Nun also ist die CDU erst einmal mit sich selbst beschäftigt. Eine Chance für Koalitionspartner SPD?"

Auch die Nürnberger Nachrichten spekulieren bereits über den potentiellen Nachfolger Merkels: "Nicht wenige sehnen sich nach der konservativeren Union zurück. Zwei Kandidaten stehen dafür: Friedrich Merz und Jens Spahn. Annegret Kramp-Karrenbauer und Armin Laschet wären eher die Variante 'Weiter so'. Ihre Kooperation mit der Nur-Noch-Kanzlerin wäre reibungsloser. Doch: Muss sie nicht voller Reibung sein, damit diese CDU wieder lebendig(er) wird? Sie braucht den Streit, sie braucht das Ringen um Positionen. Dafür stünden Merz oder Spahn - aber wohl auch für den Anspruch auf die ganze, nicht bloß die halbe Macht: Sie hätten das Kanzleramt im Blick."

Die Mainzer Allgemeine Zeitung geht im Thema Nachfolger einen Schritt weiter und meint, diesen bereits ausgemacht zu haben. "Die CDU braucht jetzt einen Parteivorsitzenden, der für das Ende der Ära Merkel steht. Und sie wird auch keinen anderen wählen. Die Partei weiß nur zu gut, dass sie dann alle Chancen hat, nach einer nicht mehr abzuwendenden Neuwahl wieder für lange Zeit den Kanzler zu stellen." Sollte Friedrich Merz tatsächlich antreten, habe Jens Spahn keine Chance gegen ihn, ist sich der Kommentator sicher. "Merz wäre nicht nur die richtige Figur, das konservative Profil der Union wieder zu stärken. Führungsqualitäten hat er bereits bewiesen, internationale Erfahrung und Wirtschaftskompetenz bringt er zudem mit. Ob es einem neuen, stärkeren Kanzler mit einer dann wieder arbeitsfähigen Regierung auch gelingen kann, die Krise der liberalen Demokratie wirksam auszubremsen, ist allerdings alles andere als ausgemacht."

Zusammengestellt von Linn Rietze

Quelle: n-tv.de, lri

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