Ratgeber

Tenhagens Tipps Einsteigen? Verkaufen? Weltuntergang?

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Schätzungen zufolge haben sich durch den Corona-Crash bisher Buchwerte von mehr als zehn Billionen Euro in Rauch aufgelöst.

(Foto: imago/Becker&Bredel)

Die Börsen beben. Ein heftiges Donnerwetter sorgt für gigantische Kursverluste. Handelt es sich nur um eine überzogene Panikreaktion der Märkte oder sorgt die Corona-Krise für noch weit größeres Ungemach als befürchtet? Finanztip-Chef Tenhagen gibt eine Einordnung für Anleger.

n-tv.de: Herr Tenhagen, besitzen Sie eigentlich Aktien?

Hermann-Josef Tenhagen: Ja.

Und, machen Sie sich derzeit Sorge?

Nein, ich besitze aber tatsächlich nur wenige Aktien - ein paar Solaraktien und ein paar alte Fonds. Der Großteil meines Geldes steckt in einer Immobilie, die auch noch weiter abgezahlt werden muss. Aber abgesehen davon: Da es sich bei Aktien um eine Langfristanlage handelt, gehe ich davon aus, dass der Corona-Crash in 10 oder 15 Jahren keine größeren negativen Auswirkungen auf den Erfolg eines Aktien-Engagements haben wird.  

Würden Sie denn jetzt Anlegern sogar zum Wiedereinstieg raten?

Hermann-Josef Tenhagen ist Chefredakteur der unabhängigen Verbraucher-Webseite Finanztip.

Hermann-Josef Tenhagen ist Chefredakteur der unabhängigen Verbraucher-Webseite Finanztip.

Nicht gerade heute, aber demnächst. Vielleicht ab kommender Woche. Wer unsicher ist, kann auch in mehreren Tranchen einsteigen. Nächsten Montag einen Teil und dann vielleicht wieder in einem Monat. Aber wie gesagt nur, wenn das investierte Geld eben auch langfristig arbeiten kann und vorübergehende Verluste ausgesessen werden können.

Vom Verkauf aktueller Bestände halten Sie demnach auch nichts?

Genau. Wer sein Geld nicht kurzfristig braucht, kann und sollte dass aussitzen. Andernfalls stellt sich dann ohnehin die Frage des Wiedereinstiegs. Das sogenannte Market-Timing hat für Kleinanleger wenig Sinn. Sie liegen - wie die meisten Profis übrigens auch - beim richtigen Ein- und Ausstiegszeitpunkt meist daneben

Was halten Sie davon, dass viele Anleger in Rentenpapiere flüchten?

Die Frage ist doch, ob dies tatsächlich Kleinanleger sind oder doch nicht eher Institutionelle. Ich halte aber Rentenfonds bei der derzeitigen Niedrigzinsphase als Geldanlage ohnehin für wenig geeignet. Abgesehen davon würde sich dann auch hier die Frage stellen, wann man wieder aussteigt.

Ist denn Gold eine Lösung für ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis?

Zugegeben - wer im letzten Jahr Gold gekauft hat, kann sich jetzt über Gewinne zwischen 20 oder sogar 25 Prozent freuen. Aber natürlich nur, wenn diese denn auch realisiert, sprich, die Barren, Münzen oder ETCs auch verkauft würden. Ansonsten schwankt Gold als Anlage sehr und ist insofern keinesfalls risikofrei. Wer dem Glitzern nicht widerstehen kann, sollte es nicht übertreiben. Mehr als 10 Prozent des Vermögens sollten nicht in Edelmetalle investiert sein. Und das dann aber auch ganz unabhängig von der derzeitigen Situation.

Und wie schaut es mit einem Investment in Öl aus? Das ist derzeit ja auch preiswert zu haben.

Wir bei Finanztip raten Kleinanlegern nicht zu Spekulationen. Insofern gehört Öl in Form von Heizöl in den eigenen Öltank. Aber eben nicht ins Depot. Heizöl hingegen sollte man jetzt tatsächlich kaufen. Und zwar aus zwei Gründen. Erstens, weil es derzeit billig ist und zweitens, weil ab dem kommenden Jahr CO2-Steuer darauf fällig werden. Ölheizer sollten also unbedingt zeitnah nachtanken.

Okay, werden wir konkret. Wie sollten Anleger mit einem Vermögen von 100.000 Euro es auf lange Sicht verteilen?

Zunächst einmal sollte ein kleiner Teil aufs Tagesgeldkonto. Wer 3000 oder 4000 Euro hier für unvorhergesehene Ausgaben parkt, macht nichts falsch. Dann sollte geschaut werden, ob in den nächsten Jahren größere Summen benötigt werden. Wenn also klar ist, dass eine bestimmte Summe zu einem fixen Termin gebraucht wird, sollte dieser Betrag fest bis zu diesem Zeitpunkt angelegt werden. Und den Rest würde ich langfristig in weltweit anlegende Aktienfonds, am besten ETFs, stecken.

Demnach glauben Sie trotz Corona-Crash nicht an die ganz große Finanzkrise?

Nein, definitiv nicht. Den ersten Crash an der Börse gabs schon, einen Crash des Finanzsystems erwarte ich sicher nicht. Möglich, dass es zu einer schweren Rezession kommt. Das wäre kein Weltuntergang, gehört zu den normalen Zyklen von Volkswirtschaften. Dann wird es an der Börse wieder aufwärtsgehen. Abgesehen davon sollten alle, die mit einer ernsthaften Krise der Weltwirtschaft rechnen, vor allem etwaige Schulden zurückzahlen. Denn wer in diesem Szenario seinen Job verliert, ist als Schuldner doppelt gekniffen.

Abschließend noch zu wirklich wertvollen Dingen - Leib und Leben. Wie schätzen Sie die Entwicklung der Corona-Epidemie im Allgemeinen ein?

Ich bin kein Virologe und orientiere mich auch nur an den Einschätzungen der Experten, etwa beim Robert-Koch-Institut. Insofern bin ich um mich selbst nicht in Sorge, bei meinen 90-jährigen Eltern dann schon eher. Ihnen rate ich schon zur Vorsicht.

Mit Hermann-Josef Tenhagen sprach Axel Witte

Quelle: ntv.de